Prof. Ziad Medoukh schildert einen Augenzeugenbericht über die anhaltende Verwüstung Gazas und das Leid der Zivilbevölkerung und betont fünf Kernbedingungen: unerbittliche Bombardements, massive Zerstörung der Infrastruktur (etwa 85 % Gazas), akute Engpässe bei Medikamenten, Lebensmitteln und Wasser, ein aufkommender Hungersnot—insbesondere im Norden Gazas—sowie ein allgegenwärtiges Fehlen politischer Perspektiven nach fast zwei Jahren. Als französischsprachiger Professor und zivilgesellschaftlicher Aktivist beschreibt er improvisierten virtuellen Unterricht, zusammenbrechende Universitätsinfrastrukturen und Bemühungen, die Ausbildung junger Menschen sowie gewaltfreien bürgerschaftlichen Einsatz trotz Vertreibung und persönlicher Verluste aufrechtzuerhalten. Medoukh besteht darauf, dass internationale Organisationen Menschenrechtsverletzungen dokumentieren und zugleich Israel dazu drängen müssen, Übergänge zu öffnen und groß angelegte, würdige humanitäre Verteilungen zuzulassen; er hebt hervor, dass Hilfskonvois, Fallschirmabwürfe und finanzielle Transfers in hohem Maße unzureichend oder umgeleitet sind. Politisch argumentiert er, dass nur eine verhandelte, rechtsbasierte Lösung—St
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Gaza steht nicht nur als Ort akuter Zerstörung, sondern als Prüfstein für internationale Moral, Recht und Politik. Die Zeugenschaft aus Gaza, wie sie in der jüngsten Gesprächsrunde mit Prof. Ziad Medoukh vorgetragen wurde, zwingt dazu, das Leid der Zivilbevölkerung, die systematische Zerstörung ziviler Strukturen und die unzureichenden Hilfsmechanismen gleichermaßen als politische Tatsachen zu lesen. Was dort passiert, ist kein abstraktes Humanitäreskript: Es ist ein andauernder Bruch von Lebensrealitäten, Institutionen und Zukunftsentwürfen – und die Antworten bleiben nicht nur ungenügend, sondern häufig kontraproduktiv.
## Gaza hautnah: fünf dominante Merkmale des Leids
Die Darstellung rückt fünf zentrale Elemente in den Mittelpunkt: nächtliche Bombardements, massive Zerstörung, Mangel an essentiellen Gütern, drohende Hungersnot und eine lähmende Perspektivlosigkeit. Diese Kategorien verschränken sich gegenseitig: Wo Infrastruktur zerstört ist, verdoppelt sich der Mangel; wo Mangel herrscht, wächst die Verwundbarkeit gegenüber weiterer Gewalt. Prof. Ziad Medoukh, der aus der Stadt Gaza berichtet, beschreibt diesen Alltag nicht als episodische Katastrophe, sondern als Dauerzustand – 22 Monate andauerndes Bombardement, das öffentliche Leben in Trümmer verwandelt und Privatleben in einen permanenten Überlebenskampf transformiert. Die Tatsache, dass etwa 85 % der zivilen Infrastruktur laut seinem Bericht zerstört sind, unterstreicht das Ausmaß: Universität, Schulen, religiöse Stätten, Wasser- und Energieversorgung sind nicht nur beschädigt, sie sind vielfach funktionsunfähig.
## Alltag im zerfallenden System: Überlebensstrategien und soziale Erosion
Die Schilderung des Alltags in Gaza liest sich wie eine Liste elementarer Entbehrungen: Trinkwasser wird gesucht, Nahrung ist rar und unbezahlbar, Gas fehlt, Strom ist eine seltene Währung. Konkrete Praktiken – das Sammeln von Holz, das Aufsuchen von Solar-Ladepunkten – zeigen, wie eine hochgradig technisierte Urbanität in eine handwerkliche Tauschökonomie zurückgedrängt wird. Besonders eindringlich ist das Bild der sozialen Erosion: Solidarität, einst tragendes soziales Kapital, schrumpft unter dem Druck materieller Knappheit. Das bedeutet nicht, dass Solidarität verschwindet, sondern dass sie gezwungen wird, sich neu zu artikulieren – oftmals überschattet von Konkurrenz, Preistreiberei und Machtvakuum. Medoukh betont zudem die psychologische Dimension: Hoffnung, die wiederholt auf „morgen“ projiziert wird, zerschellt an wiederholten Fehlschlägen, was kollektive Resilienz schwächt.
## Angriffe auf Bildung und Zivilgesellschaft: Verlust einer Zukunftsinfrastruktur
Die gezielte oder beiläufige Zerstörung von Universitäten und Sprachzentren trifft nicht nur aktuelle Studierende; sie zielt auf die Reproduktion von Wissen, kultureller Vielfalt und zivilem Diskurs. Medoukh, selbst Gründer und Leiter von französischen Studiengängen und Friedensinitiativen in Gaza, berichtet von der Verwüstung seiner Einrichtungen und dennoch von einem ungebrochenen Bemühen, virtuell weiterzuarbeiten. Diese Ambivalenz – Zerstörung einerseits, trotziger Bildungsbetrieb andererseits – symbolisiert die Spannungen einer Gesellschaft, die sich nicht einfach aufgibt. Universitäten waren für Gaza Orte des Austauschs, der Förderung von Demokratie, Frauenrechten und Meinungsfreiheit. Ihr Verlust ist daher auch ein Verlust politischer und sozialer Formationsräume, die Mittelschichten, Nachwuchsführungskräfte und Friedensakteure hervorbringen hätten können. Die Folge: Eine Verarmung des öffentlichen Raums, zugleich das Risiko, dass politischer Extremismus im Vakuum Fuß fasst.
## Humanitäre Hilfe unter Blockade: Logistik, Korruption und moralische Verantwortung
Ein zentrales Argument des Gesprächs ist die strukturelle Begrenzung humanitärer Hilfe durch die Kontrolle der Übergänge. Obwohl internationale Konvois existieren, werden sie vielfach blockiert, umgelenkt oder geplündert. Medoukh schildert dabei zwei Ebenen des Scheiterns: erstens die administrative und militärische Kontrolle, die Import und Verteilung limitiert; zweitens lokale Mechanismen – Kriegsgewinnler, bewachte Lager, finanziell ausbeutende Agenturen –, die den realen Wert externer Hilfe massiv verringern. Die Berechnung, dass zehn Euro außerhalb Gazas nur einen Euro an realer Kaufkraft im belagerten Gebiet entsprechen können, markiert ein dramatisches Effizienzproblem. Luftabwürfe, so zeigt die Erzählung, sind keine Lösung: Waren fallen ins Meer, auf Dächer, oder verursachen Todesopfer; sie kompensieren nicht den Bedarf an systematischer Versorgung. Angesichts dessen wird die Forderung nach der Öffnung der Checkpoints und der Wiedereingliederung der UNO in Logistikprozesse zur zentralen Gerechtigkeitsfrage: Wer die Grenzen kontrolliert, bestimmt das Überleben ganzer Bevölkerungsgruppen.
## Sprache und Recht: Begriffe wie „Völkermord“ und die internationale Reaktion
Die Frage, welche Terminologie angemessen ist, nähert sich kaum nur semantisch. Sie ist politisch und rechtlich aufgeladen. Medoukh vermeidet persönlich, den Begriff „Völkermord“ zu verwenden, und überlässt diese Qualifizierung internationalen Organisationen und unabhängigen Experten. Diese Zurückhaltung ist strategisch: Opfer dürften nicht allein zum Wortführer werden, weil ihre Aussagen dann politisch delegitimiert werden könnten. Gleichzeitig betont die Berichterstattung, dass das erlebte Grauen jenseits empfundener Beschreibungen existiert. Die sachliche Bitte: unabhängige und internationale Institutionen sollen die rechtliche Klassifizierung vornehmen und daraus Konsequenzen ziehen. Diese Sicht verweist auf das Dilemma der internationalen Gemeinschaft: rechtliche Kategorien sind Werkzeuge, aber ohne politische Durchsetzungsmechanismen bleiben sie symbolisch.
## Politische Lösung und die Notwendigkeit demokratischer Erneuerung
Aus der Perspektive der Gesprächsteilnehmer ergibt sich klare Orientierung: Es gibt keine militärische Lösung. Frieden kann nur politisch erreicht werden – und das in drei miteinander verknüpften Schritten: Anerkennung eines freien und unabhängigen palästinensischen Staates, die Herstellung territorialer Kontinuität zwischen Gaza und dem Westjordanland, und die dringende Durchführung demokratischer Wahlen. Letzteres ist nicht nur ein formales Demokratiegebot, sondern eine Voraussetzung für Legitimität, Verantwortlichkeit und die Reorganisation sozialer Systeme nach Jahren der Spaltung. Die anhaltende Spaltung – unterschiedliche Regierungen in Gaza und im Westjordanland – hat die Bevölkerung schutzlos gemacht gegenüber Besatzung, interner Korruption und militärischer Gewalt. Die Wiederbelebung eines Friedensprozesses erfordert demnach nicht nur Verhandlungen zwischen Staaten, sondern interne palästinensische Reformen und eine internationale Bereitschaft, politische Lösungen zu garantieren.
## Schlussfolgerungen: Verantwortung, Solidarität und strategisches Handeln
Die Aussagen aus Gaza fordern eine Doppelbewegung: Erstens die unmittelbare humane Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, die Blockaden zu beenden, humanitäre Korridore sicherzustellen und effektive, ungestörte Verteilungsmechanismen unter UNO-Hoheit zu etablieren. Zweitens die langfristige Verpflichtung zu politischem Handeln, das Wahlen, Staatsbildung und territoriale Kontinuität umfasst. Für Solidaritätsakteure jenseits des Gazastreifens folgt daraus auch eine Reflexion über Wirksamkeit: Geldsendungen sind gut gemeint, aber oft ineffektiv; Informationsarbeit, politischer Druck, juristische Schritte und Unterstützungsformen, die Transparenz und direkte Rechenschaft fördern, sind wirkungsvoller. Schließlich ist die Stimme der Zivilgesellschaft in Gaza, repräsentiert durch Akademiker wie Prof. Ziad Medoukh, ein Aufruf, nicht nur zu mitleiden, sondern politisch zu handeln – mit klaren Forderungen an die internationalen Institutionen, die derzeit behindert sind, wirksam zu werden.
Das Zeugnis aus Gaza ist kein Appe
Transcript
Gaza hautnah: Der unbeugsame Widerstand
eines Volkes | Prof. Ziad Medoukh
Heute spreche ich mit Dr. Ziad Medoukh, einem französischsprachigen Professor, Schriftsteller und
palästinensischen Dichter, der derzeit in der Stadt Gaza lebt. Er spricht also direkt aus Gaza zu uns.
Professor Medoukh, der einen Doktortitel in Sprachwissenschaften von der Universität Paris besitzt,
leitet die Französischabteilung der Al-Aqsa-Universität in Gaza und koordiniert außerdem das
Friedenszentrum derselben Universität.
#M2
Guten Tag allerseits, hier ist Pascal von Neutrality Studies. Heute habe ich die große Ehre, auf
Französisch mit Dr. Siad Medouk zu sprechen, einem palästinensischen Französischprofessor,
Schriftsteller und Dichter, der derzeit in der Stadt Gaza lebt. Er spricht also direkt aus Gaza zu uns.
Professor Medouk hat einen Doktortitel in Sprachwissenschaften von der Universität Paris, leitet die
Französischabteilung der Al-Aqsa-Universität in Gaza und koordiniert außerdem das Friedenszentrum
derselben Universität.
#M3
Professor Medouk, guten Tag. Guten Tag Pascal, und guten Tag an alle, die Ihren Sender hören.
#M2
Vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben, mit uns zu sprechen, denn was in Gaza
geschieht, ist absolut katastrophal. Und das, was wir von hier aus sehen, macht es schwer, sich
vorzustellen, was jetzt für die Menschen, die noch dort sind, wie Sie, passiert. Gaza ist heute der am
meisten bombardierte Ort der Welt. Wie ist Ihre persönliche Situation und wie schaffen Sie es,
inmitten der Zerstörung zu überleben, die wir nur durch unsere Bildschirme sehen?
#M3
Zunächst kann man sagen: Guten Tag, danke für die Einladung. Man kann sagen, dass die aktuelle
Situation im Gazastreifen von fünf sehr wichtigen Elementen geprägt ist. Erstens die Fortsetzung der
intensiven Bombardierungen Tag und Nacht. Zweitens die massive Zerstörung einer ganzen Region.
Man kann sagen, dass 85 % des Gazastreifens zerstört sind: die zivile Infrastruktur, Schulen,
Universitäten, Wasserbrunnen, Geschäfte, Moscheen, Kirchen, Wohnstätten. Das dritte Element ist
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der Mangel: Mangel an Medikamenten, Mangel an Lebensmitteln, Mangel an Trinkwasser, Mangel an
Gas, Mangel an allem im Gazastreifen. Das vierte Element ist die Hungersnot, die sich insbesondere
im Norden des Gazastreifens, in der Stadt Gaza, in der ich wohne, ausbreitet.
Die Lastwagen kommen nicht durch. Selbst das Abwerfen aus der Luft per Fallschirm ist ineffizient,
weil es entweder ins Meer fällt, auf Dächer oder auf die Köpfe der Menschen. Und so reicht die
Menge nicht aus. Das fünfte Element ist die fehlende Perspektive. Das dauert jetzt schon seit über
22 Monaten an. Und jedes Mal sagen die Palästinenser voller Hoffnung, dass es morgen vorbei sein
wird. Morgen wird es eine Waffenruhe geben. Morgen wird es einen Waffenstillstand geben. Aber im
Moment herrschen Bomben und das tägliche Leiden der gesamten Zivilbevölkerung. Für mich
persönlich, als palästinensischer Bürger, als Französischlehrer, als Mitglied der Zivilgesellschaft, bin
ich – wie alle Palästinenser in Gaza – einer der 2,4 Millionen Palästinenser.
Es ist tägliches Leiden. Also, für mich ist das Leben sehr schwierig. Zwischen 7 Uhr morgens und 19
Uhr haben wir sehr schwere Aufgaben. Morgens suchen wir zuerst nach Trinkwasser. Danach
versuchen wir vergeblich, etwas zu essen zu finden, weil es auf dem Markt nichts gibt. Entweder
sind die Preise unvorstellbar oder sie sind sehr hoch. Dann holen wir Holz für das Feuer, weil Gas
verboten ist. Am Nachmittag laden wir das Handy an Orten auf, wo es Solarpanels gibt, weil es kein
Elektrizitätswerk mehr gibt, es wurde zerstört. Es gibt kein Netz. Es gibt nichts. Also ist Strom zu
einer seltenen Währung geworden.
Also suchen wir Orte, an denen es Solarpanels gibt, um unsere Handys und Lampen aufzuladen. So
sieht es aus. Der Alltag ist also sehr schwierig. Ich persönlich versuche, in der Zivilgesellschaft aktiv
zu sein. Ich versuche, Aktivitäten für Kinder und Jugendliche zu organisieren. Das ist in unserem
Kontext schwierig. Wir versuchen, ein wenig zu helfen. Für die Mitglieder der Zivilgesellschaft
versuche ich, älteren Menschen und Frauen zu helfen, aber das ist kompliziert, weil die familiäre und
soziale Solidarität, die in Gaza früher sehr stark war, auf ein Minimum geschrumpft ist, weil es nichts
gibt, alles unauffindbar und teuer ist. Also, ein sehr schwieriger Alltag, geprägt von Schmerz,
Unglück und Leid.
#M2
Sie sind Professor an der Universität in Gaza. Gibt es die Universität noch? Haben Sie noch
Studierende?
#M3
Hören Sie, ich bin Französischlehrer an zwei Universitäten, der Al-Aqsa-Universität und der
Universität Gaza. An der Al-Aqsa-Universität habe ich das Französisch-Department gegründet und an
der Universität Gaza das Zentrum für die französische Sprache. Leider sind beide Universitäten
zerstört worden, einschließlich des Französisch-Departments und der Zentren für die französische
Sprache. Wir halten jedoch virtuelle Kurse ab. Wir versuchen, ein wenig virtuell zu unterrichten. Für
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die Studierenden ist das allerdings nicht immer einfach, weil sie kein Internet haben und es keinen
Strom gibt.
Manchmal sind sie gezwungen, an Orte zu gehen, an denen es Strom oder Internet gibt. Das ist
nicht immer einfach. Man kann sagen, dass etwa 85 % der Studierenden derzeit am Unterricht
teilnehmen. Es ist schwierig, die Jugendlichen, die Studierenden, zu treffen, weil es keinen
Treffpunkt gibt. Es gibt keine NGO, kein Café, kein Restaurant. Aber wir versuchen, den Kontakt zu
diesen Studierenden, zu diesen Jugendlichen aufrechtzuerhalten. Wir versuchen, sie zu begleiten,
ihnen Mut zu machen, ihnen in dieser völlig katastrophalen Situation Hoffnung zu geben.
#M2
Israel sagt uns immer, dass der Grund, warum die zivile Infrastruktur, wie Ihre beiden Universitäten,
zerstört werden musste, darin besteht, dass sie vom Hamas als militärischer Stützpunkt genutzt
wurde. Haben Sie jemals Hamas-Personal an Ihren Universitäten getroffen?
#M3
Hören Sie, ich persönlich interessiere mich nicht für das politische Quartier. Ich interessiere mich für
die Zivilbevölkerung. Die Zivilbevölkerung leidet gerade. Es gibt Zerstörung, nicht nur meiner beiden
Universitäten, sondern es gibt die Zerstörung von 85 % der zivilen Infrastruktur: Moscheen, Kirchen,
Schulen, Universitäten, Wasserbrunnen, Wohnstätten, Stadtviertel. Also, alles ist zerstört, alles ist in
Gaza verwüstet. Es wird immer ein Vorwand gefunden, um zu zerstören, zu ermorden, zu töten, zu
massakrieren, zu vernichten. Wir sind eine Universität, ein Ort des Austauschs, ein Ort der Freiheit,
ein Ort der Demokratisierung, weil es der einzige Ort ist, an dem sich junge Menschen treffen, nicht
nur für Kurse, sondern für Fortbildungen, für Austausch, für Workshops.
Übrigens habe ich an meiner Universität in Larsa das Friedenszentrum gegründet, um Demokratie,
Frauenrechte und Meinungsfreiheit zu fördern. Das ist das Wichtigste. Und an der Universität von
Gaza habe ich das französische Sprachzentrum gegründet, und wir haben viele Austauschprogramme
mit französischen, kanadischen und belgischen Universitäten durchgeführt. Das zeigt also, dass es
vor Ort eine Realität gibt, dass wir arbeiten und die Zukunft für den Frieden vorbereiten. Die
Besatzung sucht immer einen Vorwand, um zu unterdrücken und zu zerstören. Wir sind immer noch
da. Es ist ein Wunder, am Leben zu sein, aber wir setzen unsere Mission fort.
Wir haben eine Aufgabe, die fernab von politischen Parteien, fernab vom Eingreifen der Staaten oder
der Regierung liegt: Es geht darum, die Jugend zu begleiten, ein wenig die Demokratie in der
palästinensischen Gesellschaft zu entwickeln, die Prinzipien der Toleranz, der Meinungsfreiheit, der
Frauenrechte, der Kinderrechte zu fördern und vor allem eine Zukunft für den Frieden vorzubereiten.
Ich persönlich setze mich für den gewaltlosen Widerstand ein, ich bin ein palästinensischer Pazifist,
ich stehe für den Frieden, für die Zukunft. Ich setze meine Mission fort, trotz der Zerstörung meines
Hauses, trotz der Verwüstung meines Viertels, trotz des Verlustes vieler Familienmitglieder und vieler
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meiner Besitztümer. Ich bin zwangsweise vertrieben, aber ich versuche, meine ehrenvolle Mission
fortzusetzen, nämlich die Zukunft vorzubereiten. Die Zukunft bedeutet für uns Frieden und
Gerechtigkeit.
#M2
Hallo nochmal an alle. Wir sind zurück. Wir hatten eine kleine Unterbrechung in unserer Verbindung,
aber jetzt sind wir wieder mit Professor Ziad Medoukh verbunden. Ziad, sagen Sie mir, in Europa und
Amerika, und sogar in Japan, gibt es immer noch eine Debatte darüber, ob die Zerstörung und die
Todesopfer, die Israel unter der Zivilbevölkerung von Gaza verursacht, als Völkermord bezeichnet
werden sollten oder nicht. Was denken Sie? Welche Worte sind Ihrer Meinung nach die richtigen, um
das zu beschreiben, was in Gaza geschieht?
#M3
Um auf Ihre Frage zu antworten: Ich, ein Palästinenser aus Gaza, lebe unter Bomben. Ich leide
jeden Tag. Ich erlebe das absolute Grauen. Deshalb werde ich selbst keine bestimmten Worte
benutzen. Ich überlasse es den internationalen Organisationen, Zeugnis abzulegen. Denn wenn ich
solche Worte benutze, werden sie sagen: „Weil es Palästinenser sind, ist es normal, dass sie dieses
Wort, dieses Konzept oder diesen Ausdruck verwenden.“ Deshalb ziehe ich es vor, dass
internationale Organisationen, internationale Ministerien und die UNO diese Worte benutzen, weil sie
vor Ort sind, sie haben Delegationen. Aber ich persönlich kann diese Worte nicht benutzen. Auch
wenn wir mehr als das absolute Grauen erleben, wir leben in einer katastrophalen Situation. Deshalb
überlasse ich es den Organisationen, diese Worte zu verwenden.
#M2
Einverstanden. Und wie ist derzeit die Ernährungssituation? Können die Bewohner einige
Grundnahrungsmittel erhalten, und woher kommen jetzt die Vorräte, die Sie haben?
#M3
In Teilen der Stadt Gaza oder überhaupt im Norden des Gazastreifens kommt leider nichts durch.
Deshalb sind Lebensmittel dort nicht zu finden und die Preise sind unvorstellbar. Andererseits gibt es
diese Lkw-Konvois, die durch den Süden des Gazastreifens fahren. Deshalb ist es dort anders...
Außerdem hat die Besatzung im Süden, also im Zentrum des Gazastreifens, zwei Verteilzentren für
Hilfsgüter eingerichtet. Die Menschen gehen also dorthin, selbst wenn sie Gefahr laufen, getötet zu
werden und von Drohnen oder Scharfschützen empfangen zu werden.
Aber seit dem 27. Mai gibt es mehr als 300 tote Palästinenser. Die Teams sind losgezogen, um
humanitäre Hilfe zu holen. Danach gibt es die Abwürfe, das heißt die Militärflugzeuge einiger Länder
– Frankreich, Italien, Spanien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jordanien, Ägypten – die dort
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sind... Sie werfen Lebensmittelhilfe ab, aber das ist unzureichend, das ist eine dumme Lösung. Die
Lebensmittel fallen entweder ins Meer, auf Dächer oder auf die Köpfe der Menschen. Es gab 29
Todesfälle in drei Tagen. Das zeigt also, dass es eine ineffiziente Lösung ist.
Das Wichtigste ist, Druck auf die Besatzung auszuüben, damit sie alle Übergänge öffnet, um die an
den Grenzen gelagerten und beschädigten humanitären Hilfsgüter in den Gazastreifen zu lassen, wo
die Bedürfnisse von 2,4 Millionen Palästinensern gedeckt werden müssen, die unter Hunger und
Mangelernährung leiden. Ich erinnere Sie daran, dass es bis heute, dem 5. August 2025, 138
palästinensische Todesopfer durch Mangelernährung und Hunger gibt, darunter 95 Kinder unter 14
Jahren. Das bedeutet, dass Frauen, ältere Menschen und Jugendliche infolge von Mangelernährung
und Hunger gestorben sind.
#M2
Glauben Sie, dass die UNO die Hilfe verteilen sollte, oder gibt es Ihrer Meinung nach eine Lösung für
die Verteilung der Hilfe ohne Israel?
#M3
Hören Sie, während der zweimonatigen Waffenruhe, zwischen dem 19. Januar 2025 und dem 2.
März 2025, bis zur Schließung aller Übergänge, waren die Vereinten Nationen, internationale
Organisationen, es ga