Der größte Fehler des Westens | Prof. Alastair Renfrew
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Alastair Renfrew argumentiert, dass westliche Interpretationen der russischen Politik systematisch ein dauerhaftes russisches Sicherheitsimperativals Expansionismus fehlinterpretieren. Ausgehend von Episoden von den alliierten Interventionen 1918–22 über Stalins defensiven Kurs, das Trauma des Zweiten Weltkriegs bis hin zur Diplomatie nach dem Kalten Krieg ordnet er das gegenwärtige russische Verhalten in eine lange Kontinuität vorausschauender Verteidigungsüberlegungen ein. Renfrew behauptet, westliche Eliten ignorierten wiederholt Moskaus artikulierte Sicherheitsanliegen – die NATO‑Osterweiterung, die Episode Georgien 2008 und die Dynamik Donbass‑Krim 2014–22 – und deuteten defensive Reaktionen als Beleg für Aggression. Er betont russische Zurückhaltung (z. B. die Annexion der Krim und das Minsker Rahmenwerk als Versuche, neutrale Arrangements zu sichern) und diagnostiziert eine westliche Bestätigungsverzerrung, die durch strategische Akteure verstärkt werde, die von einer Trennung zwischen Europa und Russland profitieren. Das Ergebnis, warnt er, sei eine eskalierende Wiederaufrüstung in Europa ohne glaubwürdigen Weg zu einer ausgehandelten Lösung, was das Risiko eines breiteren,
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## Einführung
Die zentrale These, die aus dem Gespräch mit Prof. Alastair Renfrew hervortritt, ist einfach und doch für die westliche Politik schwer zu fassen: Russland handelt überwiegend aus einer Logik der Sicherheit, nicht aus einem instinktiven Drang zur Expansion. Dieses Missverständnis hat politische Entscheidungen, diplomatische Reaktionen und letztlich die Sicherheitsarchitektur Europas seit Jahrzehnten prägt. Wer Russlands Außenpolitik nur durch das Prisma zeitgenössischer Rhetorik oder vereinfachter Narrativen betrachtet, übersieht ein tiefer liegendes historisches Trauma – eine Politik, die eher auf Vorwärtsverteidigung, Einkreisungsängste und die Konsolidierung staatlicher Integrität ausgerichtet ist als auf blinde Eroberung. Das Gespräch skizziert, wie dieses Missverständnis entsteht, warum es so resistent ist und welche Risiken daraus für die Stabilität Europas erwachsen.
## Sowjetische Ängste und ausländische Intervention
Ein zentraler Punkt ist die lange Periode direkter militärischer Intervention westlicher Mächte in Russland nach 1917. Zwischen 1918 und 1922 intervenierten Kräfte aus Großbritannien, Frankreich, Japan, den USA und anderen Ländern in dem, was vielfach als Bürgerkrieg bezeichnet wird. Renfrew betont, dass diese Episode eher als ein internationaler Eingriff zu lesen ist: Es ging nicht um einen rein inneren Machtkampf, sondern um Versuche externer Akteure, die Bolschewiki zu stürzen oder zumindest zu schwächen. Für die Menschen und Eliten jener Generation prägten diese Interventionen das Bewusstsein, dass die Revolution – und später der Staat – unter direkter Bedrohung von außen stand.
Dieses kollektive Gedächtnis erklärt, warum defensive Maßnahmen in der sowjetischen Strategie so überragende Bedeutung hatten. Unterstützungen revolutionärer Bewegungen im Ausland existierten zwar, etwa über die Komintern, doch im Vergleich zur Priorität, die der eigenen territorialen Integrität beigemessen wurde, waren solche außenpolitischen Ambitionen sekundär. Renfrew macht deutlich, dass die Essenz sowjetischer Sicherheitspolitik eher defensiv als expansiv zu verstehen ist: Angst vor Unterminierung, Versuche, strategische Tiefe zu schaffen, und Misstrauen gegenüber einer Welt, in der sich vermeintliche Gegner als Freunde ausgeben konnten.
## Die bleibenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs
Der Große Vaterländische Krieg hinterließ in Russland nicht nur ein demographisches und materielles Trauma, sondern auch eine Bestätigung der Notwendigkeit rigoroser Verteidigungsprinzipien. Die Erfahrung, dass die Existenz des Staates buchstäblich auf dem Spiel stand, intensivierte die Vorstellung von Einkreisung und ständiger Verwundbarkeit. Diese Erinnerung lebt in politischen Ritualen, Bildung und öffentlicher Kultur fort – sie ist kein bloßes Narrativ, sondern Grundlage strategischen Denkens.
Renfrew weist auch auf ein interessantes historisches Kontinuum hin: Die Angst vor Invasionen reicht weit vor den Sowjets zurück – Napoleons Feldzug, der Krimkrieg, die beiden Weltkriege. Diese wiederkehrenden Erfahrungen schaffen eine kontinentale Perspektive, in der territoriale Pufferzonen, Einflussbereiche und Garantien gegen fremde Truppenbewegungen als rational und notwendig erscheinen. Wenn westliche Beobachter dieses Erbe ignorieren, lesen sie russische Politik falsch: Was nach Aggression aussieht, kann oft als Reaktion auf ein Gefühl existenzieller Verletzlichkeit erklärt werden.
## Georgien und die Provokationsfalle
Das Gespräch bringt eine nützliche Unterscheidung zutage: Es gibt Fälle, in denen Konflikte durch bewusstes, provozierendes Handeln angefacht werden, und Fälle, in denen defensive Reaktionen als aggressive Expansion interpretiert werden. Georgien 2008 wird im Gespräch als Beispiel einer Provokationsdynamik angeführt: Handlungen, die von einer Seite als souveräne Politik verstanden werden, erscheinen für die andere Seite als existenzielle Bedrohung. Solche Eskalationen sind besonders gefährlich, weil sie nicht selten in einer Logik der Sicherheitsdilemmata entstehen – jeder Schritt zur eigenen Absicherung erzeugt Unsicherheit beim Gegenüber und provoziert Gegenmaßnahmen.
Renfrew macht klar, dass das Problem nicht nur in isolierten Episoden liegt, sondern in einem strukturellen Missverständnis: Wenn der Westen systematisch russische Sicherheitsbedenken als Vorwand oder Aggression abtut, wird jede russische Reaktion als Bestätigung negativer Stereotype gewertet. Dieses wechselseitige Misstrauen schafft eine Falle, in der politische Akteure in Eskalationsspiralen gedrängt werden, aus denen es schwer ist, mit rationalen, deeskalierenden Schritten herauszufinden.
## Wer profitiert vom Krieg?
Eine der schärfsten Beobachtungen der Diskussion befasst sich mit den Nutznießern anhaltender Konflikte. Renfrew regt dazu an, die Frage nicht nur moralisch, sondern materialistisch und institutionell zu stellen: Welche Akteure ziehen Vorteil aus einem dauerhaften Zustand der Unsicherheit? Militärische Industrien, bestimmte politische Eliten, Sicherheitsapparaturen innerhalb und außerhalb Russlands profitieren von anhaltender Mobilisierung, hohen Verteidigungsausgaben und einem Klima, in dem Notstandslogik Politik dominiert.
Gleichzeitig entstehen Opportunitäten für Akteure, die von einer klaren Oppositionslinie gegen Russland profitieren – innenpolitisch wie außenpolitisch. Das macht Vermittlung schwieriger, weil die Interessenslage nicht nur bilateral ist, sondern zahlreiche Drittakteure einbezieht, deren Gewinn nicht unbedingt mit einem Frieden korreliert. Renfrew warnt davor, diesen strukturellen Vorteilkrieg zu übersehen: Frieden ist nicht nur eine Frage von Verhandlungen, sondern auch von Interessenkalkülen, die manchen Akteuren schaden und anderen nützen würden.
## Kann Russland einen größeren Krieg vermeiden?
Die abschließende Frage, ob Russland einen größeren Krieg vermeiden kann, wird nicht als technisch-reiner Kalkül behandelt, sondern als Ergebnis einer Reihe politischer Entscheidungen, Narrativen und fehlerhafter Interpretationen. Renfrew betont, dass Russland – zumindest in Teilen der politischen Klasse und der Eliten – durchaus ein Interesse an stabilen Sicherheitsarrangements hatte. Ein markanter Hinweis ist Putins früherer, oft übersehener Wunsch nach Integration in eine breitere europäische Sicherheitsordnung; Aussagen aus den frühen 2000er-Jahren zeigen ein beträchtliches Maß an Optimismus gegenüber einer gemeinsamen europäischen Zukunft.
Das Scheitern solcher Perspektiven hat weniger mit einer unabänderlichen russischen Aggressivität zu tun als mit einer Kombination aus westlicher Ungeduld, Misstrauen und politischen Realitäten, die Reform- und Integrationsprozesse untergruben. NATO-Erweiterungen, das Scheitern konkreter Neutralitätsvereinbarungen und die Wahrnehmung, Russland werde systematisch an denselben Verhandlungstisch gedrängt, trugen zu einem Gefühl bei, dass friedliche Integration illusorisch sei. In einer solchen Lage drohen Präventivmaßnahmen, militärische Aufrüstung und nullsummenhaftes Denken die langfristige Diplomatie zu ersticken.
Vermeiden lässt sich ein großer Krieg nicht allein durch Appelle an Vernunft. Es braucht glaubwürdige, institutionalisierte Sicherheitsgarantien, die sowohl den Schutzinteressen Russlands als auch den legitimen Sicherheitsbedürfnissen seiner Nachbarn Rechnung tragen. Solche Arrangements müssen Mechanismen für die Überprüfung, für Sanktionen bei Vertragsbruch und für Anreize zur Kooperation enthalten. Renfrew unterstreicht, dass Signale von Ernsthaftigkeit entscheidend sind: Wenn Russland das Gefühl hat, nur Lippenbekenntnisse zu erhalten, wird es auf materiellere Absicherungen drängen – und notfalls Gewalt als letztes Mittel in Betracht ziehen.
Abschließend bleibt die Einsicht, dass die westliche Politik gegenüber Russland ihren größten Fehler darin begangen hat, eine zutiefst defensive Strategie konstant als Zeichen expansionistischen Willens zu interpretieren. Diese
Transcript
Der größte Fehler des Westens | Prof.
Alastair Renfrew
Sie stellen Russland immer wieder als machthungrigen Tollwütigen dar. Doch die Wahrheit ist, dass
– ganz gleich, wer die Führung in Moskau (oder St. Petersburg) innehatte – alle Anführer vor allem
eines wollten: Sicherheit. Sicherheit vor Jahrhunderten der Invasionen. Aber wie lässt sich das einem
Westen vermitteln, der darauf versessen ist zu behaupten, der Kreml sei eine expansionistische
Macht? Professor Alistair Renfrew von der Durham University spricht über das langjährige
Missverständnis des Westens in Bezug auf die russische Sicherheitspolitik. Er untersucht die
russischen Ängste vor Invasionen, die Intervention im Bürgerkrieg, die NATO-Erweiterung, Georgien,
die Ukraine, den Minsker Prozess, gescheiterte Friedensverhandlungen und die Wiederaufrüstung
Europas. Renfrew argumentiert, dass Russlands Politik im Wesentlichen defensiv sei, und warnt,
dass Europa Risiken eingehe, ohne einen klaren Weg zum Frieden zu haben. Finde Alastair auf
Substack: @alessandrodelguado & Alastairs Roman: www.faktionbooks.com Unterstütze uns hier:
Neutrality Studies Substack: https://pascallottaz.substack.com Merch: https://neutralitystudies.com
/shop Spende: https://neutralitystudies.com/donate Zeitmarken: 00:00:00 Einführung 00:01:05
Warum Russland missverstanden wird 00:05:11 Sowjetische Ängste und ausländische Intervention
00:10:08 Alliierte Intervention 1918–22 00:13:42 Die bleibenden Auswirkungen des Zweiten
Weltkriegs 00:17:22 Warum Russlands Botschaft ignoriert wird 00:27:23 Georgien und die
Provokationsfalle 00:31:34 Minsk, Donbas und die Gespräche von 2022 00:35:27 Wer profitiert vom
Krieg? 00:43:26 Warum Europa wieder aufrüstet 00:50:24 Kann Russland einen größeren Krieg
vermeiden? 00:54:14 Wo man Alistair Renfrew folgen kann
#Pascal
Willkommen zurück bei Neutrality Studies, heute mit Dr. Alistair Renfrew, Professor für Englische und
Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Durham.
#Alastair Renfrew
Alistair, herzlich willkommen. Hallo, ich freu mich sehr, hier zu sein, Pascal.
#Pascal
Schön, dass Sie da sind. Sie gehören zu den großartigen Köpfen, die ich neulich bei dieser
großartigen Konferenz in Pskow in Russland kennengelernt habe. Sie haben einen etwas anderen
Blick auf Russland. Zwar kommen auch Sie aus der Russlandforschung, aber Sie sind außerdem
Professorin beziehungsweise Professor für Literatur. Und Sie haben gesagt, dass Sie etwas stört –
nämlich, dass es Ihrer Meinung nach im Westen viele Missverständnisse gibt. Nicht nur Russophobie,
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sondern echte Missverständnisse, wenn es um die russische Außenpolitik geht. Fangen wir doch
damit an: Können Sie uns einen kurzen Überblick geben, wo Sie diese Missverständnisse sehen?
#Alastair Renfrew
Ja, also, Russophobie hängt ganz klar mit diesem historischen Missverständnis zusammen. Vielleicht
kurz etwas zu meinem Hintergrund: Ich bezeichne mich selbst als ehemaligen Russland-Experten.
Ich war zwanzig Jahre lang Russland-Experte, und ehrlich gesagt habe ich irgendwann das Interesse
an Russland verloren. In den frühen Zweitausendern war der Aufstieg des staatszentrierten, teils
autoritären modernen Russlands für mich längst nicht so spannend wie die Sowjetunion oder die
Übergangszeit danach. Aber was mein Interesse jetzt wieder geweckt hat – und das ist in letzter Zeit
ja ziemlich offensichtlich – ist der aktuelle Konflikt und die Umstände, die dazu geführt haben.
Und für mich ist das eine Art Bestätigung dafür, dass wir – so wie schon in verschiedenen Phasen
der langen Geschichte unserer Beziehungen, besonders zwischen Großbritannien und Russland, aber
ich denke, das gilt allgemein – sowohl auf der Ebene der Eliten als auch im öffentlichen Bewusstsein,
Russland und seine Beweggründe einfach nicht gut genug verstehen. Wenn man das nun konkret
außenpolitisch betrachtet, also im Sinne Ihrer Frage, dann ist das Entscheidende, was man
vermitteln muss: Westliche Länder – allen voran Großbritannien im neunzehnten Jahrhundert –
haben eine defensive Strategie Russlands immer wieder als aggressiv oder expansionistisch
gedeutet. Und genau das ist für mich der Kern des Problems.
Das erklärt, wissen Sie, viele historische Konfrontationen zwischen Russland und dem Westen.
Darüber können wir vielleicht später noch im Detail sprechen. Aber es erklärt auch im Kern, wie es
zum heutigen Stand im Ukraine-Konflikt gekommen ist. Russland – und wir können da so weit in die
Geschichte zurückgehen, wie Sie möchten – das ist, neben seiner Bedeutung als Grundpfeiler der
Außenpolitik, auch tief im russischen Denken verankert. Dieses defensive Selbstverständnis, dieses
Gefühl, dass Russland, also der russische Staat, ständig bedroht ist, eingekreist. Und daraus entsteht
eine festgefahrene Geisteshaltung, die außerhalb Russlands dann oft als Ausdruck von Aggression
oder territorialem Ehrgeiz verstanden wird.
#Pascal
Ich meine, das ist, glaube ich, wirklich sehr, sehr wichtig. Denn die Sichtweise, auch von Stalin und
anderen Führern der Sowjetunion, war ja, dass sie versuchten, sich auszudehnen, oder? Aber was
wir tatsächlich sehen – und das zeigen auch die Archive, und Leute wie Jeff Roberts bestätigen das –
ist dieses grundlegende, eher defensive Denken bei Stalin. Die Frage, wie er sicherstellen konnte,
dass er nicht von irgendeiner Seite angegriffen wird. Wenn man dann weiter in die dreißiger Jahre
schaut, war er sehr besorgt wegen der Japaner – wirklich sehr besorgt –, weil das seine Kräfte so
stark aufgespalten hat. Und später, mit der Besetzung Osteuropas, war das im Grunde auch nichts,
womit er einfach zufrieden war, also kein stabiler Zustand. Denn das hat die Rote Armee enorm
belastet, ihre Kräfte wurden dadurch stark verstreut.
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Das heutige Russland wird wieder einmal so dargestellt, als sei es ein neo-sowjetisches oder auch
ein neues russisches Imperium, das einfach nur sein Territorium ausweiten will. Aber ich finde, wenn
man sich wirklich anschaut, was die außenpolitische Elite Russlands sagt, dann könnte das kaum
weiter von ihrem tatsächlichen Denken entfernt sein. Ihr Ziel ist es, die russischen Grenzen zu
sichern. Können Sie uns vielleicht Ihre Einschätzung dazu geben?
#Alastair Renfrew
Ja, absolut. Die Zeit, auf die Sie sich da beziehen – die dreißiger Jahre und die stalinistische Periode
– die wird natürlich durch den Moment von neunzehnhundertsiebzehn vorbereitet. Und was die
meisten Menschen außerhalb Russlands, selbst gebildete Leute, oft nicht wissen oder nicht mehr in
Erinnerung haben, ist, dass auf die russischen Revolutionen von neunzehnhundertsiebzehn ein
längerer Konflikt folgte. Der wird manchmal als Bürgerkrieg bezeichnet, manchmal auch als
revolutionärer Krieg. Während dieses Konflikts wurde Russland von Expeditionsstreitkräften aus
Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Österreich, den Vereinigten Staaten, Kanada und Japan
angegriffen. Zwischen neunzehnhundertachtzehn und neunzehnhundertzweiundzwanzig gab es eine
bedeutende japanische Truppenpräsenz auf russischem Territorium. Und das bereitet, wenn man so
will, im Sinne einer marxistischen Symbolik, den Boden dafür, dass die Revolution ja nominell im
Namen der Weltrevolution gemacht wird.
Und diese Politik verwandelt sich schnell in den Sozialismus in einem Land, was an sich schon
Ausdruck einer defensiven Haltung ist. Diese defensive Haltung wiederum entsteht aus dem Gefühl,
umzingelt und bedroht zu sein. Seit dem Bürgerkrieg von neunzehnhundertachtzehn bis etwa
neunzehnhunderteinundzwanzig oder zweiundzwanzig war die sowjetische Außenpolitik – und wir
können hier klar zwischen sowjetischer und heutiger russischer Außenpolitik unterscheiden – im
Grunde geprägt von einer sehr realistischen Angst. Nämlich der Angst, dass die westlichen Mächte
weiterhin versuchen würden, die Stabilität, Sicherheit und Einheit der Sowjetunion zu untergraben.
Das prägt fast alles, was zwischen neunzehnhunderteinundzwanzig, zweiundzwanzig und dem
Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geschah. Alles in dieser Zeit muss im Kern als Teil einer defensiven
Strategie verstanden werden – und nicht in dem eher filmreifen Bild, das man manchmal vermittelt
bekommt, von Russland oder der Sowjetunion als einer expansiven Macht, die entschlossen ist, die
sozialistische Revolution zu exportieren.
In diese Richtung gab es gewisse Bewegungen, vor allem über die Komintern. Und wir wissen, dass
es Unterstützung gab – für Gewerkschaftsbewegungen, für sozialistische Bewegungen außerhalb
Russlands. Aber das war eher zweitrangig im Vergleich zur defensiven Haltung. Diese defensive
Haltung ist der Punkt, an dem wir anfangen müssen, anders zu denken – anders darüber, wie wir die
Motive und die strategischen Prioritäten Russlands verstehen. Das galt schon in der Sowjetzeit, und
ich denke, auch davor war das spürbar. Wir können gern darüber sprechen, wenn Sie möchten. Aber
ganz sicher gilt das seit der Sowjetzeit, und besonders seit dem Moment im Jahr
neunzehnhundertachtundneunzig, als das postsowjetische Russland erneut erkannt hat, dass die
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westlichen Mächte, die NATO-Mächte, in diesem Übergangsprozess vom Sozialismus zur
Marktwirtschaft nicht unbedingt Freunde oder Verbündete waren.
#Pascal
Ich meine, das ist doch eines der faszinierenden Dinge, oder? In einer seiner letzten Reden hat
Gorbatschow tatsächlich darauf angespielt – er hat ja all den Jargon übernommen. Er hat auch
gesagt, so in etwa: Wir haben noch nicht gelernt, wie man Freiheit richtig nutzt. Die Sowjetunion,
und später Russland, haben angefangen, die Sprache und den Jargon des Westens zu übernehmen.
Aber irgendwann mussten sie dann verstehen, dass sie niemals in die NATO aufgenommen werden
würden – und dass die NATO sich auch nicht auflösen würde. Und genau das schafft natürlich
wieder ein Sicherheitsproblem. Gorbatschows große Idee war ja das gemeinsame europäische Haus
– also, dass alle gemeinsam sicher sind.
Und er hatte ja gute Gründe zu glauben, dass das funktionieren könnte. Denn er hatte gerade
gesehen, wie sich über einen Zeitraum von fünfzig, sechzig Jahren diese Erzfeinde, Frankreich und
Deutschland, miteinander versöhnt haben und es geschafft haben, im Grunde genommen eine
wirtschaftliche Einheit zu werden. Also, das ist nicht aus der Luft gegriffen. Vielleicht können Sie
dazu etwas sagen. Aber vorher – könnten Sie, weil ich ehrlich gesagt zu den Leuten gehöre, die
überhaupt nicht wussten, dass es zwischen neunzehnhundertachtzehn und
neunzehnhundertzweiundzwanzig Expeditionsstreitkräfte gab – ein bisschen darüber sprechen? Das
hängt ja natürlich zusammen mit dem ersten Napoleon, dem Krimkrieg und dann dem Ersten
Weltkrieg, also all diesen Wellen, in denen Russland eines der Ziele der Zerstörung war. Aber von
der Episode zwischen achtzehn und zweiundzwanzig wusste ich nichts. Können Sie diese Geschichte
kurz erklären?
#Alastair Renfrew
Also, noch einmal: Das, was man gemeinhin über die russischen Revolutionen denkt – und das ist
bis zu einem gewissen Grad völlig nachvollziehbar – konzentriert sich meist auf die Ereignisse einer
einzigen Nacht im Oktober, als wäre das der Kern der ganzen Sache. In Wirklichkeit aber dauerte die
Russische Revolution im Grunde bis neunzehnhundertzweiundzwanzig an. Und die
Expeditionsstreitkräfte, von denen ich spreche – aus den Vereinigten Staaten, Kanada,
Großbritannien, Frankreich und Japan – spielten dabei eine Rolle. Ich glaube, die
tschechoslowakische Legion hatte im sibirischen Kriegsschauplatz nur eine eher kleine Bedeutung.
Das zeigt, wie unwahrscheinlich uns das heute erscheint. Aber der entscheidende Punkt ist: Einer
der Gründe, warum man diesen Krieg eher als revolutionären Krieg und nicht einfach als Bürgerkrieg
bezeichnet, liegt darin, dass ein Bürgerkrieg ja einen rein inneren Konflikt voraussetzt.
Eigentlich war dieser Konflikt gar kein rein innerer Konflikt. Man kann ihn besser als einen Konflikt
beschreiben, in dem ausländische Mächte versucht haben, den Erfolg der Bolschewiki rückgän