Giles Chance argumentiert, Chinas Aufstieg beruhe auf pragmatischen Reformen, unternehmerischer Dynamik und strategischer staatlicher Steuerung, beginnend mit Deng Xiaopings Reformen nach 1978 und durch den WTO‑Beitritt beschleunigt. Er verknüpft Chinas Exportboom mit globaler Desinflation und führt ihn teilweise auf Fehldiagnosen westlicher Geldpolitik – insbesondere niedrige Zinssätze in den 2000er Jahren – zurück, die zur Kreditkrise 2008 und zur anschließenden quantitativen Lockerung beitrugen. Die Krise habe Chinas Wandel hin zu größerer Selbstverantwortung katalysiert, sichtbar in Initiativen wie der Belt‑and‑Road‑Initiative, den BRICS und der Doppelumlauf‑Strategie. Unter Xi Jinping zeichne sich laut Chance eine gespaltene Wirtschaft ab: staatlich gestützte Hochtechnologiesektoren (KI, Elektrofahrzeuge, Batterien, Hebelwirkung bei Seltenen Erden) entwickelten sich schnell, während die Dynamik des Privatsektors durch eine straffere Parteikontrolle eingeschränkt werde. Geopolitisch verorte er die westliche China‑Politik in einer nach dem Kalten Krieg geprägten amerikanischen Primacy‑Denkrichtung – seit 2008 umgestaltet – und warnt, dass Chinas alternatives Entwicklungsmodell z
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Chinas Aufstieg ist keine zufällige Aneinanderreihung von Erfolgen, sondern das Ergebnis eines kohärenten Entwicklungsmodells, das staatliche Steuerung, privates Unternehmertum und kluge Nutzung globaler Märkte kombiniert. Die aufgezeichnete Diskussion mit Giles Chance macht deutlich, dass genau dieses Zusammenspiel dem Land heute einen systemischen Vorteil gegenüber vielen westlichen Volkswirtschaften verschafft: eine robuste industrielle Basis, strategische Kontrolle über Schlüsselressourcen, und eine politische Fähigkeit, langfristig zu planen, die in demokratischen Staaten oft fehlt. Zugleich zeigt das Gespräch, wie diese Transformation westliche Wirtschaftspolitik und internationale Machtverhältnisse nachhaltig verändert hat — von der Finanzkrise 2008 bis zur aktuellen Debatte über Multipolarität, Handelssanktionen und Technologieabhängigkeit.
## Krise 2008, BRICS und Neue Seidenstraße
Die Rolle Chinas in der globalen Finanzarchitektur der 2000er Jahre ist zentral für das Verständnis der Krise von 2008. In der Diskussion hebt Giles Chance hervor, dass die massive Einbindung Chinas in den Weltmarkt von Ende der 1990er bis Mitte der 2000er Jahre einen starken deflationären Druck auf westliche Preise ausgeübt hat. Dieser Effekt, kombiniert mit politisch motivierten Niedrigzinsen in den USA, trug zur Ausbildung gefährlicher Kreditblasen bei. Chance argumentiert, dass die westlichen Notenbanken die strukturelle Veränderung durch Chinas Integration unterschätzten; die Reaktion — exzessive Liquidität und quantitative Lockerung — hat langfristige Verschuldungsprobleme in Europa und Nordamerika verfestigt.
Aus dieser innerasiatischen und globalen Dynamik erwuchsen auch neue internationale Formen der Kooperation. BRICS wurde zu einer Plattform, die den Nord-Süd-Austausch und alternative Finanzmechanismen stärkte, während die Belt-and-Road-Initiative (Neue Seidenstraße) ein Instrument zur Projektion wirtschaftlicher Macht und zur Schaffung von Infrastrukturverflechtungen darstellt. Die Diskussion betont, dass solche Projekte nicht nur ökonomisch sind; sie erzeugen politische Abhängigkeiten und neue Normen für grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Das strategische Muster ist klar: Infrastruktur schafft dauerhafte Verbindungen — und damit Einfluss — weit über kurzfristige Handelsgewinne hinaus.
## Chinas industrielle Stärke und Selbstständigkeit
Auffällig in der Aufzeichnung ist die Betonung auf Chinas industrielle Tiefe und die Fähigkeit zur schnellen technologischen Adaption. Was als „Werkbank der Welt“ begann, verwandelte sich systematisch in eine diversifizierte industrielle Basis: von Konsumgütern zu komplexen Komponenten, von Textilien zu Elektrofahrzeugen. Giles Chance erinnert an die frühen, entscheidenden Impulse in Guangdong und Hongkong, wo private Unternehmer und Rückkehrer den Motor für Exporte und Fertigung setzten. Diese Basis wurde seit den 1990er Jahren durch gezielte staatliche Initiativen ergänzt: Technologietransfer, staatliche Förderung von Schlüsselindustrien und ein Bildungsschub zur Versorgung mit qualifizierten Arbeitskräften.
Diese Kombination aus Marktdynamik und staatlicher Lenkung hat China eine Autonomie verschafft, die in Krisenzeiten entscheidend ist. Während westliche Volkswirtschaften zunehmend auf Dienstleistungen und Finanzmärkte setzten, baute China seine Produktionsketten vertikal aus, reduzierte Abhängigkeiten und investierte massiv in Forschung und Entwicklung. Das Ergebnis ist eine relative Resilienz gegen externe Schocks: Produktionskapazitäten können skaliert, Ersatzlieferketten schneller aufgebaut und strategische Güter im Inland produziert werden.
## China und die neue multipolare Ordnung
Die Debatte um Multipolarität zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch. Chance zeichnet ein Bild, in dem China als Katalysator für die Abkehr von einer von den USA dominierten Weltordnung wirkt. Die wirtschaftliche Expansion, verbunden mit institutionellen Projekten wie der Asiatischen Infrastruktur-Investitionsbank und dem Ausbau bilateraler Beziehungen, schafft Raum für alternative Leitbilder internationaler Kooperation. Diese Entwicklung ist nicht einfach antiwestlich; sie reflektiert vielmehr das Bestreben vieler Staaten, ihre strategische Handlungsfähigkeit zu vergrößern und Abhängigkeiten zu diversifizieren.
Gleichzeitig bringt Mehrpole ein hohes Maß an Komplexität: Macht ist nicht mehr ausschließlich territorial, sondern entlang Handels-, Technologie- und Finanzierungspipelines organisiert. Das Gespräch weist darauf hin, dass Länder im Globalen Süden diese Verflechtungen nutzen, um bessere Konditionen auszuhandeln. Für den Westen bedeutet das eine Herausforderung: ökonomische Hebel sind nicht mehr automatisch mit politischen Kooperationsforderungen gekoppelt. In diesem neuen Geflecht spielt China seine Stärken aus — langfristige Planbarkeit, staatliche Finanzkraft und die Bereitschaft, Infrastrukturinvestitionen als machtpolitisches Mittel zu verwenden.
## Xi Jinping, Parteikontrolle und Wirtschaft
Ein zentraler Streitpunkt in der Konversation ist die zunehmende Rolle der Partei unter Xi Jinping. Chance betont, dass die Partei nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch wieder stärker eingreift: mehr Kontrolle, strengere Regulierung des Privatsektors und ein klarer Fokus auf nationale Sicherheit und technologische Souveränität. Diese Rückbesinnung auf Parteiführung hat zwei Seiten: Einerseits stärkt sie die Fähigkeit des Staates, langfristige Projekte durchzusetzen; andererseits erzeugt sie Unsicherheit im privaten Sektor, besonders bei Unternehmen, die zuvor stark von Marktorientierung profitiert hatten.
Die Einschätzung des Gesprächs ist nüchtern: die Parteikontrolle ist kein Widerspruch zur wirtschaftlichen Dynamik Chinas, sondern ein Element, das sie neu organisiert. Staatliche Interventionen werden strategischer, weniger kurzfristig populistisch; das Ziel ist Stabilität und Autarkie in Schlüsselbereichen. Für westliche Beobachter ist dies schwer zu interpretieren — einerseits beeindruckt die Effizienz, mit der chinesische Politik umgesetzt werden kann, andererseits alarmiert die Konzentration von Macht hinsichtlich Freiheit, Wettbewerb und geopolitischer Zielsetzung.
## Zölle, seltene Erden und die Beziehungen zwischen den USA und China
Handelspolitik ist im Gespräch als Instrument geopolitischer Spannung klar erkennbar. Zölle und Exportbeschränkungen sind längst nicht mehr nur reine Wirtschaftsmaßnahmen; sie sind strategische Werkzeuge im Ringen um technologische Vorherrschaft. Ein herausragendes Beispiel sind seltene Erden: China kontrolliert einen signifikanten Teil der globalen Lieferkette für diese kritischen Rohstoffe. Die Diskussion macht deutlich, wie dieses Monopol als Hebel in Auseinandersetzungen mit den USA und ihren Verbündeten dienen kann.
Gleichzeitig besteht ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis. Der Westen ist zwar vulnerabel in einigen technologischen Bereichen, doch die globale Vernetzung schafft auch Risiko für China, etwa im Zugang zu Spitzentechnologien oder Kapitalmärkten. Chance schildert die Beziehung als asymmetrisch und rivalisierend, weniger offen konfrontativ als vielmehr strategisch kalkuliert: Sanktionen, Zölle und Lieferbeschränkungen sind Mittel, um Abhängigkeiten zu mindern und Wettbewerbsvorteile zu sichern. Die Konsequenz ist ein langsam fortschreitender „Entflechtungs“-Prozess in sensitiven Sektoren, begleitet von einer Neuordnung von Lieferketten.
## Bücher und abschließende Bemerkungen
Giles Chance positioniert seine Argumente in der Tradition langfristiger, empirisch gestützter Analysen und verweist auf seine Bücher als Grundlage seiner Einschätzungen. Seine Schriften — etwa zu Chinas Rolle in der Kreditkrise und zum Doing Business in China — sind kein apologetischer Loblied, sondern Versuche, Struktur hinter kurzfristigen Schlagzeilen sichtbar zu machen. In der Abschlussdiskussion wird deutlich: Wer Chinas Strategie verstehen will, muss die historisc
Transcript
Wirtschaftsprofessor enthüllt Chinas
krassen Vorteil gegenüber dem Westen |
Giles Chance
Giles Chance spricht mit mir über den Aufstieg Chinas – von Deng Xiaopings Reformen und dem
WTO-Beitritt über die Krise von 2008, BRICS, die Neue Seidenstraße bis hin zum Einfluss seltener
Erden. Chance, Autor von „Doing Business in China“ und „China and the Credit Crisis“, beleuchtet
außerdem Xi Jinpings Einfluss auf den Privatsektor, die Spannungen mit Washington und die
Aussichten auf eine multipolarere Welt. Links: Bücher von Giles Chance: Doing Business in China:
https://www.amazon.com/Doing-Business-China-Giles-Chance/dp/1032147644 China and the Credit
Crisis: https://www.amazon.com/China-Credit-Crisis-Emergence-World/dp/0470825073 Neutrality
Studies Substack: https://pascallottaz.substack.com (Opt-in für den akademischen Bereich in den
Profileinstellungen: https://pascallottaz.substack.com/s/academic) Merch: https://neutralitystudies-
shop.fourthwall.com Spenden: https://neutralitystudies.com/donate Zeitmarken: 00:00:00
Einführung und Hintergrund von Giles Chance 00:05:45 Chinas Geschäftsmodell und Aufstieg 00:09:
18 Deng Xiaoping und der Exportboom 00:23:04 Krise 2008, BRICS und Neue Seidenstraße 00:30:27
Chinas industrielle Stärke und Selbstständigkeit 00:34:18 China und die neue multipolare Ordnung
00:44:57 Xi Jinping, Parteikontrolle und Wirtschaft 00:53:44 Zölle, seltene Erden und die
Beziehungen zwischen den USA und China 01:12:10 Bücher und abschließende Bemerkungen
#Pascal
Willkommen zurück bei „Neutrality Studies“, alle zusammen. Mein Name ist Pascal Lottaz, und heute
spreche ich mit Giles Chance, dem Autor der faszinierenden Bücher *Doing Business in China* und
*China and the Credit Crisis*. Bald erscheint sein neues Buch über Chinas weltweiten Einfluss in
Technologie, Geopolitik und der neuen multipolaren Ordnung. Ich dachte, das ist ein großartiges
Thema, über das wir sprechen sollten. Giles, herzlich willkommen.
#Giles Chance
Pascal, vielen Dank, dass ich hier sein darf. Bevor ich etwas über mich selbst sage, möchte ich kurz
festhalten, dass ich ein großer Bewunderer deiner Plattform bin. Ich finde, es gibt heute einen
wachsenden und sehr wichtigen Bedarf an Wahrheit und an echten Diskussionen – frei von jeder Art
von Zensur. Leider sehen wir solche Zensur inzwischen nicht nur in China, sondern auch im Westen.
Deshalb freue ich mich wirklich, in deiner Sendung zu sein, und fühle mich sehr geehrt, hier
sprechen zu dürfen. Vielen Dank, dass du mich eingeladen hast.
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#Pascal
Vielen Dank. Ja, danke, dass Sie online dabei sind. Erzählen Sie uns doch ein bisschen mehr über
sich und Ihren Hintergrund. Wie kommt es, dass Sie so eng mit China und der dortigen
Geschäftswelt verbunden sind?
#Giles Chance
Ich dachte, ich sollte ein bisschen über meinen Hintergrund erzählen, weil viele Leute vieles über
China und alles Mögliche sagen. Und es ist wichtig, klarzumachen, dass man wirklich weiß, wovon
man spricht. Mein Bezug zu China begann eigentlich damit, dass ich 1984 bei der Weltbank eine
Chinesin kennengelernt habe, dort, wo ich damals gearbeitet habe. Sie kam aus Peking, und zu der
Zeit gab es nicht viele Menschen vom chinesischen Festland, die in den USA oder überhaupt bei der
Weltbank gearbeitet haben. Wir kamen zusammen, haben vier Jahre später in London geheiratet,
und im April 1988 bin ich dann nach China gereist, um ihre Familie kennenzulernen. Da war ich
siebenunddreißig Jahre alt, und das war mein erster Besuch in China.
Und daraus haben wir dann zunächst Aktivitäten entwickelt – ein sehr erfolgreiches Unternehmen –,
das multinationale Konzerne wie Boots, Marks & Spencer, Vodafone, Rolls-Royce und andere
britische, ja sogar europäische Großunternehmen in China bis neunzehnhundertfünfundneunzig
beraten hat. Außerdem haben wir vielen chinesischen Staatsunternehmen geholfen – denn es gab
damals, Anfang der neunziger Jahre, kaum private Firmen, eigentlich gar keine –, Technologie zu
erwerben. Also, um genau zu sein, Technologie zu kaufen. Meist aus Europa, aber auch ein oder
zwei Geschäfte in den USA. Das haben wir sechs Jahre lang gemacht, bis Mitte
neunzehnhundertfünfundneunzig. Inzwischen hatten wir zwei kleine Kinder, und da habe ich
entschieden, dass es einfach nicht zusammenpasst, ein Unternehmen mit zehn oder fünfzehn
Mitarbeitenden zu führen und ständig um die Welt zu fliegen, während man zwei kleine Kinder
großzieht. Man muss sich da entscheiden – das eine oder das andere. Also haben wir das
Unternehmen verkauft.
Und dann kam meine zweite große China-Aktivität, viel später, als meine Kinder schon zur Schule
gingen. Im Jahr zweitausenddrei haben wir eine sehr kleine Investmentbank gegründet, eine
Tochtergesellschaft einer viel größeren Bank. Unser Ziel war es, privaten chinesischen Unternehmen
zu helfen, Kapital in Hongkong und auch in London an der Börse aufzunehmen. Das erste Geschäft,
das wir gemacht haben, war tatsächlich mit einem kleinen chinesischen Autohersteller namens Geely
– den Namen haben Sie vielleicht schon gehört. Geely ist heute der zweitgrößte Autohersteller in
China, nach BYD, und ein führendes Unternehmen in der Elektrofahrzeugbranche. Zwischen
zweitausenddrei und Ende zweitausendsieben haben wir viele Geschäfte für private chinesische
Firmen gemacht. Zum Glück haben wir das Unternehmen kurz vor dem Crash und dem
anschließenden Exodus verkauft. Danach habe ich etwa zehn bis zwölf Jahre an der Dartmouth
College unterrichtet – das ist eine Universität der Ivy League in den USA – an der Business School,
und außerdem an der Peking-Universität.
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Das ist also meine Erfahrung mit China. Ich habe das Land gesehen, als es gerade erst anfing, sich
zu entwickeln, als die Wirtschaft noch vollständig von der Regierung kontrolliert wurde. Der Aufstieg
des privaten Sektors ist im Grunde das, was die moderne chinesische Wirtschaft geschaffen hat –
natürlich zusammen mit der Steuerung aus Peking, die eine wichtige Rolle spielt. Ich habe diese
Entwicklung miterlebt, bis hin zum Entstehen des privaten Sektors. Später war ich dann als Professor
oder Gastprofessor an der Peking-Universität und habe mit meinen Studierenden und den anderen
Dozenten darüber gesprochen, was sie über den Rest der Welt denken – und was sie über China
denken. Ich glaube, und hoffe, dass das eine solide Grundlage ist für die Kommentare, die ich gleich
machen werde, und für die Diskussion, die wir führen werden.
#Pascal
Also, ich meine, aus all diesen Erfahrungen heraus – wie hast du Chinas Geschäftswelt verstanden?
Und worin unterscheidet sie sich, vielleicht auch in der Art, wie sie mit Chinas Entwicklungsmodell
zusammenhängt? Denn in den letzten dreißig Jahren war China, glaube ich, einfach das
erfolgreichste Modell überhaupt, wenn es darum geht, achthundert Millionen Menschen aus der
Armut in die Mittelschicht zu bringen. Das ist wirklich beispiellos, unerreicht, und es hat sicher etwas
damit zu tun, wie das ganze System funktioniert und wie es wirtschaftliche Aktivitäten ermöglicht
hat. Wie siehst du das?
#Giles Chance
Ich finde, der erste Ausgangspunkt im Umgang mit China – oder auch mit anderen Ländern
außerhalb Nordamerikas und Europas – ist, dass China einfach völlig anders ist als wir. Sie kommen
aus einem ganz anderen Umfeld. Und das macht es sehr schwierig. Ich denke, die ersten Schritte,
die der Westen gegenüber China unternommen hat, kamen zunächst von den Vereinigten Staaten.
Europa ist Amerika in dieser Hinsicht ja schon lange gefolgt. Deshalb spreche ich hier im Grunde
über Amerika stellvertretend für Europa. Der erste große Schritt war, dass China der
Welthandelsorganisation beitritt.
Die Vereinbarung wurde im November neunzehnhundertneunundneunzig von den Amerikanern
unterzeichnet, und dann wurde sie tatsächlich im Jahr zweitausendeins umgesetzt. Amerika
unterstützte diese Idee, weil man dachte, wenn China in die Welthandelsorganisation aufgenommen
würde, also in die von den USA dominierte Welt, dann würde China irgendwann so werden wie
Amerika. Man glaubte, man könne es in das amerikanische System einfügen. Das war damals die
Vorstellung. „Wir machen aus China eine liberale Demokratie.“ Genau das glaubte man in
Washington in den Jahren neunundneunzig und zweitausendeins. Und ich bin sicher, das ist heute
gut zu erkennen. So haben sie damals gedacht. Aber was sie natürlich nicht verstanden, war, dass
China völlig anders ist.
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Die Chinesen hatten ganz andere Vorstellungen als die Amerikaner. Und China ist, wie wir alle
wissen, eine sehr alte Kultur – mindestens fünftausend Jahre dokumentierte Geschichte,
wahrscheinlich noch viel älter. Das chinesische Selbstverständnis und ihr Blick auf den Westen waren
also ganz anders, als die Amerikaner China sahen. Und das ist bis heute so. Wenn ich also auf Ihre
Frage zurückkomme, warum China so außergewöhnlich erfolgreich war: Ich denke, es ist eine
Mischung aus Pragmatismus, einer sehr aufgeklärten, von oben geführten Regierung und – ganz
besonders – dem Unternehmergeist und den Geschäftsfähigkeiten der chinesischen Bevölkerung.
Das wäre meine Antwort in einem Satz.
#Pascal
Du wolltest noch etwas sagen, oder? Hey, ganz kurz eine kleine Unterbrechung: Ich wurde vor
Kurzem von YouTube gesperrt. Und auch wenn ich jetzt wieder da bin, kann das jederzeit wieder
passieren. Deshalb: Bitte abonniert nicht nur hier, sondern auch meinen Newsletter auf Substack –
pascallottaz.substack.com. Den Link findet ihr unten in der Beschreibung. Und jetzt zurück zum
Video. Vielleicht noch ein bisschen mehr über das Entwicklungsmodell, dem sie gefolgt sind. Denn ja,
sie sind der Welthandelsorganisation beigetreten, haben sich wirklich geöffnet und im Grunde
zugestimmt, zur Werkbank der Welt zu werden, oder?
Und sie fingen an, zu wirklich niedrigen Preisen zu produzieren. Und lange Zeit, wissen Sie, gab es
ein paar Ökonomen, die darauf hingewiesen haben und sagten: Naja, die Chinesen bekommen
eigentlich den schlechtesten Teil des Geschäfts. Denn wenn man sich die sogenannte Smile-Kurve
anschaut, also wo der ganze Mehrwert entsteht und so weiter, dann bringt es einem auf Dauer nicht
viel, einfach nur die Werkbank der Welt zu sein. Aber nein – das hat China sehr, sehr weit gebracht.
Und das Land hat sich in viele, ganz unterschiedliche Richtungen entwickelt. Wie haben Sie das
wahrgenommen?
#Giles Chance
Also, der Ausgangspunkt war eigentlich – ich meine, man muss über einzelne Personen sprechen,
weil sie wirklich entscheidend sind. Deng Xiaoping – China hatte großes Glück, dass nach Maos Tod
Deng Xiaoping, sein langjähriger Weggefährte seit den zwanziger Jahren bei der Gründung der
Kommunistischen Partei Chinas, ein sehr pragmatischer und hochintelligenter, ja, ein brillanter Mann
war. Er erkannte, dass ein kompletter Bruch mit der Mao-Ära, mit der Kulturrevolution und all dem,
notwendig war. Und er kannte Chinas Potenzial in- und auswendig. Deshalb förderte er, nach einer
gewissen Übergangszeit ab Ende der siebziger Jahre, Veränderungen und Reformen. Diese
brauchten lange, bis sie wirklich Wirkung zeigten, aber nach und nach begannen die Chinesinnen
und Chinesen, über Jahre hinweg, selbst aktiv zu werden – eigene Ideen zu entwickeln, eigene
Unternehmen zu gründen.
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Und staatliche Unternehmen wurden ermutigt, ins Ausland zu gehen – nach Amerika, nach Europa –
um dort Technologie einzukaufen, sie zurückzubringen, davon zu lernen und sie anzuwenden. Mit
anderen Worten: um die chinesische Wirtschaft zu modernisieren. Eine weitere wichtige Entwicklung
begann, eigentlich schon Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre. In der Provinz Guangdong,
direkt neben Hongkong, erkannten viele Chinesinnen und Chinesen aus Hongkong eine Chance. Sie
überquerten die Grenze, sprachen mit Leuten in Guangdong und gründeten dort, gleich hinter der
Grenze zu Hongkong, Fabriken. Dort produzierten sie alle möglichen sehr günstigen Waren –
Schuhe, Hüte, Kleidung, solche Dinge. Sie sahen, dass es dort praktisch unbegr