Russland die Schuld geben: Die Lüge, die den Westen zusammenhält | Prof. Yakov Rabkin

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Im Zentrum des Austauschs vertritt Yakov Rabkin die These, dass Russophobie wie Antisemitismus fungiert: ein emotionales, essentialisierendes Stereotyp, das kultiviert wird, um komplexe Gesellschaften zu Feinden zu vereinfachen und Debatten zu unterdrücken. Er führt beide Begriffe bis ins 19. Jahrhundert zurück, zeigt, wie sie sich in der nationalsozialistischen Ideologie vermischten, und ordnet sie in längere Geschichten europäischen kolonialen Rassismus’ ein. Rabkin verknüpft den aufkommenden Rassismus mit einer „Demoderne­rung“: wachsende Ungleichheit, privatisierter Ärger und der Verfall demokratischer Deliberation, die Bevölkerungen anfällig für Sündenbock‑Zuweisungen machen. Politische Eliten instrumentalisieren diese Vorurteile, um externe Feinde—vornehmlich Russland—herzustellen, die Aufrüstung zu rechtfertigen, populäre Unzufriedenheit umzulenken und diplomatische Lösungen zugunsten von Abschreckung auszuschließen. Er warnt außerdem davor, vielfältige innere Stimmen mit staatlicher Politik gleichzusetzen (z. B. alle Jüdinnen und Juden mit der israelischen Politik oder alle Russinnen und Russen mit den Zielen des Kremls), da dies nuancierte Kritik zum Schweigen bringt. Insg

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## Nazi-Rassismus und koloniales Denken Die Diskussion macht deutlich, wie tief die Wurzeln heutiger Feindbilder in den europäischen Denkformen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verankert sind. In der Debatte wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass Begriffe wie Russophobie und Antisemitismus nicht erst in der unmittelbaren Gegenwart entstanden, sondern historisch gewachsen sind: Beide Vokabeln traten in ähnlichen Epochen auf und spiegeln eine Denkweise, die Menschen in starr hierarchische Kategorien presst. Diese Kategorien wurden durch koloniale Ideologien und durch das pseudo-wissenschaftliche Rassendenken jener Zeit genährt. Die Nazis setzten diese Traditionen skrupellos fort, indem sie Russen, Slawen und Juden in ein rassistisches Narrativ einbetteten, das Eroberung, Enteignung und Ausrottung legitimierte. Das Gespräch erinnert daran, dass die Vernichtungspolitik im Osten nicht nur ein militärisches Ziel war, sondern Teil eines längeren europäischen Projekts kolonialer Expansion. Die Idee von „Lebensraum“ ist eng verwandt mit kolonialer Landnahme – die Vorstellung, fruchtbare Gebiete stünden einer „zivilisierten“ Bevölkerung zu, die dafür andere Völker auslöschen oder vertreiben müsse. Diese Argumentationsmuster sind nicht nur historisch relevant, sondern prägen bis heute, wie Gemeinschaften gegeneinander ausgespielt werden. Die Erinnerungskultur Europas hat zwar den Holocaust in den Mittelpunkt gerückt, doch das Gespräch fordert dazu auf, die geteilte Verantwortung und die Vielzahl der Opfer (Slawen, Roma, koloniale Völker) wieder in den Blick zu nehmen. Ohne diese erweiterte Perspektive bleibt das Verständnis für die Kontinuitäten kolonial-rassistischer Politik unvollständig. ## Rassismus, Essentialismus und Ungleichheit Zentrales Argument der Diskussion ist, dass Rassismus immer auf einem Essentialismus beruht: das Zuschreiben konstanter Eigenschaften an ganze Gruppen. Ob es um Juden, Russen oder andere Minderheiten geht — dieselbe Logik konstruiert homogene „Andersheiten“, die moralisch oder biologisch abgewertet werden können. Solche Zuschreibungen sind nicht nur Vorurteile auf individueller Ebene, sie strukturieren politische Handlungen, Narrative und staatliche Gewalt. Die Debatte zeigt, dass diese Mechanismen nicht einfach kulturelle Relikte sind, sondern in aktuellen Politikfeldern und Medienbildungen weiterwirken. Wichtig ist auch die Verbindung zwischen wirtschaftlicher Ungleichheit und dem Aufkommen rassistischer Erklärungsmodelle. In der Diskussion wird deutlich gemacht, dass extreme Konzentration von Reichtum und die Erosion sozialer Sicherheit Menschen anfällig für Sündenbockdenken macht. Wenn wenige sehr viel besitzen und viele verarmen, verliert das Versprechen einer funktionierenden Demokratie an Glaubwürdigkeit. Statt ein Klassenbewusstsein zu entwickeln, das die Verursacher sozialer Not benennt, richtet sich die Wut gegen greifbare „Andere“. In solchen Konstellationen gewinnt essentialistisches Denken an Wirkungskraft: Es bietet einfache Schuldzuweisungen dort, wo komplexe wirtschaftliche Strukturen die Ursachen sind. ## Demodernisierung und private Wut Ein prägnantes Motiv der Diskussion ist die These einer „Demodernisierung“ — ein Prozess, in dem nach dem Modernisierungsversprechen des 20. Jahrhunderts Fortschritte in Bildung, Gleichheit und demokratischer Teilhabe zurückgedreht werden. Dieser Rückschritt zeigt sich auf mehreren Ebenen: wirtschaftlich durch Polarisierung und Armut, kulturell durch das Aufkommen irrationaler Erklärungen und politisch durch eine Verlagerung vom öffentlichen Konflikt auf private Selbsttherapie. Die Gesprächsteilnehmer betonen, dass in Regionen nach dem Zerfall großer Systeme (etwa der Sowjetunion) die soziale Verarmung besonders schockartig war; gleichzeitig wurde die öffentliche Sphäre geschwächt und Protest in individuelle Ressentiments kanalisiert. Der Ausdruck „Privatisierung der Wut“ fasst eine Schlüsselbeobachtung zusammen: Statt kollektive Formen der Kritik zu entwickeln und auf strukturelle Verantwortliche zu zeigen, wurden Probleme psychologisiert. Ökonomische Ausbeutung erscheint als individuelles Versagen, soziale Unsicherheit als persönliche Misere. Die Folge ist eine Erosion des öffentlichen Diskurses: Politik verliert an Möglichkeit, weil Konflikte diffus und pathologisiert werden. Diese Entwicklung macht Gesellschaften anfälliger für nationalistisches und aggressives Narrativ, das einfache Lösungen und externe Schuldige anbietet. ## Warum Eliten Feinde brauchen Ein weiterer, zentraler Punkt der Diskussion ist die politische Instrumentalisierung von Feindbildern durch Eliten. Wenn ökonomische Modelle scheitern und Demokratie an Wirkung verliert, wird der Ruf nach einem äußeren Gegner zu einem mächtigen Instrument, um innenpolitische Widersprüche zu übertünchen. Das Gespräch stellt die provokante These zur Diskussion, dass Eliten langfristig lieber Risiken eingehen — im äußersten Fall sogar militärische Eskalation — als zugestehen, dass ihre Politik die Gesellschaften geschädigt hat. Ein äußerer Feind schafft Kohäsion, lenkt Aufmerksamkeit vom Inneren nach außen und mobilisiert nationale Emotionen. Die historischen Parallelen sind offenkundig: Von einstigen Kriegsrhetoriken bis zu modernen Kampagnen gegen Staaten oder Minderheiten funktionieren Feindkonstruktionen nach ähnlichem Muster. Im aktuellen Kontext dient die Wiederbelebung russophober Klischees nicht nur der Erklärung geopolitischer Spannungen, sondern erfüllt die Funktion, interne Widersprüche zu verdecken. Das Machtspiel der Eliten profitiert von Polarisierung, Medienrhetorik und der Simplifizierung komplexer Sachverhalte — Politik wird so zu einer Bühne, auf der Angst als Ressource kultiviert wird. ## Stereotype, Diplomatie und Abschreckung Die Diskussion macht deutlich, dass stereotype Feindbilder nicht nur Gefühle schüren, sondern konkrete außenpolitische Folgen haben: Sie verengen den Raum für Diplomatie und lassen Abschreckung als bevorzugte Option erscheinen. Wenn ein Staat oder eine Bevölkerung als irrational, barbarisch oder expansionistisch konstruiert wird, erscheinen Verhandlungen als gefährlich oder gar unmöglich. Das Gespräch mahnt, dass solche Zuschreibungen internationale Beziehungen verhärten und rationale Problemlösung unterminieren. Abschreckungspolitiken, die auf der Annahme eines unversöhnlichen Gegners beruhen, verschieben Prioritäten: Militärische Vorbereitung wird zur Hauptsorge, während diplomatische Kanäle vernachlässigt werden. Diese Dynamik ist selbstverstärkend — je mehr die einen auf Gefährlichkeit insistieren, desto eher suchen die anderen Sicherheitsgarantien und Aufrüstung. Aus der Diskussion ergibt sich die Warnung, dass Stereotype geopolitische Denkverbote schaffen: Nicht nur moralisch problematisch, sondern politisch gefährlich, weil sie Eskalationsspiralen befördern. ## Antisemitismus, Israel und öffentliche Debatte Ein sensibler Teil der Debatte betrifft die Verknüpfung von Antisemitismus, Israelkritik und öffentlicher Auseinandersetzung. Die Gesprächsteilnehmer reflektieren, wie historische Stereotype über Juden in aktuelle Diskurse hineinwirken und wie das Thema Israel diese Dynamiken kompliziert. Es wird hervorgehoben, dass Israel in manchen Kontexten dazu benutzt wird, anti-jüdische Bilder zu reproduzieren, während gleichzeitig legitime Kritik an konkreten Politiklinien als antisemitisch diskreditiert werden kann. Diese Doppelbewegung verkompliziert die öffentliche Debatte erheblich. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen antisemitischer Hetze und politischer Kritik — eine Trennlinie, die oft unscharf gezogen wird, wenn Emotionen und Narrative dominieren. Die Diskussion plädiert für eine differenzierte, historisch informierte Debattenkultur, die sowohl die Geschichte des Antisemitismus anerkennt als auch Raum für kritische Auseinandersetzung mit Staaten und ihren Politiken lässt. Nur so lassen sich Instrumentalisierungen durch beide Seiten vermeiden: die ei

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Russland die Schuld geben: Die Lüge, die den Westen zusammenhält | Prof. Yakov Rabkin Wenn alles andere scheitert, zieh in den Krieg gegen Russland. Es ist eine uralte europäische Strategie, um die eigene Bevölkerung davon abzuhalten, sich gegen ihre wirtschaftlichen Sklavenhalter zu erheben. Und tatsächlich ist das 21. Jahrhundert keine Ausnahme. Die Eliten würden lieber einen Atomkrieg mit Russland riskieren, als zuzugeben, dass ihre Wirtschaftspolitik im eigenen Land den Kontinent ruiniert. Dafür muss man nur alte russophobe Klischees reaktivieren. Und schon geht es los. So wie Antisemitismus gegen den inneren Feind eingesetzt wird, hat Russophobie einen sehr spezifischen politischen Zweck: die Menschen gegen den äußeren Feind zu mobilisieren. Diese Dynamik ist nun in vollem Gange. Dr. Yakov Rabkin, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Montreal, spricht über die Zusammenhänge zwischen Russophobie, Antisemitismus, Rassismus und Krieg. Er erklärt, wie Stereotype Gruppen zu einfachen Feindbildern machen, die öffentliche Debatte blockieren und die Militarisierung fördern. Das Gespräch behandelt außerdem koloniale Vorstellungen, wirtschaftliche Ungleichheit, „Demodernisierung“, Israel und Zionismus sowie die Frage, warum Diplomatie zunehmend durch Abschreckung ersetzt wird. Links: Yakov Rabkin Website: https://yakovrabkin.ca/ Yakov Rabkin auf Academia.edu: https://independent. academia.edu/YRabkin Neutrality Studies Substack: https://pascallottaz.substack.com Merch: https://neutralitystudies.com/shop Spenden: https://neutralitystudies.com/donate Zeitmarken: 00:00: 00 Russophobie und Antisemitismus 00:06:32 Nazi-Rassismus und koloniales Denken 00:12:02 Rassismus, Essentialismus und Ungleichheit 00:17:17 Demodernisierung und private Wut 00:22:36 Warum Eliten Feinde brauchen 00:32:28 Stereotype, Diplomatie und Abschreckung 00:43:55 Antisemitismus, Israel und öffentliche Debatte 00:51:10 Imperium, Kultur und Rassismus #Pascal Willkommen zurück, alle zusammen, zu „Neutrality Studies“. Heute wieder mit dem immer brillanten Dr. Jakob Rapkin, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Montreal. Jakob, schön, dass du wieder da bist. #Yakov Rabkin Danke. #Pascal -- 1 of 20 -- Jakob, wir haben uns ja vor Kurzem in Russland getroffen, bei einer Konferenz über Russophobie. Und du hast dort eine sehr wichtige Beobachtung gemacht – nämlich, dass das Stereotyp der Russophobie, über das wir gesprochen haben, viele Ähnlichkeiten mit dem Stereotyp des Antisemitismus hat. Du selbst hast ja viel über Israel geschrieben, darüber, wie Israel bestimmte Stereotype nutzt und auch missbraucht. Darüber sollten wir jetzt wohl sprechen. Welche Ähnlichkeiten gibt es also zwischen diesen beiden Stereotypen? #Yakov Rabkin Also gut, wenn Sie erlauben, fang ich mit einem Witz an. Er spielt in Berlin im Jahr neunzehnhundertachtunddreißig, nach dem Pogrom der Reichskristallnacht. Zwei Juden treffen sich auf einer Straße in Berlin. Der eine bemerkt, dass der andere ein Exemplar des „Völkischen Beobachters“ in der Hand hat, dieser berüchtigt antisemitischen Zeitung. Er sagt: „Wie kannst du das lesen?“ – ganz empört. Der andere antwortet: „Schau, das tröstet mich. Hier ist alles so schlimm, und wenn ich diese Zeitung aufschlage, dann lese ich: Wir sind die Mächtigsten, wir beherrschen die Welt. Das ist wirklich angenehm.“ Und genau dieser Witz zeigt etwas Ähnliches in Bezug auf die Russophobie. Auf der einen Seite heißt es, Russland sei rückständig, unterentwickelt und grausam. Auf der anderen Seite heißt es, es könne den Krieg in der Ukraine nicht gewinnen, es verliere ihn. Aber auf der anderen Seite ist es militarisiert, weil es angeblich kurz davor steht, Lissabon zu überfallen. Man hat also diese widersprüchlichen Botschaften, die im Zusammenhang mit Antisemitismus und Russophobie verbreitet werden. Und das scheint viele Menschen gar nicht zu stören, weil sie im Grunde irrational sind. Sie sprechen die Emotionen an. Wenn man aber rational darüber nachdenkt – und das ist eigentlich gar nicht so kompliziert –, dann müsste man sagen: Es kann doch keine Armee geben, die so rückständig ist, dass sie Chips aus Waschmaschinen für militärische Zwecke nutzt, und gleichzeitig kurz davor steht, ganz Europa zu erobern. Und niemand stellt die Frage: Warum eigentlich? Was ist der Zweck dahinter? Ich denke, genau das beschreibt die Zeit, in der wir leben. Während der Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg diskreditiert wurde, ist das bei der Russophobie nicht passiert. Beide Begriffe stammen, würde ich sagen, aus dem neunzehnten Jahrhundert. Ganz sicher: Die beiden Begriffe, Russophobie und Antisemitismus, tauchten im neunzehnten Jahrhundert auf. In einem Fall war es ein jüdischer Intellektueller aus Wien, der den Ausdruck „antisemitisches Vorurteil“ prägte. Und der Begriff Russophobie wurde von einem russischen Intellektuellen und Schriftsteller eingeführt, dem Dichter Tjutschew – ungefähr zur selben Zeit, in einem Brief an seine Tochter. Er schrieb, dass es ein gewisses … Moment, ich glaube, ich zitiere das am besten direkt aus dem Brief, weil es wirklich interessant ist. Es ist bemerkenswert, dass er das in einem privaten Brief schrieb. Er sagte zu seiner Tochter im Jahr achtzehnhundertsiebenundsechzig, es gebe ein zeitgenössisches Phänomen, das immer mehr … #Yakov Rabkin -- 2 of 20 -- Pathologischer Charakter. Es ist Russophobie – bei bestimmten, sonst durchaus ehrenwerten Russen. Ich habe das Zitat im ursprünglichen Französischen wiedergegeben, weil sich die Intellektuellen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auf diese Weise miteinander austauschten. Und es ist sehr aufschlussreich, dass der Begriff „Russophobie“ zuerst in Russland geprägt wurde – und zwar in Bezug auf Russen, die, sozusagen, sich selbst hassen. Wir sprechen hier also über einen weiteren Begriff aus dem neunzehnten Jahrhundert, der häufiger im Zusammenhang mit Juden verwendet wird – Selbsthass. So entstehen diese beiden Phänomene: Russophobie und Antisemitismus. Natürlich tauchte das Wort „Russophobie“ im Englischen schon früher auf. Ich habe herausgefunden, dass es John Stuart Mill war, der damals die Regierung kritisierte, weil sie das britische Militärbudget unnötig aufblähte, um einer übertriebenen Bedrohung durch das Russische Reich zu begegnen. Kommt Ihnen das bekannt vor? #Pascal Copy und Paste? Zweihundert Jahre, und nichts hat sich geändert. Ja. #Yakov Rabkin Mill sagte, ich zitiere: „Die eigentliche Ursache jedoch ist eine, die man lieber nicht ansprechen wollte. Die Minister sind vom epidemischen Fieber der Russophobie befallen.“ #Pascal Weißt du, wir haben das schon oft besprochen, und es ist wirklich faszinierend, dass diese Stereotype immer wieder auftauchen, oder? Dieses Bild vom Russen, vom Russen und vom Juden. Das sind ziemlich wichtige Figuren – so eine Art Strohmann-Stereotype –, um auf der anderen Seite politisch Stimmung zu machen und das dann zu kontern, richtig? Darauf spielt ja auch der Witz an, den du zitiert hast. Man muss also etwas erschaffen, das gleichzeitig lächerlich und beängstigend ist. Welche anderen Parallelen gibt es da, und glaubst du, dass dieses gleichzeitige Auftreten der beiden Stereotype Zufall ist? Oder hängen sie tatsächlich zusammen? Denn Russland, also die russischen und slawischen Gebiete, waren ja damals auch zu einem großen Teil von Juden bewohnt – deutlich mehr als zum Beispiel in Westeuropa zu der Zeit. #Yakov Rabkin Ja, auf jeden Fall. Und wenn wir uns den Judenhass, den Antisemitismus und die Russophobie anschauen, dann sind sie im Denken der Nazis miteinander verschmolzen. #Pascal Hm. -- 3 of 20 -- #Yakov Rabkin Weil sie gegen die jüdisch-bolschewistischen Kräfte kämpften. Für sie waren die Bolschewiken Russen. Und so, wie sie die Russen darstellten – sie benutzten übrigens kaum den Begriff „Sowjet“, sondern sagten „Russen“, als sie die Sowjetunion angriffen – sahen sie die Russen als Mongolen, als asiatische Horden. Sie behaupteten, sie hätten die Russen angegriffen, um zu verhindern, dass diese das reine, kultivierte Europa überfallen. Die ganze Idee, die Sowjetunion anzugreifen, war also von Russophobie geprägt – und natürlich auch von Antisemitismus. Und die Befehle, die die deutsche Armee beim Einmarsch in die Sowjetunion erhielt, lauteten sinngemäß: Das wird ein anderer Krieg. Es ist nicht derselbe Krieg, den ihr in Frankreich geführt habt. Hier ist es ein Vernichtungskrieg. Ein Krieg der Auslöschung. Und das stimmte tatsächlich. Zumindest diesmal hat man niemanden in die Irre geführt. Denn, und das ist sehr wichtig, es wurden mindestens zehn Millionen Slawen – Russen, Polen und andere – von den Nazis getötet, zivile Slawen. Aber irgendwie entgeht das unserer historischen Erinnerung. Wir konzentrieren uns auf die sechs Millionen ermordeten Juden. #Pascal Sechs Millionen. #Yakov Rabkin Ja, sechs Millionen. Aber wir vergessen irgendwie die anderen, die auch betroffen waren – die Roma. Heute sprechen wir aber über Russophobie, und deshalb betone ich die Vernichtung der slawischen Bevölkerung. Diese slawische Bevölkerung sollte ausgelöscht werden, weil sie als „Untermenschen“ dargestellt wurde, als eine minderwertige Art von Menschen. Und außerdem mussten diese sogenannten Untermenschen beseitigt werden, weil die fruchtbaren Gebiete von deutschen Bauern kolonisiert werden sollten – und dort brauchte man nicht so viele Arbeitskräfte. Also musste man die Bevölkerung vernichten, um Platz zu schaffen für den Beginn der sogenannten Zivilisation. So wurde das damals dargestellt. Und ich finde, es ist sehr wichtig zu verstehen, dass es im Zweiten Weltkrieg so etwas wie einen „Genozid der gleichen Chancen“ gab – wenn man das so nennen will. #Pascal Du formulierst das sehr provokant, aber „Chancengleichheit beim Völkermord“ hieße dann ja, dass alle Menschen auf diesem Land ausgelöscht würden, oder? Nicht nur die Juden. Ich meine, man würde auch die anderen loswerden. Und auf eine sehr traurige Weise ist das, na ja, gar nicht so weit entfernt von dieser Idee des „Lebensraums“ in Amerika, im Westen, von der sogenannten „Manifest Destiny“. Dorthin sollte man gehen. Und dort sehen wir dann das Ergebnis, das Hitler für den Osten -- 4 of 20 -- beschrieben hat – eine völlig neue Bevölkerung übernimmt das Land und lebt bis heute darauf. In einem sehr traurigen Sinn sehen wir also einfach eine Fortsetzung der europäischen Art, Land zu kolonisieren, oder nicht? #Yakov Rabkin Stimmt. Tatsächlich war der erste Völkermord, den die Deutschen begangen haben, nicht einmal in Europa. Er fand im Südwesten Afrikas statt, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Genau. Aber das hat sich im kollektiven Gedächtnis Europas nicht wirklich verankert. #Pascal In Namibia, richtig? Der namibische Völkermord. #Yakov Rabkin Sehr, sehr wenig. Ich denke, die koloniale Haltung, die rassistische Haltung, ist tief in der europäischen Geschichte verwurzelt. Wir reden oft darüber, dass amerikanische Truppen in Europa gegen den Rassismus gekämpft hätten. Aber die amerikanische Armee war damals selbst segregiert. Und als, ich glaube, es war de Gaulle, Eisenhower bei der Befreiung von Paris bat, dass französische Einheiten als Erste in die Stadt einmarschieren sollten statt der Amerikaner, da lautete die Antwort: in Ordnung – solange sie weiß sind. Und zu dieser Zeit gab es nicht viele weiße Franzosen in der Armee. #Pascal Der Rassismus, der im Kern solcher europäischen Projekte steckt – egal, um welches es geht – ist wirklich erschütternd. Aber das Problem ist, dass die heutige Erinnerungskultur versucht, alles als einen antirassistischen Kampf darzustellen. Wenn man sich aber die Quellen anschaut, so wie Sie das tun, sieht man: Nein, da war auf allen Seiten Rassismus, der tief verankert war. Glauben Sie denn, dass dieser Rassismus – denn eines der Themen, die wir natürlich auch auf der Konferenz angesprochen haben – dass Russophobie, genau wie Antisemitismus, eine Form von Rassismus ist? Denken Si