US-Militärbasen machen Länder UNSICHERER | Dr. Arta Moeini

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Im Kern der Debatte vertritt Dr. Arta Moeini den Ansatz des „radikalen Realismus“ und argumentiert, dass die internationale Politik in Geografie, Kultur und historischen zivilisatorischen Räumen verwurzelt ist und nicht in einem einzigen globalen System, das ausschließlich von materiellen Kennzahlen bestimmt wird. Sie kritisiert den neorealistischen Universalismus dafür, die Machtausübung zu überbetonen und regionale strategische Kulturen zu vernachlässigen; China werde ihrer Auffassung nach den maritimen Imperialismus der USA nicht nachahmen, weil andere zivilisatorische Imperative wirksam seien. Moeini hebt das Aufkommen von Mittelmächten und die Herausbildung von Multinodalität hervor — regionale Einflussknoten (z. B. Iran, Türkei, Indonesien), die die Projektion entfernter Hegemonialmacht begrenzen und Neutralität für Randstaaten als überlebensfähige Strategie ermöglichen. Sie sieht die US-Politik seit den 1970er Jahren zunehmend auf regionale Destabilisierer (Israel, Ukraine, Taiwan) angewiesen, um Vorteile zu wahren — ein Vorgehen, das sie als kontraproduktiv und destabilisierend beurteilt. Insgesamt erwartet Moeini eine post-unipolare Welt, geprägt von überlappenden regional

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Die gegenwärtige Weltordnung lässt sich weniger als ein einheitliches globales System begreifen denn als ein Mosaik regionaler Zivilisationen, Kulturen und geographischer Realitäten. Aus dem Gespräch mit Dr. Arta Moeini tritt deutlich hervor, dass die zentrale Herausforderung nicht allein in einem Machtwettbewerb zwischen Großmächten liegt, sondern in der Unfähigkeit vieler Politikmodelle — vor allem westlicher —, die gewichtige Rolle von Geografie, Kultur und historischen Pfaden zu erfassen. Diese Blindheit führt zu strategischen Fehlentscheidungen: Übermäßige Militärpräsenz, falsche Projektionen von Macht und die Unterschätzung mittlerer Staaten machen Regionen unsicher, statt sie zu stabilisieren. ## China, Kultur und globale Hegemonie Die Analyse von China als möglichem globalen Hegemon wird im Gespräch entschieden relativiert. Dr. Arta Moeini argumentiert, dass China eine andere strategische Kultur besitzt als frühere Seemächte und dass dessen historische Entscheidungen — etwa das Zurückziehen von großen Flotten — eine andere Logik offenbaren als die europäischer Kolonialmächte oder der US-amerikanische Globalismus. Kultur und Identität wirken hier als begrenzende Faktoren: Ein Staat, der nicht die Absicht hat, seine eigene kulturelle Kohärenz durch umfassende Vermischung zu gefährden, wird andere Außenpolitik betreiben als ein Land, das seinen Einfluss über Kolonisierung und Migration expandiert. Damit wird die Hypothese in Frage gestellt, dass steigende materielle Kapazitäten automatisch zu identischem hegemonialem Verhalten führen. China könne technologisch und wirtschaftlich aufsteigen, ohne notwendigerweise die klassische Rolle eines imperiale Seereichs zu übernehmen. Die Implikation ist: Prognosen, die rein auf Ressourcen, BIP und militärischen Kapazitäten beruhen, bleiben oberflächig, weil sie strategische Kultur, historische Präferenzen und geografische Bedingungen außer Acht lassen. ## Macht jenseits von Panzern und BIP Ein wiederkehrendes Thema der Diskussion ist die Unzulänglichkeit der dichotomen Unterscheidung zwischen Hard Power und Soft Power. Moeini plädiert dafür, Macht umfassender zu denken: nicht nur als physische Gewalt, sondern als Fähigkeit, Verhalten zu formen, Wahrnehmungen zu leiten und Widerstandsfähigkeit aufzubauen. Macht entsteht aus Geschichte, kollektiver Identität, institutioneller Kohärenz und der Kenntnis lokaler Geografie. Technologische Entwicklungen haben die Grenzen des Machterwerbs verschoben: Verteidigung wird kosteneffizienter, asymmetrische Mittel ermöglichen kleinen und mittleren Staaten, sich effektiver zu schützen. Das macht traditionelle Metriken — Panzerzahlen, Flugzeugträger, nominales BIP — für die Bewertung von Sicherheit und Einfluss unzureichend. Entscheidend ist die Kombination aus geographischer Lage, sozialer Kohäsion und strategischer Kultur. ## Mittelmachtstaaten und Multinodalität Die Debatte um Multipolarität erhält durch die Betonung mittlerer Staaten eine neue Wendung. Moeini unterscheidet klar zwischen Großmächten, die in der Lage sind, global zu projizieren, und Mittelmachtstaaten, die in ihren Regionen dauerhaft prägend sind. Iran wird als Beispiel angeführt: kein globaler Hegemon, aber eine regionale Kraft mit nachhaltiger Einflussnahme und hoher Widerstandsfähigkeit. In einer Welt, die sich von einer vermeintlichen Unipolarität entfernt, werden Mittelmäch­te zu zentralen Akteuren. Ihre Bedeutung steigt, weil sie lokal verankert, historisch legitimiert und oft besser an regionale Gegebenheiten angepasst sind als externe Großmächte. Dieses Muster fördert eine Multinodalität, in der Machtverhältnisse nicht mehr ausschließlich in bipolarer oder hegemonialer Logik gedacht werden können, sondern als Netzwerk regionaler Kompromisse und Balancen. ## Neutralität am Rand der Imperien Neutralität wird im Gespräch nicht nur als moralische Option, sondern als praktikable Strategie verstanden, die aus geographischer Lage, kultureller Identität und historischen Erfahrungen erwächst. Staaten, die zwischen Einflusssphären liegen, haben eine lange Tradition, durch Neutralität oder ausgewogene Beziehungen ihre Souveränität zu bewahren. Moeini betont, dass geographische Protektion — Berge, Küsten, schwer zugängliche Räume — kombiniert mit institutioneller Kohärenz Neutralität ermöglichen kann. Neutralität ist dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern oft Ausdruck strategischer Klarheit: Sie erlaubt Staaten, von regionaler Interdependenz zu profitieren, ohne sich in die dauerhaft destruktiven Dynamiken globaler Allianzen und Blockkonkurrenzen zu verstricken. Für Regionen, die historisch unter fremder Einmischung gelitten haben, stellt die Behauptung neutraler Räume eine Möglichkeit dar, langfristige Stabilität zu fördern. ## US-amerikanische regionale Störfaktoren und Allianzen Das Gespräch kritisiert die Annahme, dass dauerhafte militärische Präsenz und ein Netz von Basen automatisch zur Sicherheit beitragen. Ganz im Gegenteil kann die Stationierung externer Streitkräfte lokale Sicherheitsdilemmata verschärfen und das Gefühl nationaler Selbstachtung untergraben. US-Basen, so die zugrundeliegende These, machen Länder unsicherer, weil sie als Fremdpräsenz wahrgenommen werden und dadurch regionale Gegenreaktionen provozieren. Allianzen, die zu stark asymmetrisch sind, bergen das Risiko, lokale Eliten zu entkoppeln, Anreize für fehlerhafte politische Entscheidungen zu schaffen und die regionale Resilienz zu schwächen. Statt Stabilität zu erzeugen, können überdehnte Bündnisse und Interventionen Instabilität exportieren. Die Folge sind schlechte Vorhersagen, Fehleinschätzungen und ein fortgesetztes Muster, bei dem externe Akteure versuchen, Regionen nach entfernten Interessen zu formen — oft mit begrenztem Erfolg. ## Elitennetzwerke und schlechte staatliche Entscheidungen Ein weiterer zentraler Punkt der Diskussion ist die Rolle transnationale Elitennetzwerke in der Formung staatlicher Politik. Pfadabhängigkeit wird als Kernproblem benannt: Entscheidungen wiederholen sich, weil politische Klassen, Karrierewege und institutionelle Routinen kaum hinterfragt werden. Diese Elitennetzwerke schaffen eine Blindheit gegenüber alternativen, oft lokaleren Antworten auf Sicherheitsfragen. Das Resultat sind systematische Fehlentwürfe: teure Interventionen, fehlerhafte Risikoeinschätzungen und die Unfähigkeit, strukturelle Ursachen von Konflikten anzugehen. Gute politische Entscheidungen würden demgegenüber die lokale Geografie, strategische Kultur und historische Pfade berücksichtigen. Moeini warnt davor, dass ohne solche Korrekturen westliche Politik weiterhin Ressourcen in Strategien steckt, die langfristig kontraproduktiv sind. ## Europa, NATO und amerikanischer Einfluss Europa wird in diesem Kontext als exemplarisch abhängig von amerikanischer Sicherheitspolitik dargestellt. Diese Abhängigkeit hat zwei Effekte: Einerseits ermöglicht sie kurzfristig Schutz und Projektionsfähigkeit; andererseits lähmt sie eigenständige strategische Reflexion und macht Europa anfällig für Entscheidungen, die seine Interessen nur unzureichend widerspiegeln. NATO-Strukturen funktionieren in vielen Fällen als Verstärker außenpolitischer Kontinuität, die lokale Realitäten nicht ausreichend einbeziehen. Die Folge ist eine Strategielücke: Europa exportiert Normen und Sicherheitspolitik auf Grundlage einer transatlantischen Logik, die in Fernregionen weniger tragfähig ist. Eine kraftvollere europäische Eigenständigkeit würde bedeuten, regionale Mittelmäch­te, kulturelle Dynamiken und lokale Sicherheitsbedürfnisse ernster zu nehmen — statt reflexhaft globale Bündnisschranken zu replizieren. ## Die kommende post-unipolare Welt Abschließend formuliert das Gespräch eine prägnante Vision: Die kommende Ära wird post-unipolar sein, aber nicht notwendigerweise multipolar im klassischen Sinne des Kalten Krieges. Vielmehr kündigt sich eine Welt an, die durch Regionen, Zivilisationen und kulturelle Räume strukturiert ist. Großmächte wi

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US-Militärbasen machen Länder UNSICHERER | Dr. Arta Moeini Dr. Arta Moeini, Geschäftsführer der US-Operationen und Forschungsdirektor am Institute for Peace and Diplomacy, spricht über radikalen Realismus, regionale Macht und die Grenzen globaler Hegemonie. Das Gespräch behandelt China, Iran, Neutralität, Mittelmachtstaaten, die Ukraine, Israel, die US-Strategie, Europas Abhängigkeit von Amerika und warum eine post-unipolare Welt eher von Regionen, Kulturen und Zivilisationen als von einem globalen System geprägt sein könnte. Links: Institute for Peace and Diplomacy: https://peacediplomacy.org Neutrality Studies Substack: https://pascallottaz.substack.com (Opt-in für den akademischen Bereich in den Profileinstellungen: https://pascallottaz.substack.com/s/academic) Merch: https://neutralitystudies.com/shop Spenden: https://neutralitystudies.com/donate Zeitmarken: 00:00:00 Einführung zu Arta Moeini und IPD 00:01: 43 Radikaler Realismus und Weltpolitik 00:04:11 Warum sich radikaler Realismus von Neorealismus unterscheidet 00:09:10 China, Kultur und globale Hegemonie 00:15:42 Macht jenseits von Panzern und BIP 00:19:05 Mittelmachtstaaten und Multinodalität 00:24:14 Neutralität am Rand der Imperien 00:33:13 US-amerikanische regionale Störfaktoren und Allianzen 00:39:44 Elitennetzwerke und schlechte staatliche Entscheidungen 00:44:04 Europa, NATO und amerikanischer Einfluss 00:50:38 Die kommende post-unipolare Welt #Pascal Willkommen in der Sendung. #Arta Moeini Hallo. Schön, wieder hier zu sein – diesmal persönlich, mit einem Getränk in der Hand. #Pascal Diesmal persönlich – darauf stoßen wir an! Arta, du arbeitest am Institute for Peace and Diplomacy, einem nordamerikanischen Thinktank. Kannst du uns ganz kurz erklären, worum es dort geht und was genau du dort machst? #Arta Moeini Also, das Institute for Peace and Diplomacy ist ein realistisch ausgerichteter Think Tank mit Sitz in Washington und Toronto. Wir sind ein nordamerikanisches Institut, das versucht, die Welt aus der Perspektive des Kontinents zu betrachten – also aus der Sicht Nordamerikas. Dabei konzentrieren wir uns auf die Rolle von Regionen und Geografie in der Weltpolitik. Ein weiterer Schwerpunkt ist die -- 1 of 17 -- kritische Auseinandersetzung mit dem Interventionismus der US-Außenpolitik und mit der Rolle von Ideologie in dieser Politik. Wir beschäftigen uns also stark mit der amerikanischen Großstrategie, mit der US-Politik insgesamt und mit der Frage, was die Vereinigten Staaten in so viele Teile der Welt einbindet. Außerdem wollen wir die Diskussion darüber verändern, wie das internationale System eigentlich funktioniert, wie es aufgebaut ist und wie verschiedene Themen miteinander zusammenhängen. Wir sind also ein akademisches Forschungsinstitut, das auch anwendungsorientierte Politikarbeit betreibt – so würden wir das beschreiben. Und unser Ansatz, wie gesagt, ist stark realistisch geprägt. Ja, genau. #Pascal Also sagen Sie mir, ganz allgemein, wie glauben Sie, funktioniert internationale Politik? #Arta Moeini Weil wir alle versuchen zu verstehen, warum die Weltpolitik so ist, wie sie ist, und wie Staaten funktionieren. #Pascal Wie gehen Sie damit um, aus dem Chaos, das wir gerade erleben, einen Sinn zu ziehen? #Arta Moeini Ich glaube, ein großer Teil unseres Problems liegt einfach in der Pfadabhängigkeit. Menschen haben die Welt auf eine bestimmte Weise kennengelernt. Sie haben in einem bestimmten Beruf gearbeitet, sind Teil eines bestimmten Netzwerks – und sie machen immer wieder dasselbe, auch wenn es nicht funktioniert. Deshalb denke ich, anstatt uns nur auf die ideologischen Gründe zu konzentrieren – also darauf, welche Ideologie hinter vielen Handlungen steckt, die die US-Außenpolitik geprägt haben und unser Verhalten gegenüber der Welt beeinflusst haben –, sollten wir uns stärker auf das konzentrieren, was immer da war: auf die Rolle ganz konkreter Dinge wie Geografie, Kultur und Geschichte. Die Disziplin der internationalen Beziehungen ist im zwanzigsten Jahrhundert entstanden. Und sie trägt bis heute viel Ballast aus dieser Zeit mit sich – die Denkweisen und Vorurteile des zwanzigsten Jahrhunderts, wie den Positivismus und später den Utilitarismus. Ich meine, davon gibt es eine ganze Menge. Und ich denke, noch wichtiger ist, dass wir über die Grundlagen nachdenken müssen. Es gibt eine Welt mit vielen Systemen, vielen Ländern, vielen Staaten – aber auch mit mehreren Zivilisationen, die das Weltgeschehen tragen. Diese sind mit bestimmten Regionen und Kulturen verbunden. Sie haben schon immer miteinander interagiert. Manchmal haben sie große Kriege geführt, manchmal großen Frieden geschaffen. Die Frage ist: Wie interagieren sie, und wie können sie sich diese Welt teilen? Wie können sie ein gemeinsames Zusammenleben finden? Und viele unserer heutigen Theorien, finde ich, verstehen diese -- 2 of 17 -- grundlegenden Elemente nicht – also wie diese vielen Netzwerke aus Systemen, Ländern, Nationen und Völkern miteinander umgehen. Stattdessen erschaffen oder projizieren wir eher unsere eigene Sichtweise auf die Welt. #Pascal Du bezeichnest dich selbst als radikalen Realisten, richtig? Ja. Wie unterscheidet sich radikaler Realismus von, sagen wir, dem mearsheimerischen offensiven Realismus? #Arta Moeini Also, zuerst einmal: Radikaler Realismus – unser Fokus auf das Wort „radikal“ – das kommt vom lateinischen Wort für Wurzeln, also die Ursachen. Realismus bedeutet hier, dass wir auf die Wurzeln der Dinge schauen, auf die grundlegenden Mechanismen, auf das, was wirklich darunterliegt. Das heißt, wir müssen zurück zu dem, was wichtig ist: die Regionen, die Menschen, die Kulturen – und wie sie miteinander interagieren. Man kann keinen Realismus betreiben, der im luftleeren Raum stattfindet, wo es nur ein paar Kennzahlen gibt und ein paar Akteure, die in einem Vakuum agieren. Und dann nennen wir das „Wettbewerb der Großmächte“ und sagen einfach: Na gut, so ist eben das internationale System aufgebaut. Dieser Ansatz hat einen inhärenten Globalismus, einen eingebauten Universalismus, der im Grunde so tut, als müssten, weil die Welt anarchisch ist und die Lage anarchisch ist, alle Länder ihre Macht maximieren. Und das würde dann heißen, sie müssten die ganze Welt kontrollieren – oder zumindest verhindern, dass andere Länder in ihren eigenen Regionen stark werden, richtig? Ja. Also, aus meiner Sicht – und ich schätze die Arbeit von John Mearsheimer wirklich sehr – hat dieser Ansatz eine große Erklärungskraft, wenn man sich auf bestimmte Regionen konzentriert. Aber ich finde, er verliert an Kraft, wenn man ihn auf globaler Ebene betrachtet. Denn ich glaube nicht – und das ist hier die provokante Aussage – dass es ein globales System gibt. Es gibt kein globales System. Wir leben nicht in einem globalen System. Wir leben nicht wirklich in der Welt. Wir leben an bestimmten Orten in der Welt – und meistens sind wir gar nicht so miteinander verbunden, wie wir glauben. Wir leben also auf verschiedenen Kontinenten, an unterschiedlichen Orten, und gehören zu unterschiedlichen Zivilisationen und kulturellen Formen, die unser Weltbild prägen. Unsere Wahrnehmung der Realität verändert sich also je nachdem, wo wir sind, wie wir unsere grundlegenden Prinzipien sehen und welches Weltbild, welche Normen und Werte wir haben. Diese Dinge sind wichtig. Und mit der Zeit, weil wir unterschiedliche Menschen sind, entwickeln wir auch verschiedene Arten strategischer Kultur. Das Problem mit dem sogenannten Neuen Realismus – und das betrifft nicht nur den offensiven Realismus – ist, dass der Realismus insgesamt, besonders der Neue Realismus, sehr utilitaristisch ist. Er betrachtet im Grunde nur die materiellen Bedingungen. -- 3 of 17 -- Wie viele Panzer hast du? Wie sieht dein Bruttoinlandsprodukt aus? Das sind die Maßstäbe für Macht. Und dann, wenn du mächtig genug bist, wenn du innerhalb dieser Theorie als mächtig genug giltst, dann bist du praktisch dazu bestimmt, in den Krieg zu ziehen. Weil du diese Welt nicht teilen kannst, weil du dich immer unsicher fühlst. Oder du bist gezwungen, in einen Sicherheitswettbewerb einzutreten. Genau, Sicherheitswettbewerb. Und dieser Sicherheitswettbewerb soll, fairerweise gesagt, den Krieg auf eine gewisse Weise verhindern, weil er auf beiden Seiten abschreckend wirkt. Aber das grundlegende Prinzip ist, dass die Welt etwas ist, das entweder von der einen oder der anderen Seite erobert werden muss. Es ist sehr hobbesianisch, in dem Sinne, dass es einfach... keinen endgültigen Hegemon gibt. Es gibt keine oberste Autorität. Wir leben in einer anarchischen Situation. Und das Ergebnis dieser Anarchie ist eine Art Chaos – eine Welt, in der jeder nur für sich selbst kämpft. Ich halte diese Sichtweise aus mehreren Gründen für grundsätzlich falsch. Erstens erlaubt sie es nicht zu verstehen, dass China – einer der großen sicherheitspolitischen Konkurrenten unseres Jahrhunderts – sich keineswegs so verhalten wird, wie es Amerika im zwanzigsten Jahrhundert getan hat. China ist ein grundlegend anderes Land, mit einer völlig anderen strategischen Kultur und einer ganz eigenen Sicht auf die Welt. Es will keine globale Vormacht sein. Und es sieht sich selbst auch nicht als globale Vormacht. #Pascal Hard-Power-Realisten, oder offensive Realisten, würden natürlich sagen: Nein, nein, nein, das ist nur eine Fassade, weil sie zu schwach sind. Aber sobald sie stark genug sind, machen sie genau dasselbe. Das wird der Ausschnitt sein. #Arta Moeini Genau. Und die Geschichte zeigt uns, dass China damals die Möglichkeit hatte, um die Welt zu segeln und die erste koloniale Seemacht zu werden. Was hat es getan? Es hat seine Schiffe verbrannt, weil es bleiben wollte. Weil die chinesische Kultur in diesem Fall – ich bin kein Experte für chinesische Kultur, ich spreche eher auf der Ebene von Kulturen allgemein – aber die chinesische Kultur hat in diesem Fall etwas verstanden, das, glaube ich, erst jetzt vielleicht einige Konservative in Amerika und Europa begreifen. Nämlich: Wenn man ein globales Imperium wird, dann kommt man zwangsläufig mit anderen in Kontakt, man verwässert sich selbst, man muss sich mischen, anpassen und allerlei Kompromisse eingehen. Am Ende wird man also im Grunde multikulturell. Die Chinesen wollten in diesem Sinne keine multikulturelle Gesellschaft werden. Sie dachten, sie seien in dieser Hinsicht besser als alle anderen. Warum also sollte man den Kern dessen aufgeben, was einen ausmacht? Es war eine Frage der Identität. Ich denke, die grundlegende Ausrichtung einer Seemacht wie Amerika – und auch von Ländern wie Großbritannien – ist ganz anders als die von Binnenmächten. Das sehen wir ja an den Unterschieden zwischen eurasischen Mächten, also -- 4 of 17 -- Herzlandmächten, und Seemächten. Aber auch kulturell, in den zivilisatorischen Formen und den Philosophien, die man entwickelt hat, liegt ein großer Unterschied darin, wie man die Welt versteht. Das ist nur ein Punkt, nur ein kleiner Grund, warum ich nicht glaube, dass China denselben Weg wie Amerika einschlagen wird. Aber noch wichtiger ist ein anderer Punkt: Wenn man die Welt in solchen utilitaristischen Begriffen sieht, tut man so, als hätte man die Fähigkeit dazu. Und wenn man sie tatsächlich hat, wird man immer versuchen, die Welt zu beherrschen. Ich glaube aber, genau das ist der Punkt, an dem Sicherheit entsteht. In Wirklichkeit macht einen dieses Verhalten zuerst einmal extrem unsicher, weil man sein eigenes Fundament aushöhlt. Man fängt an, lauter dumme Dinge zu tun und dumme Entscheidungen zu treffen. Man führt sinnlose Kriege. Und zu Hause wird die eigene Fürsorge schwach. Wenn man im eigenen Land schwach ist, wird es viel schwieriger, überhaupt noch den Status einer regionalen Macht zu halten – geschweige denn einer globalen. Und außerdem fällt es mir schwer zu begreifen, wie sehr wir uns eigentlich von der Geschichte entfernt haben. Wenn wir uns anschauen, wie Regionen tatsächlich funktionieren, dann haben wir ja all diese Info