Nel Bonilla entwickelt den Rahmen des „Bunkerstaats“, um eine qualitative Transformation westlicher Staaten zu beschreiben: vom Wohlfahrtsstaat hin zu securitarisierten, militarisierten Knotenpunkten, die auf permanente hybride Kriegsführung ausgerichtet sind. Sie argumentiert, dass NATO 3.0 diesen Wandel institutionell verfestigt, indem es die militärische Integration in Europa vertieft, die zivile Securitisierung normalisiert (einschließlich Nachrichtendienste, Medienkontrollen und priorisierter Fürsorge für Militärangehörige) und nationale Industrien in einen transatlantischen Verteidigungsproduktionskomplex verwandelt, der technologisch und strategisch von den Vereinigten Staaten geführt wird. Bonilla verortet die Entwicklung der NATO in drei Phasen – die Ausrichtung im Kalten Krieg, die Außeneinsätze nach dem Kalten Krieg und die heutige multipolare Wende – und betrachtet die NATO als einen Knoten innerhalb eines breiteren US‑hegemonialen Projekts, nicht als dessen alleinigen Treiber. Der Gipfel in Ankara exemplifiziert diese Tendenzen durch Maßnahmen, die die politische Aufsicht über operative Entscheidungen verringern, integrierte Logistik und Stationierungsstrukturen ausbau
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## Einführung und der Bunker-Staat
Die westlichen Gesellschaften erleben einen tiefgreifenden, oft unterschätzten Umbau: Aus dem Sozialstaat, der öffentliche Güter und ein soziales Sicherheitsnetz bereitstellt, formt sich zunehmend ein Staat, dessen Hauptlogik auf Sicherheit und Kriegsbereitschaft beruht. Nel Bonilla bezeichnet dieses neue Modell als „Bunker-Staat“ — eine analytische Linse, die erklärt, warum Politik, Infrastruktur und Ökonomie verstärkt auf die Anforderungen hybrider und permanenter Kriegsführung ausgerichtet werden. Nicht nur Militär und Geheimdienste werden umgebaut; der Staat reinterpretiert den Bürger, nicht mehr primär als Träger von Rechten, sondern als Objekt und Ressource der Sicherheitspolitik. Diese Verschiebung wirkt still und routiniert, nicht als dramatische Revolution, sondern als sukzessive Normalisierung eines Kriegsmodus in Friedenszeiten.
## NATO 1.0, 2.0 und 3.0
Die Entwicklung der NATO lässt sich als eine Serie von funktionalen Wandlungen lesen: NATO 1.0 war das Bündnis des Kalten Krieges, geschaffen, um Europa in den US-Einfluss zu integrieren und eine strategische Front gegen die Sowjetunion zu bilden. Schon früh war darin die Idee einer Arbeitsteilung angelegt: Die USA als Träger strategischer, hochentwickelter Waffentechnologien, Europa als Anbieter konventioneller Truppen und industrieller Kapazität. NATO 2.0 erweiterte diese Rolle in die „Out-of-Area“-Einsätze: Interventionen jenseits des klassischen Verteidigungsraums, bei denen europäische Staaten zunehmend aktiv wurden. Heute steht NATO 3.0: ein Bündnis, das sich offen auf ein multipolares System vorbereitet, die materielle und personelle Last der Konkurrenz mit Russland und China stärker an europäische Staaten delegiert und gleichzeitig die gesellschaftliche Basis auf Kriegsfähigkeit trimmt. Bonilla hebt hervor, dass diese Entwicklung kein plötzlicher Entschluss ist, sondern das Ergebnis langjähriger Denkfiguren, die bereits in frühen Dokumenten der Allianz angelegt waren.
## Stille gesellschaftliche Transformation in Europa
Die Umformung hin zum Bunker-Staat vollzieht sich oft leise und technokratisch. Bonilla nennt Beispiele, die kaum Aufmerksamkeit erhielten: US-Offiziere in Führungsrollen innerhalb europäischer Stäbe, sukzessive Integration militärischer Planungsprozesse in nationale Strukturen, oder die gezielte Modernisierung von Infrastruktur unter dem Gesichtspunkt ihrer Kriegstauglichkeit. Diese Maßnahmen wirken nicht als spektakuläre Ereignisse, sondern als technische Anpassungen — genau deshalb sind sie so wirkmächtig. Gesellschaften werden reorganisiert, ohne große öffentliche Debatten: Bildungsinhalte, Krisenmanagement, zivile Logistikketten und industrielle Förderung landen zunehmend in einem Sicherheitsdiskurs. Der Bürger wird dadurch häufig unbewusst in eine Funktion der Verteidigungsorgane eingebunden — als potenzieller Rekrut, als Arbeitskraft in sicherheitsrelevanten Industrien, als Ziel von Informations- und kognitiven Operationen. Die Folge ist eine langsame Umformung des Gesellschaftsvertrags.
## Der Ankara-Gipfel und die Waffenproduktion
Spätestens Gipfel wie das Treffen in Ankara machen sichtbar, wie NATO-Politik industrielle und finanzielle Weichen stellt. Bonilla interpretiert die Diskussionen um Verteidigungsproduktion und Lieferketten als bewusste Umverlagerung: Europa soll nicht nur liefern, sondern seine Industrie in eine dauerhafte Kriegswirtschaft integrieren. Rüstungskapazitäten werden expandiert, technologische Kooperationen vertieft und nationale Industriepolitiken auf eine systemische Kriegsbereitschaft ausgerichtet. Dieses Programm schließt die Forderung nach höheren Verteidigungsausgaben ein und prägt Subventionen, Forschungspolitik und staatliche Aufträge. Die Relevanz solcher Entscheidungen ist größer als nur ökonomisch: Sie verändern Arbeitsmärkte, Forschungsprioritäten und die politische Ökonomie ganzer Regionen. Die Erwartung, dass Industrie und Gesellschaft „liefern“ müssen, schafft dauerhafte Pfade, die sich später schwer rückgängig machen lassen.
## Kriegsbereitschaft und Stellvertreterkrieg
Eine zentrale Dynamik, die Bonilla und die Gesprächspartnerin herausarbeiten, ist die Strategie der indirekten Konfrontation: Die USA und ihre Verbündeten nutzen Europa als Knotenpunkt für Stellvertreterkriege, Druck und hybride Maßnahmen gegenüber Rivalen. Die Ukrainepolitik ist exemplarisch: Die Integration der Ukraine in westliche Logistikketten, Finanzströme und militärische Hilfe zeigt, wie Konflikte geführt werden, ohne direkte US-Truppen zu entsenden. Dieser Modus bietet Vorteile — politische Entlastung, geringeres direktes Risiko — und bindet zugleich europäische Staaten immer enger an amerikanische Sicherheitsinteressen. Die ständige Bereitschaft, Material und Personal zu mobilisieren, eine erhöhte Produktion an Waffen und die Normalisierung von militärischer Präsenz auf dem Boden schaffen einen dauerhaften Zustand der Kriegsökonomie. Bonilla warnt: Je länger und intensiver Stellvertreterkonflikte geführt werden, desto stärker verinnerlichen Gesellschaften diese Logik und desto schwieriger wird eine Rückkehr zu friedensorientierten Prioritäten.
## Das Endziel: ein „globaler Westen“
Die Transformation ist nicht allein regional begrenzt; sie zielt auf die Schaffung eines kohärenten „globalen Westens“. Dieses Projekt verlangt, so die Analyse, nicht nur militärische Koordination, sondern auch ökonomische, technologische und ideologische Konvergenz. Staaten und Regionen sollen als Knotenpunkte in einem breiten sicherheitspolitischen Netzwerk fungieren — ein konzeptueller Raum, der Hemisphären und Indopazifik verbindet, um strategische Konkurrenz mit China und Russland zu managen. Bonilla betont, dass dies kein monolithischer Plan ist, sondern ein adaptives Set von Mechanismen: militärische Bündnisse, Handels- und Technologie-Partnerschaften, Industriepolitik und Propagandastrategien wirken zusammen. Die Idee des „globalen Westens“ trägt normative Ziele wie die Sicherung bestimmter globaler Ordnungen, doch ihre Umsetzung erzeugt Spannungen sowohl intern — innerhalb von Gesellschaften, die unterschiedliche Prägungen haben — als auch extern, durch Konfrontation mit Staaten, die ein alternatives Entwicklungsmodell verfolgen.
## Der Bunker-Staat und der Gesellschaftsvertrag
Der Kern der Diagnose von Bonilla ist normativ-politisch: Wenn Bürgerinnen und Bürger primär als Sicherheitsobjekte verstanden werden, verändert sich der Gesellschaftsvertrag. Rechte, die bislang als Grundlage des Staatswesens galten, stehen unter Druck, wenn Prioritäten militärischer Mobilisierung und Versicherheitlichung dominieren. Statt Sozialpolitik zur Förderung von Wohlfahrt und Teilhabe rücken Maßnahmen zur Erhöhung der Resilienz, Mobilisierbarkeit und Kontrolle in den Vordergrund. Das hat Konsequenzen für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und soziale Integration: Militärlogiken produzieren Hierarchien, Geheimhaltungsanforderungen und eine Kultur der Ausnahme, die pluralistische Debatten ersticken können. Bonilla weist darauf hin, dass dieser Wandel nicht unvermeidlich ist; er ist politisch kontingent und hängt von Machtkonstellationen und Mobilisierungsfähigkeit gesellschaftlicher Kräfte ab.
## Friedensbewegungen und Alternativen
Wenn die aktuelle Tendenz des Bunker-Staats und der NATO 3.0 eine bewusste, aber oft leise Umkehrung früherer sozialer Prioritäten darstellt, dann liegt die Antwort nicht nur in technokratischer Kritik, sondern in politischem Organisieren. Bonilla diskutiert Wege, wie Friedens-, Arbeits- und Neutralitätsbewegungen diesem Wandel entgegentreten können. Zentrale Strategien sind das Aufzeigen alternativer Investitionspfade (etwa starke öffentliche Ausgaben für Gesundheit, Bildung und klimafreundliche Infrastruktur statt Rüstungsproduktion), die Wiederbelebung breiter Bündnisse zwischen Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und pazifistischen Gruppen, sowie die Forderung nach Transparenz und demokratischer Kon
Transcript
NATOs Pläne für totale globale Dominanz &
der Bunker-Staat | Nel Bonilla
Befindet sich der kollektive Westen aufgrund seines Mangels an langfristigem Denken im Chaos?
Oder ist alles nur eine Farce und die Drahtzieher sind einfach wirklich gut darin, zu verbergen, was
tatsächlich vor sich geht? Nun, uns könnte eine noch holprigere Fahrt bevorstehen, als wir dachten,
nicht weil die westliche Führung brillant ist (sie sind größtenteils Idioten), sondern weil die zugrunde
liegende soziologische Struktur nicht so kurzsichtig ist, wie man annehmen könnte. Nel Bonilla,
Autorin von Worldlines, erläutert ihr Konzept des „Bunker-Staates“ und warum sie NATO 3.0 als
einen Wandel hin zu einer tieferen militärischen Integration betrachtet. Sie und Pascal Lottaz
diskutieren die Entwicklung der NATO, Europas Verteidigungsindustrie, Stellvertreterkriege,
Wehrpflicht, öffentliche Ausgaben, den „globalen Westen“ und Wege, wie Friedens-, Arbeits- und
Neutralitätsbewegungen diesem Wandel widerstehen könnten. Nels Artikel: https://worldlinesletter.
substack.com/p/nato-30-the-transatlantic-cage-and Weitere Links: Worldlines – Die Fäden, die die
Geopolitik verbinden: https://worldlinesletter.substack.com Nel Bonilla bei NachDenkSeiten:
https://www.nachdenkseiten.de/?gastautor=nel-bonilla Neutrality Studies Substack:
https://pascallottaz.substack.com Merch: https://neutralitystudies.com/shop Spende:
https://neutralitystudies.com/donate Zeitstempel: 00:00 Einführung und der Bunker-Staat 04:57
NATO 1.0, 2.0 und 3.0 15:54 Ist die NATO ein Knotenpunkt oder eine treibende Kraft? 18:12 Stille
gesellschaftliche Transformation in Europa 31:54 Der Ankara-Gipfel und die Waffenproduktion 43:42
Kriegsbereitschaft und Stellvertreterkrieg 50:14 Das Endziel: ein „globaler Westen“ 53:48 Der Bunker-
Staat und der Gesellschaftsvertrag 56:37 Friedensbewegungen und Alternativen
#Pascal
Willkommen zurück, alle zusammen, bei Neutrality Studies. Heute gibt es ein Update von Nell
Bonilla, der Autorin des großartigen Substack-Blogs Worldliness. Sie hat gerade eine weitere, wirklich
großartige Analyse geschrieben. Nell gehört zu den brillanten Köpfen, die immer sehr lange Texte
veröffentlichen und darin tatsächlich sehr viel über internationale Beziehungen erklären. Dieser Text
trägt den Titel: „NATO drei Punkt null: Der transatlantische Käfig und der Aufstieg des Bunkerstaats.
“ Nell, willkommen zurück.
#Nel Bonilla
Nun, vielen Dank, dass ich wieder hier sein darf. Danke.
#Pascal
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Als wir zuletzt gesprochen haben, haben wir bereits über Ihr Konzept des Bunkerstaats gesprochen.
Aber zur ganz kurzen Wiederholung: Können Sie uns vielleicht sagen, was das ist und wie Sie es
dann mit dem verbinden, was Sie NATO drei Punkt null nennen?
#Nel Bonilla
Ja, ja, natürlich. Der Bunkerstaat ist also ein Konzept, das ich gerade entwickle. Im Kern geht es
darum, dass der moderne Staat, oder der Staat, wie wir ihn kennen, derzeit einen qualitativen
Wandel durchläuft. Das betrifft besonders die Länder der, sagen wir, von den USA geführten
hegemonialen Ordnung, oder wie man es auch nennen will. Die qualitativen Verschiebungen, die wir
dort beobachten können, zeigen sich zum Beispiel darin, dass der Staat als Anbieter öffentlicher
Güter und die staatliche Planung, die normalerweise darauf ausgerichtet ist, Wohlstand, ein gutes
Leben und Ähnliches zu fördern, sich hin zu Versicherheitlichung und Militarisierung wandeln. Und
darüber hinaus, oder vielleicht sogar gerade deshalb, ist der Bürger, die inländische Bevölkerung,
nicht mehr ein Bürger, nicht mehr ein Subjekt von Rechten, sondern wird zu einem Sicherheitsobjekt.
Und alles an ihnen wird, genau wie jeder Teil der Gesellschaft und das Land selbst, nun zu einem
Sicherheitsobjekt. Es wird versicherheitlicht, militarisiert, für die Zwecke von Krieg, Kriegsführung
oder Kriegsvorbereitungen, für hybride und permanente Kriegsführung. Ein weiterer Punkt des
Konzepts des Bunkerstaats ist: Auch jedes Land und sogar jede Region ist nicht mehr einfach nur ein
souveränes, autonomes Land. Es wird zu einer Art Knotenpunkt. Und der Zweck dieses Netzwerks ist
dann diese hybride Kriegsführung. Und gegen wen? Nun, da diese Transformation von den
herrschenden Schichten der USA und des transatlantischen Raums, von unseren Eliten, ausgeht,
richtet sie sich im Wesentlichen gegen deren sogenannte Konkurrenten oder Rivalen. Konkret gegen
China und Russland, in gewissem Maße auch gegen Iran und natürlich gegen jede Nation, die mit
ihnen verbündet ist, etwa innerhalb der BRICS und so weiter.
Das ist also im Grunde der Bunker-Staat. Und wie hängt das mit dem Wandel hin zu NATO drei
Punkt null zusammen, den wir jetzt beim NATO-Gipfel in Ankara gesehen haben? Nun, NATO drei
Punkt null institutionalisiert und setzt im Grunde diese verschiedenen Veränderungen durch, über die
ich gesprochen habe: die Militarisierung, sogar der Bevölkerung selbst. Es geht sogar darum, diesen
Gesellschaftsvertrag nicht mehr als Frage der Rechte der Bürger zu sehen, sondern danach zu
fragen: Okay, was können die Bürger für die Vorbereitung auf einen Krieg tun? All das ist Teil dieses
Wandels hin zu NATO drei Punkt null.
#Pascal
Fragen Sie nicht, was die NATO für Sie tun kann. Fragen Sie, was Sie für die NATO tun können. Und
ich habe mit anderen Forschern gesprochen. Einer von ihnen ist Jonas Tögel, ein deutscher
Forscher. Er befasst sich intensiv mit den Papieren, die die NATO über kognitive Kriegsführung
veröffentlicht. Darin sagt die NATO ausdrücklich: „Sehen Sie, wir müssen unsere eigene Bevölkerung
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ins Visier nehmen, richtig? Wir müssen sicherstellen – ich meine, die Gehirne unserer Leute sind das
Schlachtfeld, und wir müssen auf diesem Schlachtfeld kämpfen.“ Und diese Art der Vorstellung
davon, was der Bürger ist und wie der Bürger in die gesamte Verteidigung integriert werden muss –
ich meine, es ist eine Offensive, es ist eine Kriegsstruktur. Verteidigung ist dieses Ding, dieser
schöne, behagliche Begriff für Krieg, Offensive, Tod und Zerstörung. Aber wie würden Sie dann
sagen, hat sich die NATO entwickelt? Also NATO eins Punkt null: von neunundvierzig bis im Grunde
neunundachtzig oder einundneunzig, also die NATO des Kalten Krieges. Dann die neu erfundene
NATO des unipolaren Moments. Und jetzt die NATO des multipolaren Moments. Können Sie ein
wenig über diesen Wandel sprechen?
#Nel Bonilla
Ja, natürlich. Dieser Wandel ist sehr interessant, weil er langsam verläuft. Und es ist ein Wandel, der
fast von Anfang an eine bestimmte Richtung hatte. NATO 3.0 ist nun, zumindest vorerst, sein
ehrlichster Ausdruck. NATO 1.0, nennen wir es die NATO des Kalten Krieges, entstand nach dem
Zweiten Weltkrieg. Es ging dabei vor allem darum, die europäischen Eliten oder herrschenden
Schichten, die politischen Eliten und die militärischen Eliten, auf die USA auszurichten. Sie sollten in
den Einflussbereich der USA eingebunden werden, sozusagen in ihre Einflusssphäre. Zum Teil ging
es auch darum, jede Art von Unterdrückung zu verhindern oder jeden Versuch, mit der Sowjetunion
oder mit einem ihr nahestehenden Staat zusammenzuarbeiten, zu blockieren. Und, könnte man
sagen, auch darum, sozialistische Ideen zu befrieden, die damals in verschiedenen europäischen
Ländern ebenfalls populär waren. All das war, würde ich sagen, eines der Kernziele der NATO im
Kalten Krieg.
Aber selbst damals, ich meine, das ist etwas, was ich nicht wusste. Aber als ich recherchiert habe,
habe ich es gesehen. Schon damals gab es diese Idee, nun ja, einer Arbeitsteilung zwischen den
USA und Europa. Ich habe ein Memorandum aus dem Jahr neunzehnhundertneunundfünfzig
gefunden, und ich spreche in diesem Essay darüber. Darin geht es um die Verlagerung von Lasten.
Es stammt vom stellvertretenden Verteidigungsminister und besagt im Grunde, ich zitiere, laut
Verteidigungsminister Wilson, dass die USA ihre militärischen Hilfsanstrengungen auf fortschrittliche
Waffen konzentrieren würden. Die Europäer sollten dafür zunehmend oder vollständig die
Verantwortung für die laufende Aufrechterhaltung ihrer eigenen Streitkräfte und für ihren Bedarf an
konventionellem Material übernehmen. Mit anderen Worten: Die USA konzentrierten sich auf
fortschrittliche Waffen, darunter zum Beispiel Atomwaffen.
Das ist gewissermaßen die sogenannte strategische Ebene, die Ebene strategischer Waffen und so
weiter. Europa hingegen müsste sich darauf konzentrieren, die wirtschaftliche Last zu tragen: indem
es konventionelle Truppen stellt, gemeinsame Projekte mit den USA verfolgt und konkret deren
Waffen und bei deren Industrie einkauft. Nun, laut diesem Dokument war das zumindest seit 1959
die Idee. Ich denke, das lag teilweise daran, dass man damals dachte, oder zumindest die Ahnung
hatte: Mal sehen, wann Europa, nachdem es durch die Weltkriege verwüstet worden war, bereit ist,
vielleicht die Last des hegemonialen strategischen Projekts der USA mitzutragen. Wobei man sagen
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muss: Es gab natürlich verschiedene europäische politische und andere Eliten, die schon vorher in
diesem Projekt zusammenliefen, könnte man sagen. Das war also während des Kalten Krieges.
#Pascal
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unten. Wir sehen uns dort.
#Nel Bonilla
Und dann, während oder nach dem Kalten Krieg, und sogar schon etwas davor, ist es sehr
interessant. Natürlich geht es dabei um diese sogenannten Out-of-Area-Einsätze. Aber was ich dort
gefunden habe, zum Beispiel in einem Kommuniqué von neunzehnhundertachtzig: Der Kontext war
natürlich unter anderem die Iranische Revolution. Damals hatten die USA noch nicht das
erschlossene Flüssigerdgas und all das. Sie waren also wirklich, wirklich auf Öl, auf Erdöl
angewiesen. Und wegen der Iranischen Revolution und anderer Entwicklungen, ich glaube, sogar
wegen Russland, also der Sowjets in Afghanistan, bei solchen Vorgängen waren sie alarmiert und
mussten ihre Kräfte nach Westasien verlegen.
Nun, 1980 wurde dieses Kommuniqué verfasst. Darin hieß es im Grunde, dass alle Länder ihre
jährlichen Verteidigungsausgaben um drei Prozent erhöhen müssten. Das würde wesentlich dazu
beitragen, das Ungleichgewicht der Kräfte zu verringern. Und dieses Ungleichgewicht der Kräfte: Sie
hatten offenbar immer die Vorstellung im Kopf, andere Länder daran hindern zu müssen, zu einer
Alternative zu werden. Ja, zu einer Alternative zur unipolaren Ordnung. Das stammt also aus dem
Jahr 1980. Schon damals gab es diese Vorstellung: höhere Verteidigungsausgaben. Und dann, nach
dem Zusammenbruch der Sowjetunion, begann die NATO bekanntlich, verschiedene osteuropäische
Länder, die baltischen Staaten und so weiter aufzunehmen.
Dabei ging es, mit Blick auf diese Idee des Kräftegleichgewichts, auch darum, erneut zu verhindern,
dass Europa in irgendeiner Weise diplomatische oder industrielle Beziehungen zu den
postsowjetischen Staaten aufbaut und sie eher in seine Richtung lenkt statt in die Einflusssphäre der
USA. Und natürlich wollten sie das auch mit Russland nicht. Denn obwohl sie einräumten und
sagten: Okay, Russland ist jetzt geschwächt, es ist keine Bedrohung, könnte aber potenziell zu einer
Bedrohung werden. Strategen, das sicherheitspolitische Establishment der USA und so weiter
sprachen und schrieben bereits in den neunziger Jahren darüber.
Sie sagten so etwas wie: Nein, ich meine, im Moment ist es keine Bedrohung. Aber allein durch seine
schiere Größe wird es zu einer werden. Allein durch die Erinnerung daran, was es hat, auch wegen
der Industrialisierung der Sowjetunion und so weiter. Das war also die Idee der NATO nach dem
Kalten Krieg. Und wieder ging es darum zu sagen: Okay, Europa, ihr müsst zum Beispiel nach dem
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Kosovo-Krieg diese langfristigen Friedenssicherungsmissionen übernehmen. Und wir, a