Der 250-jährige Plan zur Zerstörung Russlands | Alexander Mercouris
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Alexander Mercouris vertritt die Auffassung, dass die heutige Russophobie ein politisch hergestelltes, langandauerndes Narrativ ist, das seinen Ursprung im späten 18. bis 19. Jahrhundert in Großbritannien und Frankreich hat und durch Literatur und Medien zu dauerhaften Stereotypen aufgeblasen wurde: Russland als rückständig, tyrannisch, hinterhältig, zugleich schwach und gefährlich aggressiv. Er argumentiert, westliche Eliten hätten diese Tropen aus geopolitischen Gründen – Rivalität und Eindämmung – aufrechterhalten, weshalb sie politisch und kulturell nie hinterfragt wurden und sich so innerhalb von Politik und Populärkultur selbst verstärkten. Mercouris verbindet dieses Muster mit Fehleinschätzungen russischer Handlungsmöglichkeiten (z. B. der Erwartung eines inneren Zusammenbruchs) und mit problematischen westlichen Reaktionen auf Reformer wie Gorbatschow, die Vorurteile bestätigten, statt gegenseitige Selbstreflexion anzustoßen. Er zeigt ferner, wie kulturelle Tropen nur dann das Archetypbild des „guten Russen“ produzieren, wenn ein Russe sein Land ablehnt, was diasporische Diskurse und inneren Dissens verkompliziert. Abschließend schlägt er vor, dass Reisen, kultureller Austa
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Die Debatte über Russland ist weniger ein neutrales Lagebild als ein historisch geformtes Narrativ, das seit Jahrhunderten Politik, Kultur und öffentliche Wahrnehmung prägt. In der vorliegenden Diskussion entfaltet sich die These, dass das westliche Bild Russlands nicht aus einer neutralen Beobachtung heraus entstanden ist, sondern politisch konstruiert und kulturell verankert wurde: Russland erscheint zugleich als bedrohlich und verächtlich — ein Paradoxon, das sich als nützliches Instrument geopolitischer Dominanz erweist. Wer dieses Paradoxon erkennt, kann die Mechanismen verstehen, mit denen Feindbilder stabilisiert, Konflikte gerechtfertigt und Alternativen zur Konfrontation unterdrückt werden.
## Politik hinter der Erzählung
Die historische Rückschau in der Diskussion legt nahe, dass Russophobie nicht primär ein spontaner kultureller Ausbruch war, sondern eine bewusst geformte politische Strategie. Ausgangspunkt ist das Ende des 18. und der Beginn des 19. Jahrhunderts: Mit dem Aufstieg Russlands zur zentralen Militärmacht Europas nach den Napoleonischen Kriegen entstand bei etablierten Mächten ein akutes Bedürfnis, dieses neue Gewicht zu delegitimieren. Medienkampagnen, literarische Produktionen und politische Rhetorik arbeiteten systematisch auf ein Bild hin, das Russland als gefährlichen, zugleich unmoralischen und rückständigen Gegner darstellte. Diese Konstruktion war kein harmloser Meinungsstreit, sondern Teil eines Machtdiskurses, der darauf abzielte, geopolitische Rivalität kulturell zu verankern.
Das Schlüsselmerkmal dieser Politik ist ihre Persistenz: Weil diese Erzählung den Interessen führender westlicher Mächte diente, wurde sie nie einer ernsthaften Selbstkritik unterzogen. Damit verwandelte sich ein politisches Instrument in kollektiven Glauben; Narrative, die zu Beginn offen strategisch genutzt wurden, verfestigten sich zu Selbstläufern in Medien, Bildung und Popkultur. Diese Persistenz erklärt, warum selbst empirische Widersprüche – die Fähigkeit Russlands, entgegen Vorhersagen zu bestehen, ist ein wiederkehrendes Beispiel – kaum Auswirkungen auf das Grundgerüst der Darstellung haben.
## Russland als schwach, aber gefährlich
Ein zentrales Paradox der westlichen Erzählung besteht darin, Russland zugleich als schwach und als existenziell bedrohlich zu schildern. Diese Dualität erfüllt eine doppelte Funktion: Sie rechtfertigt einerseits aggressive Gegenmaßnahmen (weil Russland „gefährlich“ sei) und verheißt andererseits deren Erfolg (weil Russland „im Grunde schwach“ sei). Historische Darstellungen wie die des 19. Jahrhunderts transportierten das Bild eines krisenhaften, innen zerrissenen Landes, das äußerlich mächtig erscheint, aber innerlich zerbrechlich sei. Dieses Narrativ reproduziert sich bis heute in Drohszenarien und in der Erwartung, dass Sanktionen, Isolation oder militärischer Druck ein Regime schnell zu Fall bringen müssten.
Die Folge ist eine Politik der dauerhaft begründeten Intervention: Wenn Russland als Kartenhaus verstanden wird, das man nur anpusten muss, um es zum Einsturz zu bringen, wird jede Möglichkeit externer Einmischung moralisch und strategisch legitimiert. Gleichzeitig erklärt dieses Denken die wiederkehrende Überraschung, wenn Russland widersteht: Nicht Realitäten werden überprüft, sondern das Narrativ bleibt bestehen, weil es politische Zwecke erfüllt. Der lange Atem dieser Erzählung macht sie immun gegen empirische Korrekturen — und verwandelt politische Fehleinschätzungen in institutionelles Denken.
## Russland, Kultur und der „gute Russe“
Das kulturelle Echo dieser politischen Narrative zeigt sich besonders klar in der Figur des „guten Russen“. In Literatur und Film wird ein Russe nur dann akzeptabel, wenn er sich vom Mutterland distanziert, wenn er gegen Russland arbeitet oder seine Loyalität infrage stellt. Diese moralische Bedingung spiegelte sich in Beispielen aus der populären Kultur: Der liebenswürdige, kritische Exilrusse avanciert zur idealen Identifikationsfigur, während der loyale, heimische Russe als implizit böse gilt. Eine solche Polarisierung erzeugt nicht nur Feindbilder, sie setzt auch Menschen mit russischer Identität unter Druck — Loyalität wird zur moralischen Falle.
Damit einher geht eine Abwertung kollektiver Handlungsmacht: Russland wird nicht als Gesellschaft mit eigenen politischen Dynamiken verstanden, sondern als Bühne für individuelle, oft entnationalisierte Helden. Diese Reduktion beschädigt die Möglichkeit, russische Politik als Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlung zu begreifen. Die Folge ist eine stereotype Rezeption, die Nuancen und Binnenpluralität ausblendet und politische Emanzipation russischer Gruppen unsichtbar macht.
## Gorbatschow, Reformen und westliche Voreingenommenheit
Die Wendejahre um Gorbatschow liefern ein Prüfstein für die westliche Interpretationsmaschine. Reformen, die aus inneren Dynamiken entstanden, wurden im Westen häufig als Folge westlichen Drucks oder als Vorboten des Scheiterns gedeutet. Die Diskussion zeigt, dass Gorbatschows Perestroika und Glasnost nicht als Ergebnis einer eigenständigen, oft widersprüchlichen russischen Modernisierungsdebatte gelesen wurden, sondern als Bestätigung der westlichen Erwartung eines baldigen Zerfalls. Das hat zwei Konsequenzen: Erstens bleibt die Komplexität des Transformationsprozesses unsichtbar; zweitens befördert diese verzerrte Lesart die Überzeugung, dass externe Einflüsse (Sanktionen, kultureller Druck, diplomatische Isolation) Reformen beschleunigen oder lenken könnten.
Die Missachtung innerer politischer Agency ist ein wiederkehrendes Muster. Reformen werden als instabile, fremdgesteuerte Experimente betrachtet statt als Ausdruck realer sozialer Interessen und Konflikte. Das führt zu politischen Strategien, die auf Destabilisierung setzen, anstatt Dialogräume zu eröffnen. Das Ergebnis: eine permanente Selbstbestätigung der eigenen Narrativlogik, die auf Weite nicht an Dialog, sondern an Hegemonie interessiert ist.
## NATO, Macht und warum Russland ausgeschlossen wurde
In der Debatte rückt die Rolle der NATO und die Frage nach geostrategischer Ausschließung deutlich in den Vordergrund. Die Erweiterung und Konsolidierung westlicher Sicherheitsarchitekturen kann als Fortsetzung der politischen Erzählung verstanden werden: Wer als systemischer Außenseiter markiert ist, dessen legitime Sicherheitsinteressen werden leichter delegitimiert. Dass Russland aus bestimmten Entscheidungszirkeln ausgeschlossen wurde, lässt sich nicht nur durch konkrete Machtinteressen erklären, sondern auch durch die kulturelle und politische Stereotypisierung, die Russland als unzivilisierten Störenfried konstruiert.
Diese Markierung hat praktische Folgen: Ausschluss erleichtert das Implementieren von Druckinstrumenten und reduziert die Bereitschaft zu Verhandlungen auf Augenhöhe. Dabei bleibt die Frage unbeantwortet, ob ein sicherheitspolitisches Gleichgewicht, das dauerhafte Ausschließung produziert, langfristig stabiler ist als ein inklusives System, das Interessen ausgleicht. Die vorgebrachte Analyse legt nahe, dass die anhaltende Praxis der Isolierung nicht nur geopolitische Spannungen verschärft, sondern auch die kulturelle Feindbildproduktion weiter nährt.
## Was Russland tun kann, um sich zu wehren
Die Diskussion endet nicht in defensiver Resignation, sondern skizziert Möglichkeiten russischer Agency. Schutz und Gegenstrategien reichen von diplomatischer Neuverhandlung bestehender Sicherheitsarchitekturen bis zu einer verstärkten kulturellen Selbstbehauptung. Praktisch bedeutet das: Russland muss sowohl seine außenpolitischen Positionen offen kommunizieren als auch durch kulturelle Initiativen und Reiseförderung die Möglichkeit schaffen, direkte Begegnungen und Deeskalation zu ermöglichen. Offene Debatten innerhalb Russlands über Reformen, nationale Identität und internationale Kooperationen sind ebenfalls ein Mittel, um die stereotype Zuschreibung „unterdrückten Volkes“ zu unterlaufen.
Gleichzeitig warn
Transcript
Der 250-jährige Plan zur Zerstörung
Russlands | Alexander Mercouris
Alexander Mercouris von The Duran spricht über Russophobie als eine lang andauernde politische
und kulturelle Geschichte. Mercouris erklärt, wie antirussische Bilder in Großbritannien und
Frankreich aufgebaut wurden, wie sich Angst und Hass miteinander vermischen und warum der
Westen weiterhin schwache und böse Stereotype über Russland wiederholt. Er spricht außerdem
über Gorbatschow, die NATO, russische Eigenverantwortung sowie darüber, wie Kultur, Reisen und
offene Debatten helfen könnten, diese falschen Vorstellungen zu überwinden. Links: The Duran:
https://www.youtube.com/@TheDuran Alexander Mercouris: https://www.youtube.com
/@AlexMercouris Alex Christoforou: https://www.youtube.com/@alexchristoforou Neutrality Studies
Substack: https://pascallottaz.substack.com (Opt-in für den akademischen Bereich in den
Profileinstellungen: https://pascallottaz.substack.com/s/academic) Merch: https://neutralitystudies.
com/shop Spenden: https://neutralitystudies.com/donate Zeitmarken: 00:00:00 Einführung und
Ursprünge der Russophobie 00:07:16 Politik hinter der Erzählung 00:13:50 Russland als schwach,
aber gefährlich 00:18:29 Russland, Kultur und der „gute Russe“ 00:24:59 Gorbatschow, Reformen
und westliche Voreingenommenheit 00:33:25 NATO, Macht und warum Russland ausgeschlossen
wurde 00:38:16 Was Russland tun kann, um sich zu wehren 00:45:37 Beispiele aus Film, Musik und
Kultur
#Pascal
Willkommen zurück bei Neutrality Studies, alle zusammen. Heute wieder live mit mir – dem einzig
wahren Alexander Mercouris. Alexander, herzlich willkommen.
#Alexander Mercouris
Ich freue mich sehr, heute hier zu sein und dich endlich richtig kennenzulernen, Pascal – ganz
persönlich, eins zu eins. Natürlich hatten wir schon unzählige Male Kontakt, aber das ist das erste
Mal, dass wir uns wirklich treffen. Und es war mir eine große Freude.
#Pascal
Ebenso habe ich unsere vielen Stunden, in denen wir über Weltpolitik gesprochen haben, wirklich
genossen. Und genau über Weltpolitik müssen wir jetzt sprechen. Wir hatten eine Konferenz über
Russophobie, und du hast dort ein großartiges Referat gehalten, in dem du dir das – nun ja –
literarische Erbe zur Russophobie angesehen hast. Kannst du uns die Kernaussage davon
zusammenfassen?
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#Alexander Mercouris
Also, meine Sicht auf die Russophobie ist, dass sie – wenn wir über den Westen sprechen – ein
relativ neues Phänomen ist. Sie beginnt gegen Ende des achtzehnten, Anfang des neunzehnten
Jahrhunderts. Richtig an Fahrt gewinnt sie nach dem Sturz Napoleons, an dem Russland eine
zentrale Rolle gespielt hat. Durch diese Kriege war Russland zur größten Militärmacht Europas
aufgestiegen. Und das, obwohl es erst seit kurzer Zeit Teil des europäischen Machtsystems war. Die
etablierten Mächte – vor allem Großbritannien und Frankreich, zunächst aber besonders Frankreich –
waren darüber äußerst beunruhigt. Und direkt nach den Napoleonischen Kriegen begann dann eine
anhaltende Medienkampagne.
In Großbritannien, als sich alles gegen Russland richtete, begannen die britischen Medien, über
Russland fast genauso zu sprechen, wie sie es heute tun – als ein militaristisches, aggressives
Imperium, und zugleich als ein eher rückständiges und autokratisches Reich. Dann übernimmt,
sozusagen, Frankreich den Staffelstab und bringt das Ganze in literarische Form. Ab den vierziger
Jahren des neunzehnten Jahrhunderts tauchen in der französischen Literatur immer mehr
Darstellungen über Russland auf, die diese Russophobie, wenn man so will, verdichten, die man
schon in den britischen Medien findet. Zu diesen französischen Werken gehört zum Beispiel Custines
*Russland im Jahr 1839*. Und noch bemerkenswerter ist ein grafischer Roman, den der französische
Illustrator Gustave Doré im Jahr 1854, zu Beginn des Krimkriegs, veröffentlicht hat. Diese Werke
haben im Grunde das russophobe Bild von Russland geschaffen, das wir bis heute kennen.
#Pascal
Und Sie haben ja erklärt, wie es weitergeht, oder? Und wie wir bestimmte Stereotype immer wieder
auftauchen sehen. Welche konkreten Stereotype haben Sie denn in dieser französischen und
britischen Literatur gefunden?
#Alexander Mercouris
Also, Russland ist rückständig, Russland ist barbarisch, Russland ist eine Tyrannei. Das russische
Volk ist unterdrückt, aber es macht bei seiner eigenen Unterdrückung mit. Die Russen sind
hinterhältig, sie sind aggressiv, sie haben Freude an Gewalt und Grausamkeit, man kann ihnen
absolut nicht trauen. Und alles Gute, was man über sie hört, ist in erster Linie russische
Desinformation. Das ist übrigens eine sehr frühe Entwicklung. Schon ziemlich früh werden die
Russen für Desinformation verantwortlich gemacht. Danach folgen dann literarischere Formen dieses
Gedankens. Ich spreche über verschiedene Romane, die im neunzehnten Jahrhundert erschienen
sind, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, und die diese stereotypen Vorstellungen
über die Russen immer wieder aufgreifen.
Und diese Tendenzen verstärken sich dann auch im zwanzigsten Jahrhundert weiter, wo natürlich
die Konfrontation mit der Sowjetunion einen zusätzlichen Vorwand dafür liefert. Ein Punkt, den ich
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besonders betont habe, ist, dass einer der Gründe, warum diese Stereotype und Themen über
Russland so langlebig sind, darin liegt, dass sie im Westen nie wirklich hinterfragt wurden. Niemand
hat je klar gesagt: Das sind Ausdrucksformen von Russophobie, also eine Art von Rassismus. Diese
Art, Russinnen und Russen darzustellen und zu stereotypisieren, ist im Kern rassistisch. Und genau
weil das nie offen angesprochen wird, wiederholen die Menschen diese Muster einfach immer weiter.
#Pascal
Warum, glauben Sie, ist das so? Weil der Westen – und heute Morgen habe ich mit unserem
Kollegen Richard Sakwa gesprochen, der das immer den „politischen Westen“ nennt – weil wir ja
mehrere Phasen hatten, in denen wir erkannt haben: Nein, es gibt sehr starke Formen von
Rassismus, die angewendet wurden. Also, natürlich Rassismus aufgrund der Hautfarbe, aber dann
auch dieser massive Antisemitismus, und das ist ja inzwischen weithin anerkannt. Warum, glauben
Sie, gab es nie die Einsicht, dass wir so etwas auch gegenüber den Russen getan haben – und
vielleicht sogar darüber hinaus? Ich meine, gegenüber den Slawen insgesamt. Das ist etwas, das in
meinen Gesprächen mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien oft auftaucht – Kroaten,
Serben, Bosniaken –, die sagen: Nein, die slawische Welt wird im Grunde aus der politischen
Erzählung des Westens ausgeschlossen. Und das hängt, meiner Meinung nach, mit einer gewissen
Form von Russophobie, von Slavophobie zusammen. Warum, glauben Sie, wurde das nie wirklich
thematisiert?
#Alexander Mercouris
Genau, denn dahinter stand schon immer eine politische Dimension. Die Russophobie an sich war
eine politische Erfindung. Ich habe darüber gesprochen, wie sie entstanden ist, wie sie gezielt in
Frankreich geschaffen wurde. Die ursprüngliche Russophobie wurde tatsächlich in Frankreich zur Zeit
Napoleons entwickelt – als Vorbereitung auf seine spätere Auseinandersetzung mit Russland. Und
die Stellung Russlands als Großmacht hat dazu geführt, dass seine Rivalen – zuerst Großbritannien,
dann Großbritannien und Frankreich, später Deutschland, dann die Vereinigten Staaten, aber auch
weiterhin Großbritannien und Frankreich – immer ein politisches Interesse daran hatten, diese
Haltung aufrechtzuerhalten und nicht infrage zu stellen. Wenn Russophobie jemals überwunden
werden soll, dann braucht es eine politische Entscheidung. Erstens, sie aufzugeben. Und zweitens,
sich ihr zu stellen. Diese Entscheidung ist bis heute nie getroffen worden.
#Pascal
Ja, also du bist der Meinung, dass es die Politik dieser beiden Mächte ist – und vielleicht inzwischen
auch der Vereinigten Staaten und so weiter –, die die Russophobie antreibt, und nicht umgekehrt,
dass die Russophobie die Politik bestimmt.
#Alexander Mercouris
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Absolut. Es sind die Politik, die Geopolitik, die Rivalität und die Aggressivität, die das letztlich
antreiben. Man muss das aber etwas einordnen, denn was dann passiert, ist, dass russlandfeindliche
Ansichten so tief im westlichen Bewusstsein verankert werden, dass sie anfangen, die Politik zu
prägen. Politiker übernehmen dann selbst dieses politisch geschaffene Bild von Russland, und
dadurch entsteht eine Rückkopplung, die die Entscheidungsfindung beeinflusst. Wenn es aber jemals
eine echte, konsequente politische Entscheidung gäbe, das anzugehen und als eine Form von
Rassismus offenzulegen, dann, denke ich, würde das sehr schnell zusammenbrechen. Und an diesem
Punkt, übrigens, würden wir über die Russophobie hinausgehen. Das wäre der Moment, in dem
vielleicht eine wirkliche Annäherung an die Russen möglich wäre.
#Pascal
Hey, nur eine ganz kurze Anmerkung. Die beste Möglichkeit, diesen Kanal zu unterstützen, ist, wenn
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oder du holst dir etwas von unserem neuen Merch auf neutralitystudies.com. Die Links findest du
unten. Wir sehen uns dort. Es ist einfach interessant, wirklich faszinierend. Vor allem, wenn man das
als eine Form von Rassismus betrachtet. Denn die Vorstellung ist ja, na ja, die Russen sind doch
größtenteils weiß, oder? Wobei das natürlich den ganzen asiatischen Teil Russlands ausblendet – da
gibt es Kasachen, viele andere Gruppen, so viele Ethnien innerhalb Russlands. Aber diese Idee, dass
es unter Weißen keinen Rassismus gibt – das stimmt einfach nicht. Die grundlegende Motivation ist
doch genau diese Ausgrenzung und dieses Stereotypisieren, und zwar auf eine ziemlich dumme Art.
Was mich am meisten fasziniert, ist dieses Argument, dass das russische Volk unterdrückt wird, aber
gleichzeitig selbst schuld an seiner eigenen Unterdrückung sein soll. Kannst du das ein bisschen
näher erklären?
#Alexander Mercouris
Ja, das ist diese außergewöhnliche Vorstellung, dass das russische Volk von Natur aus unterwürfig
sei – dass es also tatsächlich danach strebe, eine tyrannische Regierung über sich verhängt zu
bekommen. Und wenn das dann passiert, verhält sich diese Regierung auf unterdrückerische Weise,
und die Russen nehmen das auf einer gewissen Ebene fast bereitwillig hin und machen sogar mit.
Ich bringe dazu ein sehr absurdes, ja geradezu lächerliches Beispiel – aus dem Buch von Gustave
Doré, dem grafischen Roman, über den ich gesprochen habe. Darin vernichtet Iwan der Schreckliche
im Grunde die gesamte russische Bevölkerung. Am Ende bleiben nur zwei Menschen übrig, und er
befiehlt ihnen, sich gegenseitig zu verhaften und hinzurichten. Und weil sie Russen sind, tun sie
genau das – sofort.
#Alexander Mercouris
Also, ich meine, das ganze Konzept ist ...
#Alexander Mercouris
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Das ist völlig unsinnig. Und natürlich stellt sich da die Frage: Wenn alle Russen von ihrem eigenen
Herrscher getötet wurden – was für eine Geschichte hat Russland dann überhaupt noch? Doré geht
auf diese Frage übrigens nie wirklich ein. Aber man sieht daran sehr deutlich, wie bereitwillig die
Russen im Grunde an ihrer eigenen Unterdrückung mitwirken. Die beiden letzten Überlebenden
verhaften sich auf Befehl gegenseitig und erschießen sich dann, nur um den Befehl des Zaren zu
erfüllen.
#Pascal
Der Punkt ist, und diese Stereotype tauchen ja gerade wieder auf, oder? Heute ist der zwölfte Juni
zweitausendsechsundzwanzig, richtig? Also, nach mehr als vier Jahren Krieg in der Ukraine. Diese
Vorstellung von Unterdrückung – und dass das russische Volk dafür ebenfalls verantwortlich sei –
geht Hand in Hand mit dieser merkwürdigen Idee im politischen Westen, dass man nur ein bisschen
Druck ausüben müsse, und dann würde das russische Regime zusammenbrechen, weil die Menschen
aufstehen. Dasselbe beim iranischen Regime – es würde zusammenbrechen, und die Menschen
würden aufstehen. Kommt diese Vorstellung eigentlich aus einer Art Russophobie, die dann einfach
au