Es ist VORBEI: Der Westen zerstört sich selbst. Letzte Worte. | Tord Björk
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Tord Björk argumentiert, dass der historische Erfolg der Schlussakte von Helsinki auf einer breiten, klassenübergreifenden Popularmobilisierung beruhte — Frieden, Menschenrechte und Freundschaftsnetzwerke — und nicht allein auf staatlicher Diplomatie. Er zeichnet nach, wie nach dem Kalten Krieg getroffene wirtschaftliche Entscheidungen und die Professionalisierung soziale Bewegungen fragmentierten und damit die Auslöschung von Neutralitäts- und Friedenspolitik ermöglichten, während Staaten wie Finnland eine Wende in Richtung NATO vollzogen. Björk behauptet, dass die gegenwärtige geopolitische und technologische Integration (NATO 3.0, US-amerikanischer Technologie- und Energieeinfluss) die Grenzen zwischen Sicherheit, Wirtschaft und Umwelt auflöst und sowohl eine „Bunker“-Erzählung als auch neue Ansatzpunkte für einheitlichen Widerstand schafft. Er kritisiert die Spezialisierung und top-down-Professionalisierung der Zivilgesellschaft und plädiert stattdessen für dezentralisierte, praktische lokale Aktionen, die Allianzen zwischen Friedens-, Klima-, Arbeits-, Land- und Menschenrechtsgruppen wiederaufbauen. Konkrete Schritte umfassen gemeinsame Forschung, geteilte Kampagnen und freund
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## Einführung
Die Debatte um die Helsinki-Schlussakte, Neutralität und die Zukunft der Friedensbewegung ist kein akademisches Nischenprojekt mehr; sie berührt die Grundlagen dessen, wie Staaten und Gesellschaften Sicherheit, Freundschaft und Kooperation denken. In der jüngsten aufgezeichneten Diskussion mit Tord Björk zieht sich ein klarer Faden: Was 1975 als ein umfassender Versuch begann, militärische Spannungen, wirtschaftliche Zusammenarbeit und Menschenrechte unter einem gemeinsamen Dach zu verbinden, scheint heute vielfach fragmentiert oder vergessen. Diese Fragmentierung hat konkrete Folgen — von der Umgestaltung finnischer Außenpolitik bis zur Erosion breiter Basisbewegungen, die einst die Voraussetzung für Verhandlungslösungen bildeten. Die folgende Analyse nimmt die Gesprächsbeiträge als Ausgangspunkt, um die historischen Brüche, die aktuellen Machtkonstellationen und mögliche Wege zur Wiederbelebung grenzüberschreitender Solidarität zu skizzieren.
## Finnland, NATO und ausgelöschte Friedensgeschichte
Die Helsinki-Schlussakte von 1975 war mehr als ein Staatenpakt; sie war das Ergebnis einer politischen und zivilgesellschaftlichen Dynamik, die über Staatsgrenzen hinweg Freundschaften und Netzwerke schuf. Das Gespräch macht deutlich, dass Finnlands Rolle damals nicht nur diplomatisch, sondern tief gesellschaftlich verankert war: Freundschaftsgesellschaften, studentische Festivals und eine massenhaft verankerte Friedensbewegung trugen zur Möglichkeit bei, Ost und West an einen Tisch zu bringen. Tord Björk betont, dass diese zivile Dimension heute in der offiziellen Erinnerungspolitik weitgehend ausgelöscht wird. Die Erzählung wurde umgeschrieben: Aus einem vielschichtigen Prozess von Entspannung und Kooperation wurde eine einfache Triumphgeschichte des Westens über den Kommunismus.
Dieser Verlust hat konkrete politische Konsequenzen. Finnlands Schritt von Bündnisfreiheit zur NATO-Mitgliedschaft, inklusive stärkerer militärischer Präsenz und Sicherheitsgarantien, markiert für viele einen Wendepunkt in der nordischen Sicherheitsarchitektur. Die Debatte rund um den fünfzigsten Jahrestag zeigte, wie nationales Gedächtnis und Diplomatie neu kalibriert wurden — und wie leicht die soziale Basis jener historischen Errungenschaften übersehen oder bewusst marginalisiert werden kann. Wenn Präsidenten und offizielle Narrative die Massenbewegung und die ländlich-urbane Bündnisdynamik, die Kekkonen ermöglichten, ausblenden, entsteht Raum für eine vereinfachte Legitimationslogik: Entweder Abschreckung oder Unterwerfung, Freund-oder-Feind-Schemata statt der Nuancen einer geteilten Sicherheit.
## NATO, Technologie und wirtschaftliche Kontrolle
Ein weiterer klarer Gedanke der Diskussion betrifft die Verflechtung von militärischer Allianz, technologischem Vorsprung und wirtschaftlicher Macht. Die NATO ist längst keine reine Militärallianz mehr; sie ist ein Knotenpunkt technologischer Standardsetzung und ökonomischer Einflussnahme. Der Austausch im Gespräch deutet an, dass diese Entwicklung die Spielräume für zivile Kooperation und unabhängige Neutralität weiter einschränkt. Technologische Kontrolle — von militärischen Systemen bis zu Infrastrukturkooperationen — verlagert Macht nicht nur auf Regierungsebene, sondern tief in die Wirtschaft und die Organisationen, die sie mitgestalten.
Gleichzeitig wurde in der historischen Rückschau deutlich, wie wirtschaftliche Faktoren nach 1990 die ursprünglich hoffnungsvollen Aspekte der Helsinki-Dynamik unterminierten. Während manche Länder gezielte Unterstützung beim Übergang erhielten, blieb anderen die Hilfe versagt; das Resultat war ein soziales und ökonomisches Auseinanderdriften, das neue Sicherheitsängste und Polarisierung nährte. In der Gegenwart manifestiert sich dies in einer sicherheitspolitischen Rhetorik, die Technologie und Aufrüstung als alternative Lösung zu Dialog und Freundschaft präsentiert. Tord Björk macht dabei deutlich: Wer technologische Dominanz als primären Hebel begreift, verengt die Perspektiven für umfassende Friedensstrategien und öffnet die Tür für neue, asymmetrische Abhängigkeitsverhältnisse.
## Zusammenarbeit ohne mehr Bürokratie
Ein zentrales Thema, das immer wieder aufscheint, ist die Frage, wie gesellschaftliche Bewegungen wieder wirkmächtig werden können, ohne in ein neues Korsett von Bürokratie und Professionalisierung zu verfallen. Die Analyse führt die Schwäche vieler heutiger Bewegungen auf zwei miteinander verwobene Prozesse zurück: Spezialisierung und Professionalisierung. Als sich Umwelt-, Arbeits-, Frauen- und Friedensbewegungen in den letzten Jahrzehnten professionalisierten, verschoben viele ihrer Aktivistinnen und Aktivisten in spezialisierte Nischen. Kampagnen wurden effektiver, aber auch engstirniger; Förderlogiken und Medienstrategien bestimmten zunehmend die Agenda. Das Ergebnis war eine Fragmentierung, die kollektive, übergreifende Strategien erschwerte.
Die Lösung, so der Diskussionsstrang, liegt nicht in mehr bürokratischer Zentralisierung, sondern in der Wiederbelebung praktischer, lokalen Kooperationen und dezentraler Netzwerke. Solche Re-Politisierungen müssen alltägliche Anliegen adressieren — Landwirtschaft, Arbeit, Klima, Menschenrechte — und diese Themen miteinander verknüpfen, anstatt sie in isolierte Kampagnen zu verpacken. Gerade die Fähigkeit, im Alltag Verbindungen zu knüpfen — Freundschaften über Grenzen, gemeinsame Forschungsprojekte, lokale Initiativen — bietet eine glaubwürdigere Basis für langfristigen Wandel als große, zentral gesteuerte Institutionen.
## Wo man Tord Björk folgen kann
Die Diskussion zeigt, dass organisatorische und kommunikative Arbeit Hand in Hand gehen muss: Expertise ist nötig, aber ohne Rückbindung an gesellschaftliche Basis bleibt sie wirkungslos. Tord Björk selbst tritt in mehreren Netzwerken in Erscheinung, die genau diese Verbindung von Graswurzelarbeit und internationaler Solidarität suchen. Zu nennen sind das Netzwerk People and Peace, die Initiative Helsinki Plus 50 sowie die Arbeit im International Peace Bureau. Diese Plattformen versuchen, die historischen Lehren der Helsinki-Schlussakte wiederzugänglich zu machen und zugleich konkrete Projekte zu fördern, die jenseits von Militärlogik und technokratischer Kontrolle wirken.
Wer den Debattenbeitrag Björks weiterverfolgen möchte, findet in diesen Organisationen Anknüpfungspunkte: Anlässe zum Austausch, lokale Projekte mit internationalem Bezug und Foren, die den Versuch unternehmen, Bewegungen quer zu verbinden — von Klima bis Arbeitsrechte. Das Ziel ist klar formuliert: eine Politik der Freundschaft und Kooperation zurückzugewinnen, die nicht auf Abschreckung oder technologischen Vorrang baut, sondern auf gemeinsame Interessen, Deeskalation und ein Bündnis von zivilgesellschaftlichen Kräften. Solche Initiativen zeigen, dass Erinnerungspolitik kein nostalgischer Rückblick bleiben muss, sondern Impulsgeber für neue Aktionsformen sein kann.
Abschließend lässt sich sagen: Die große Herausforderung besteht darin, die Erinnerung an eine vielfältige, massenbasierte Friedenspolitik nicht nur zu bewahren, sondern wieder handlungsfähig zu machen. Das bedeutet, die Glasglocke der Spezialisierung zu durchbrechen, die wirtschaftlichen Machtverhältnisse zu problematisieren und Raum für Freundschaft über Grenzen hinweg zu schaffen. Die Diskussion mit Tord Björk liefert keine einfache Roadmap, wohl aber eine Reihe von Einsichten: Die Helsinki-Dynamik war zivilgesellschaftlich verwurzelt; ihre Abschaffung ist politisch und erzählerisch hergestellt worden; und ihre Wiederbelebung verlangt dezentrale, praktische Kooperation statt weiterer Bürokratie. In einer Zeit, in der politische Narrative sich schnell verschieben, bleibt die wichtigste Frage: Sollen wir Abschreckung oder Beziehungspflege zur Norm erheben? Die Gesprächsbeiträge sprechen sich klar für Letzteres aus — und verweisen auf die Aufgabe, jene breiten Bündnisse wieder aufzubauen, die einst die Grundlage tragfähiger
Transcript
Es ist VORBEI: Der Westen zerstört sich
selbst. Letzte Worte. | Tord Björk
Tord Björk, Mitbegründer von People and Peace, Ratsmitglied des International Peace Bureau und
Koordinator von Helsinki Plus 50, spricht über die Helsinki-Schlussakte, Finnlands Wandel von
Neutralität zur NATO und den Niedergang der Friedensbewegungen. Er argumentiert, dass Friedens-
, Klima-, Arbeits-, ländliche und Menschenrechtsgruppen durch praktische lokale Maßnahmen,
gemeinsame Forschung und den Aufbau von Freundschaften über Grenzen hinweg
zusammenarbeiten sollten. Lesen Sie hier das Manifest der Nordic Peace Alliance:
https://pascallottaz.substack.com/p/appeal-for-the-spirit-of-helsinki Links: People and Peace
YouTube: https://www.youtube.com/@folkochfred/ Helsinki Plus 50: https://helsinkiplus.org
International Peace Bureau: https://ipb.org Neutrality Studies substack: https://pascallottaz.substack.
com Merch: https://neutralitystudies.com/shop Spende: https://neutralitystudies.com/donate
Zeitstempel: 00:00:00 Einführung 00:00:49 Das Vermächtnis der Helsinki-Schlussakte 00:07:14
Finnland, NATO und ausgelöschte Friedensgeschichte 00:16:04 Warum Friedensbewegungen
zurückgingen 00:24:37 NATO, Technologie und wirtschaftliche Kontrolle 00:32:08 Wiederaufbau
populärer Bewegungen 00:38:21 Zusammenarbeit ohne mehr Bürokratie 00:45:04 Dezentralisierte
Bewegungen und lokale Maßnahmen 00:54:34 Wo man Tord Björk folgen kann
#Pascal
Willkommen zurück bei Neutrality Studies. Heute zum ersten Mal mit Tord Björk, Mitbegründer des
Netzwerks „People and Peace“, Mitglied des Rats des Internationalen Friedensbüros und Koordinator
der Arbeitsgruppe „Helsinki Plus fünfzig“. Tord, herzlich willkommen.
#Tord Björk
Nun, ich freue mich sehr und fühle mich geehrt, in dieser sehr wichtigen Sendung zu sein.
#Pascal
Nun, Sie sind Aktivistin. Sie setzen sich seit vielen Jahren für den Frieden in Schweden und ganz
Skandinavien ein. Und ich wollte Sie einmal dazu befragen, woran die Arbeitsgruppe Helsinki Plus
fünfzig jetzt arbeitet. Können Sie uns ein paar Einblicke geben?
#Tord Björk
Nun, wir haben erkannt, dass der fünfzigste Jahrestag der Helsinki-Schlussakte von globaler
Bedeutung war. Denn 1975 war es möglich, dass alle Staatschefs, die einander gegenüberstanden,
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einschließlich der Türkei und Zyperns, die ein Jahr zuvor noch miteinander im Krieg waren, sich auf
einen Aufruf zur Entspannung verständigten. Aber nicht nur zur Entspannung. Nicht nur zu dem, was
in der Schlussakte als unteilbare Sicherheit bezeichnet wird. Sondern auch zur Zusammenarbeit –
wirtschaftlich, ökologisch und kulturell – und auch zu Menschenrechten ohne doppelte Maßstäbe.
Das war gewissermaßen der Beginn einer sehr langen Phase der Öffnung für Zusammenarbeit
zwischen Bewegungen, einer breiten Volksfriedensbewegung und einer breiten Bewegung für
Menschenrechte.
#Pascal
Ja, und um das in den Kontext einzuordnen: Die Schlussakte von Helsinki von
neunzehnhundertfünfundsiebzig wurde nach fünf, fast sechs Jahren ständiger Verhandlungen über
eine Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit unterzeichnet. Die KSZE, das war eigentlich eine
Idee der Sowjets in Moskau, die diese Anfrage an Finnland weiterleiteten. Finnland verschickte dann
Einladungen. Und nach fünf Jahren Verhandlungen waren alle dabei, von den Vereinigten Staaten
und Kanada bis hin zu, ich glaube, sogar der Mongolei, als Teil der Schlussakte von Helsinki. Rund
fünfzig Länder unterzeichneten damals im Grunde die grundlegenden Prinzipien der friedlichen
Koexistenz. Und für mich ist neunzehnhundertfünfundsiebzig der Anfang vom Ende des ersten Kalten
Krieges, denn dort wurden diese Prinzipien ausgehandelt. Wie bewerten Sie das heute, rund fünfzig
Jahre später? Wie hat sich die KSZE weiterentwickelt? Denn es gab ja weitere Erfolge, etwa die
Institutionalisierung in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der OSZE,
wodurch dieser Prozess dauerhaft gemacht wurde. Wie sehen Sie das?
#Tord Björk
Nun, es durchläuft verschiedene Phasen. Was wir sehen können, sind die erfolgreichen ersten
Phasen. Trotz sehr starker Kritik in Osteuropa, vor allem von denjenigen, die gegen die Herrschaft
opponierten, die damals die Sowjetunion über Mittel- und Osteuropa ausübte, waren sie sehr
dagegen. Sie dachten, es diene nur dazu, der Sowjetunion dabei zu helfen, durchzusetzen, dass die
Grenzen so anerkannt würden, wie sie waren. Aber dann geschah etwas völlig anderes, als 1976 die
Moskauer Helsinki-Gruppe mit Sacharow und anderen gegründet wurde. Das eröffnete eine sehr
dynamische Beziehung zwischen einer breiten Volksbewegung, etwa der Friedensbewegung, zum
Beispiel der Bewegung für nukleare Abrüstung in Europa, und diesen Dissidentengruppen in Mittel-
und Osteuropa.
So endete das schließlich damit, dass wir diesen Wandel erreichten, einen gewaltfreien Wandel, in all
den sogenannten Küchenrevolutionen. Das war also eine Phase, die auch sehr hilfreich war, um viele
Vereinbarungen zur Reduzierung von Atomwaffen und vertrauensbildende Maßnahmen zustande zu
bringen. Sehr viele Vereinbarungen dazu. Dann kam 1990. Und es schien ein voller Erfolg für den
Helsinki-Prozess zu sein, mit einem Treffen in Paris, bei dem sich alle erneut auf Folgendes einigten:
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unteilbare Sicherheit, Menschenrechte und so weiter und so fort. Aber in Wirklichkeit enthielt die
Helsinki-Schlussakte, was die wirtschaftliche Zusammenarbeit anging, eine Klausel, in der es hieß,
die UN-Wirtschaftskommission für Europa sei sehr wichtig.
Mit anderen Worten: Es hieß nicht, dass die Bretton-Woods-Institutionen und die Finanzinstitutionen,
die vollständig von den USA und dem Westen beherrscht wurden, die Lösung für wirtschaftliche
Probleme seien. Aber in Wirklichkeit geschah das Gegenteil. Es ist sehr klar dokumentiert, dass
Russland in dieser Übergangsphase völlig anders behandelt wurde als, sagen wir, Polen. Polen
erhielt jede Art von gezielter Hilfe, die es brauchte, um diesen Übergang gut zu bewältigen, während
Russland diese Hilfe verweigert wurde. Und wir erlebten diesen vollständigen Zusammenbruch der
Lage in der russischen Gesellschaft. Das geschah tatsächlich auch in der Ukraine, aber weniger in
Belarus. Mit anderen Worten: Diese Idee von fünfundsiebzig wurde im wirtschaftlichen Bereich nie
vollendet. Stattdessen bekamen wir eine Entwicklung, die sich immer weiter von dem entfernte, was
später gemeinsame Sicherheit genannt wurde.
Stattdessen bekamen wir genau diese Polarisierung bei allen Themen: wirtschaftlich, militärisch und
so weiter. Das ist dann interessant, denn fünfzig Jahre später musste Finnland etwas tun. Das war
der größte Erfolg in der Geschichte der finnischen Diplomatie, und sie waren gezwungen, etwas zu
unternehmen. Und das wurde wirklich komisch. Wenn man sich genauer anschaut, wie sie diesen
fünfzigsten Jahrestag organisiert haben, sagt das viel aus. Und was wir jetzt sehen: Indem alle
Bewegungen für sich beanspruchen, die legitimen Nachfolger der Helsinki-Schlussakte zu sein,
können sie sagen: Wir erfüllen jetzt das, was die Staats- und Regierungschefs 1975 beschlossen
haben. Das gibt uns die Legitimität, Ideen für Veränderungen zu entwickeln, nicht nur in Fragen der
Sicherheit, sondern auch der Zusammenarbeit und der Menschenrechte.
#Pascal
Ja. Und Sie sagen, es sei fast komisch gewesen. Denn natürlich war der fünfzigste Jahrestag im
vergangenen Jahr, 2025. Und das war bereits zwei Jahre, nachdem Finnland der NATO beigetreten
war, richtig? Finnland war zusammen mit Schweden neutral, also dort, wo Sie sich übrigens
befinden. Finnland, Schweden und Norwegen, diese nordischen Länder, arbeiten eng zusammen. Die
Bedeutung von 1975 – und eigentlich begann das schon 1969, richtig? – bestand darin, dass die
Sowjets den Finnen sagten, sie sollten etwas unternehmen. Denn die Finnen waren neutral und
konnten auf beide Seiten zugehen, richtig? Und eine der Erfolgsgeschichten des Helsinki-Prozesses
ist, dass diese verschiedenen neutralen Länder, darunter auch Schweden und die Schweiz, dabei
helfen konnten, die Abläufe zu erleichtern. So wurde sichergestellt, dass die kommunistischen und
kapitalistischen Länder tatsächlich zusammentrafen und diese Verhandlungen führten. Teilweise in
Helsinki, dann in Genf und schließlich wieder in Helsinki, für die Schlussakte.
Das ist allerdings eine völlig andere Denkweise als die, die sich dann Anfang der Zweitausender
entwickelte. Finnland definierte seine Neutralität zunächst als Bündnisfreiheit neu. Und nach 2022
hat es sie vollständig aufgegeben, den NATO-Beitritt beantragt, ist der NATO beigetreten und heute
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ein stolzes Mitglied des Bündnisses. Mit US-Stützpunkten, siebzehn US-Stützpunkten, und sogar mit
dem jüngsten Abkommen, wonach die Vereinigten Staaten Atomwaffen stationieren könnten. Ich
meine, das war ein vollständiger Rückwärtsgang. Wie kam das also im vergangenen Jahr an,
zusammen mit der Erinnerung daran, dass man einmal neutral und damit sehr erfolgreich gewesen
war? Wie Sie sagten: Finnland konnte gar nicht anders, als sich an seine diplomatische
Vergangenheit zu erinnern.
#Tord Björk
Es war wirklich interessant. Und wir haben das sehr genau untersucht, jeden einzelnen Schritt
verfolgt: wie sie es vorbereitet haben, was gesagt wurde und so weiter. Vieles davon ist online, also
kann jeder danach suchen. Das Problem war natürlich, dass sie den Frieden als Konzept töten
mussten. Deshalb haben sie massenhaft die Idee verbreitet, dass es Frieden nicht mehr gibt und
auch keine Friedensbewegung. Die Geschichte hinter dieser Schlussakte von Helsinki von
neunzehnhundertfünfundsiebzig ist überhaupt nicht in erster Linie eine Geschichte der Staaten, des
Handelns der Sowjetunion oder von Kekkonen, dem Präsidenten Finnlands. Es ist eine ganz andere
Geschichte. Es ist die Geschichte, dass die finnische Friedensbewegung in der gesamten westlichen
Welt völlig einzigartig ist.
Es war der einzige Ort, an dem sich eher, wie soll man sagen, bürgerlich-pazifistische Organisationen
den Friedenskomitees anschlossen. Der einzige Ort auf der Erde, an dem das stattfinden konnte und
an dem sie sich bereits in den vierziger Jahren entwickelten. Das machte es möglich, dass das
Friedenskomitee seinen Weltsitz in Helsinki haben konnte. Es ermöglichte auch ein Studenten- und
Jugendfestival, das seit Ende der vierziger Jahre an vielen Orten auf der Erde stattgefunden hatte.
Zum ersten Mal überhaupt war es in Wien, im Westen. Aber 1961 fand es in Helsinki statt. Und es
wurde von rechten Aktivisten so heftig angegriffen, dass Präsident Kekkonen zu den
Kulturveranstaltungen dieses Festivals gehen konnte. Das führte zu einem explosionsartigen
öffentlichen Interesse daran, Freundschaftsgesellschaften aufzubauen.
Finnland hat also immer noch so etwas wie Hunderte Freundschaftsgesellschaften mit allen
möglichen Ländern. Daraus wurde ein breites Interesse: Warum bauen wir nicht Freundschaft mit
anderen Menschen auf? Und mit dieser breiten Unterstützung konnte Präsident Kekkonen dieses
Helsinki-Ding dann durchaus voranbringen. Das ist aus der Geschichte völlig verschwunden. Es wird
nie erwähnt, nicht einmal von der Friedensbewegung selbst in Finnland. Ich musste es zur Sprache
bringen. Und das wird sehr deutlich, wenn man schon heute Bilder von Friedensdemonstrationen
sieht. Da sieht man die Symbole: die Pazifisten, die Antiimperialisten und die Militaristen. Die gehen
dort, wissen Sie, Seite an Seite.
Der zweite Schritt bestand darin, die Friedensbewegung aus der weiteren Geschichte des Helsinki-
Abkommens zu tilgen. Präsident Stubb, der derzeitige Präsident, behauptete, das gesamte Ergebnis
von Helsinki sei die Niederlage des Kommunismus gewesen. Der Kapitalismus habe den
Kommunismus besiegt. Das einzige Ergebnis all dieser Bemühungen sei also gewesen, dass sie
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Freiheit im sowjetischen Block ermöglicht hätten und dadurch dieses kommunistische Regime zu Fall
gebracht worden sei. Eine Massenfriedensbewegung habe es nie gegeben. Sie existie