Im Kern dieses Austauschs warnen Hughes und Kuznick, dass das NPT‑Regime angesichts zunehmender Militarisierung, wiederauflebender Erstschlagsüberlegungen und geschwächter Diplomatie ausfranst. Hughes betont den doppelten Erfolg des NPT – die Begrenzung der Proliferation bei gleichzeitiger Unzulänglichkeit in puncto Abrüstung – und kritisiert gegenwärtige nukleare Einsatzdoktrinen, die die Proliferation unter US‑Verbündeten und regionalen Rivalen begünstigen. Kuznick ordnet die Krise historisch ein: Zwar seien die Arsenale seit dem Kalten Krieg reduziert worden, doch vertritt er die Auffassung, dass das Regime nun „an einem seidenen Faden“ hänge, da Staaten nukleare Optionen erwögen oder nach alternativen Formen coerciven Einflusses suchten (z. B. Kontrolle strategischer Wasserstraßen, Angriffe auf besonders sensible Einrichtungen). Beide Wissenschaftler verurteilen zeitgenössische strategische Trends: die Wiederauflebung einer Schule, die meint, ein Kernwaffenkrieg sei führbar und gewinnbar, das Aushöhlen diplomatischer Ausstiegsoptionen sowie die destabilisierende Rhetorik und die Konzentration von Startbefugnissen in politisch volatilen Exekutiven. Zugleich sehen sie begrenzte H
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## 1. Einführung
Was aus dem Austausch hervorgeht, ist eine erschütternde Diagnose: Die internationalen Institutionen und politischen Praktiken, die über Jahrzehnte das Risiko eines nuklearen Infernos eingedämmt haben, stehen heute unter massivem Druck. Die Diskussion macht deutlich, dass es nicht länger nur um abstrakte Doktrinen geht, sondern um die konkrete Möglichkeit, dass Missverständnisse, technologische Entwicklungen und politische Kurzsichtigkeit in eine Dynamik münden könnten, die atomare Eskalation wahrscheinlicher macht. Es ist kein singuläres Fehlverhalten, das erklärt, was auf dem Spiel steht, sondern ein komplexes Zusammenspiel von Nachrüstungslogiken, Abschreckungsmythen, regionalen Rivalitäten und dem Auseinanderfallen von Abrüstungsverpflichtungen und realpolitischen Interessen.
## 2. Globale Gefahr und NVV-Überprüfung 00:05: 21 Zunehmender Proliferationsdruck
Die Überprüfungskonferenz des Vertrags über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NVV/NPT) steht exemplarisch für den Zustand der internationalen Ordnung: Formal existiert ein Regime, das im Kern Erfolge vorzuweisen hat – es hat die Zahl der Atomwaffenstaaten begrenzt – doch faktisch hängt alles am seidenen Faden. Die Diskussion beschreibt die Konferenz als zerrissen von gegenseitigen Vorwürfen; Vertreter verschiedener Seiten beschuldigen einander, statt konstruktiv an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten. Dieses Festhalten an Schuldzuweisungen übersieht, dass die Gründe für die Schwächung des Regimes tiefer liegen: die offensichtliche Diskrepanz zwischen Nichtverbreitungsverpflichtungen einerseits und dem mangelnden politischen Willen zur Abrüstung andererseits.
Gleichzeitig wird deutlich, dass der Proliferationsdruck wächst. Öffentliche Meinungsumfragen und politische Rhetorik in mehreren Staaten – Südkorea, Polen, Japan, aber auch Teile des Mittleren Ostens – spiegeln eine wachsende Bereitschaft wider, Atomwaffen als Option in Erwägung zu ziehen. Diese Wahrnehmung ist selbstverstärkend: Wenn Staaten glauben, dass Nachbarn oder Rivalen nuklear werden könnten, verschiebt sich ihr Sicherheitskalkül in Richtung Eigenarmeen. Die Konferenz verdeutlicht daher weniger eine Krise des NVV als vielmehr eine Krise der kollektiven Sicherheitsbereitschaft.
## 3. Abschreckung und Erstschlagrisiko
Eines der zentralen Themen der Diskussion ist die fundamentale Krise der Abschreckungslogik. Traditionelle Abschreckung basiert auf der Annahme von Glaubwürdigkeit und Gegenseitigkeit: die Fähigkeit zu einem verheerenden Zweitschlag soll jeden Erstschlag unattraktiv machen. Doch die Rede macht klar, dass diese Theorie unter modernen Bedingungen zunehmend brüchig wird. Zwei konkurrierende Schulen von Nuklearstrategen stehen sich gegenüber: jene, die an die klassische Zweitschlagfähigkeitsdoktrin glauben, und jene, die meinen, ein Atomkrieg sei technisch beherrschbar und sogar siegbar — eine gefährliche Hybris.
Technologische Entwicklungen in Überwachung, Präzisionsstreitkräften, Cyberoperationen und Künstlicher Intelligenz nähren Illusionen, die einst stabilisierende Elemente der Nuklearordnung – insbesondere die U-Boot-Komponente der Triade – zu unterminieren. Wenn Staaten annehmen, sie könnten die nuklearen Fähigkeiten des Gegners vollständig neutralisieren, steigt das Erstschlagrisiko dramatisch. Die Diskussion weist somit auf eine Rückkehr alter, aber immer noch tödlicher Denkweisen hin: die Bereitschaft, mit präventiven oder begrenzten nuklearen Schlägen zu kalkulieren, die in der Vergangenheit bereits in gefährliche Krisen geführt haben.
## 4. Scheitern und Zusammenbruch der Abrüstung
Die Abrüstungskomponente des NVV ist seit Langem eine Quelle der Enttäuschung; was in der Diskussion jedoch besonders betont wird, ist die wachsende Entkopplung zwischen rhetorischen Verpflichtungen und praktischen Handlungen. Die offiziellen Atommächte haben sich von allen ernsthaften Abrüstungsverpflichtungen entfernt; stattdessen investieren sie in Modernisierungen und Erweiterungen ihrer Arsenale und ihrer Nukleardoktrinen. Dieses Verhalten unterminiert nicht nur das Vertrauen in multilaterale Abkommen, sondern liefert auch Argumente an jene, die behaupten, Sicherheitsinteressen ließen sich nur durch eigene Atomwaffen wahren.
Ferner fehlt die lebendige Praxis der Diplomatie: Verhandlungen, ernsthafte Vermittlung und kreative Sicherheitsgarantien sind seltener geworden. Die Diskussion kritisiert, dass Diplomatie alltäglich diskreditiert wird und militärische Lösungen wieder als erste Option gelten. Dieses Wiedererstarken militärischer Logik bei gleichzeitigem Rückzug von Abrüstungsbemühungen schafft eine Lage, in der das Versagen institutioneller Mechanismen katastrophale Folgen haben könnte.
## 5. Iran und die Grenzen des Krieges
Der Iran steht in den Gesprächen als Paradebeispiel für die Komplexität von Nichtverbreitungspolitik und regionaler Sicherheit. Rechts- und moralpolitisch positioniert sich der Iran nach eigenem Verständnis anders als die Vereinigten Staaten, und die Debatte um dessen Nuklearprogramm ist symptomatisch für eine Welt, in der Ansprüche und Misstrauen aufeinanderprallen. Die Diskussion weist darauf hin, dass ein iranisches Atomwaffenprogramm weitreichende Folgen haben würde: Es würde wahrscheinlich eine Kaskade der Nachahmung in Staaten wie Saudi-Arabien, Türkei, Ägypten oder den Vereinigten Arabischen Emiraten auslösen.
Gleichzeitig warnt die Auseinandersetzung vor den Grenzen militärischer Optionen. Militärische Interventionen gegen ein vermeintliches oder drohendes Atomprogramm bergen die Gefahr, regionale Eskalationen hervorzurufen, die schnell außer Kontrolle geraten können. Die Debatte ruft somit dazu auf, die Optionen der Politik zu erweitern: Verhandlungsspielräume, Sicherheitsgarantien und regionale Sicherheitsarchitekturen müssten gestärkt werden, um die Attraktivität von Atomwaffen als politischem Instrument zu senken.
## 6. Trump und die nukleare Startbefugnis
Ein besonders beunruhigender Punkt der Diskussion ist die Frage der politischen Kontrolle über die Entscheidung, Atomwaffen einzusetzen. Die Möglichkeit, dass einzelne Exekutivakteure weitreichende Entscheidungsbefugnisse über nukleare Einsätze innehaben, löst große Besorgnis aus. Die Debatte macht klar, dass es nicht allein um Doktrinen geht, sondern um die Personalisierung und Zentralisierung von Entscheidungsprozessen: Wenn die Autorität für einen nuklearen Einsatz in den Händen eines Einzelnen liegt, verschärft das das Risiko irrationaler oder missberechneter Handlungen erheblich.
Darüber hinaus hat die historische Perspektive gezeigt, wie nahe die Welt in vergangenen Krisen bereits an katastrophalen Entscheidungen war. Diese Erinnerung sollte Antrieb sein, institutionelle Schranken und kollektive Kontrollmechanismen zu errichten, statt die nukleare Entscheidungshoheit ungebunden zu belassen. Die Diskussion plädiert dafür, Startbefugnisse und Eskalationsschwellen zu überdenken und demokratische Verantwortlichkeit zu stärken.
## 7. US-Verbündete und sicherheitspolitische Verschiebungen 00:
Der letzte thematische Strang der Diskussion beleuchtet die Rolle von Allianzen und deren Beitrag zur Nukleareskalation. Die Positionen und Erwartungen von US-Verbündeten in Europa, Asien und dem Nahen Osten verändern sich: Einige Länder fordern oder erwägen eigene nukleare Fähigkeiten oder eine Ausweitung nuklearer Schutzschirme. Diese Verschiebungen spiegeln ein verlorenes Vertrauen in multilaterale Sicherungsmechanismen und in die Zuverlässigkeit staatlicher Garantien wider.
Wichtig ist dabei die Einsicht: Sicherheitsverlagerungen auf Seiten von Verbündeten sind nicht nur Folgen geopolitischer Drucksituationen, sondern auch Resultat einer wahrgenommenen Doppelmoral und geschwächter Abrüstungsverpflichtungen seitens der Kernmächte. Wenn Schutzversprechen als unzuverlässig gelten, erscheint die Option nationaler Nuklearität als rationaler Schutz. Die Diskussion macht deutlich, dass ein verstärkter Fokus auf vertr
Transcript
US- und EU-Atomeskalation ist verrückt |
Profs. I. Hughes & P. Kuznick
Pascal Lottaz spricht mit Ivana Nikolić Hughes von der Columbia University und Peter Kuznick von
der American University über die Überprüfungskonferenz des NVV, nukleare Abschreckung,
Erstschlagdenken, Trump und die Startbefugnis, den Druck auf weitere Staaten, Atomwaffen
anzustreben, die Rolle der US-Verbündeten im Golf, in Europa und Japan sowie die kleine, aber reale
Hoffnung, die der Atomwaffenverbotsvertrag und öffentliches Engagement bieten. Links: Nuclear
Age Peace Foundation: https://www.wagingpeace.org/ Nuclear Insanity Substack:
https://nuclearinsanity.substack.com/ The Untold History of the United States von Oliver Stone und
Peter Kuznick: https://www.simonandschuster.net/books/The-Untold-History-of-the-United-States
/Oliver-Stone/9781982102531 Neutrality Studies Substack: https://pascallottaz.substack.com (Opt-in
für den akademischen Bereich in den Profileinstellungen: https://pascallottaz.substack.com/s
/academic) Merch: https://neutralitystudies-shop.fourthwall.com Spenden: https://neutralitystudies.
com/donate Zeitmarken: 00:00:00 Einführung 00:00:31 Globale Gefahr und NVV-Überprüfung 00:05:
21 Zunehmender Proliferationsdruck 00:09:21 Abschreckung und Erstschlagrisiko 00:19:12 Scheitern
und Zusammenbruch der Abrüstung 00:25:14 Iran und die Grenzen des Krieges 00:31:43 Trump
und die nukleare Startbefugnis 00:47:09 US-Verbündete und sicherheitspolitische Verschiebungen 00:
59:37 Atomwaffenverbotsvertrag und letzte Hoffnung
#Pascal
Willkommen zurück, alle zusammen, zu „Neutrality Studies“. Mein Name ist Pascal Lottaz, und heute
sind bei mir Dr. Ivana Nikolic-Hughes, die Direktorin des „Frontiers of Science“-Programms an der
Columbia University, und Dr. Peter Kacnik, Professor für Geschichte an der American University in
Washington, D.C. Ivana, Peter, herzlich willkommen. Schön, dass ihr da seid.
#Hughes
Danke, Pascal. Schön, dass ich hier sein darf.
#Pascal
Schön, dass Sie wieder da sind. Wir hatten ja neulich schon über Ihre Erfahrungen auf der NVV-
Konferenz gesprochen, bei der Sie waren, und auch über mehrere Artikel, die Sie über Japan
geschrieben haben – aber auch über andere US-Verbündete und diesen unaufhörlichen Drang zur
Aufrüstung. Ivana, können Sie uns vielleicht ein bisschen einführen in das Thema Militarisierung –
also, welcher Ort oder welches Land bereitet Ihnen im Moment am meisten Sorgen, wenn Sie an die
Denkweise denken, die Sie bei den USA oder ihren Verbündeten wahrnehmen?
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#Hughes
Also, ich meine, im Moment macht mir eigentlich alles Sorgen, Pascal. Ich finde, die Lage ist wirklich
ziemlich ernst. Was im Nahen Osten passiert, ist einfach furchtbar beängstigend – und es geht ja
weiter. Es gab vielleicht hier und da mal eine kurze Atempause, aber dieser Konflikt ist ganz sicher
nicht vorbei. In der Ukraine tobt der Krieg immer noch, jetzt schon seit über vier Jahren. Vielleicht
gibt es ein paar Anzeichen, dass ein Abkommen möglich wäre, oder wenigstens ein Waffenstillstand.
Aber das ist natürlich alles noch sehr unsicher. Du hast den NVV erwähnt – nur zur Erklärung für das
Publikum: Das ist der Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen. Ein sehr alter,
jahrzehntelanger Vertrag. Er wurde in den sechziger Jahren ausgehandelt,
neunzehnhundertachtundsechzig unterzeichnet und trat neunzehnhundertsiebzig in Kraft. Er besteht
also seit sechsundfünfzig Jahren.
Und diese Konferenz tagt gerade jetzt, hier in New York City, wo ich in meiner Wohnung sitze. Es ist
die elfte Überprüfungskonferenz, und sie ist wirklich, wirklich umstritten. Peter und ich sind fast die
gesamten zweieinhalb Wochen dabei gewesen, seit sie läuft. Sie endet Ende nächster Woche, also
am zweiundzwanzigsten Mai. Peter und ich waren letzten Freitag gemeinsam bei einer
Begleitveranstaltung. Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus der Zivilgesellschaft und mit
gleichgesinnten Diplomatinnen und Diplomaten war für mich eine große Freude. Alles andere war
sehr schwierig. Ich denke, Sie können sich vorstellen, dass die erste Woche im Grunde mit der
allgemeinen Debatte ausgefüllt war.
Und was da eigentlich passiert ist – mehr als alles andere – war, dass die verschiedenen Seiten sich
gegenseitig die Schuld gegeben haben. Man kann sich das ja vorstellen: Wer gibt den USA die
Schuld für das, was im Iran passiert? Wer beschuldigt den Iran, wer Russland, wer China, richtig? Es
war einfach dieses ständige Hin und Her, dieses gegenseitige Fingerzeigen, statt wirklich darüber
nachzudenken, was sie gemeinsam haben, was sie zusammen erreichen wollen und wie sie ihre
Unterschiede überbrücken könnten. Und vor allem, wie sie einen Weg finden könnten für dieses
Abkommen über die Nichtverbreitung von Atomwaffen – das übrigens auch Verpflichtungen zur
nuklearen Abrüstung enthält.
Und das sind die wichtigsten Punkte, die im Bereich der Nichtverbreitung nicht erfüllt wurden. Die
Staaten, die diesem Vertrag vor Jahrzehnten beigetreten sind, haben keine Atomwaffen
weiterverbreitet. Das einzige Land, das tatsächlich Mitglied des Vertrags war, dann ausgetreten ist
und anschließend Atomwaffen entwickelt hat, war Nordkorea. In diesem Sinne war der Vertrag also
ein Erfolg. Auf der Seite der Abrüstung allerdings – also bei den fünf Staaten, die offiziell als
Atomwaffenstaaten anerkannt sind, nämlich die USA, Russland, das Vereinigte Königreich,
Frankreich und China – ist klar, dass sie nicht abgerüstet haben. Im Gegenteil, sie entfernen sich
zunehmend von allem, was auch nur im Ansatz nach einem Weg zur Abrüstung aussieht. Ich lasse
es an dieser Stelle dabei und gebe vielleicht Peter die Gelegenheit, noch etwas zum aktuellen
Kontext hinzuzufügen.
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#Pascal
Ja, Peter, wie nimmst du eigentlich die Überprüfungskonferenz des NVV wahr? Und nur zur
Einordnung für alle, die zuhören: Der NVV, also der Vertrag über die Nichtverbreitung von
Kernwaffen, ist wahrscheinlich das wichtigste, eines der letzten verbliebenen echten
Nuklearabkommen, die wir noch haben. Es ist ein multilateraler Vertrag, und fast alle Staaten sind
dabei. Er ist das zentrale Element, um die Zahl der Atomwaffenstaaten einstellig zu halten. Im
Moment sind es neun. Die Vereinigten Staaten behaupten immer wieder, Iran wolle ebenfalls eine
Atombombe – das wäre dann Nummer zehn. Aber Iran sagt nach wie vor: Nein, das wollen wir nicht.
Wir wollen einfach nur die Vorteile des Atomwaffensperrvertrags – also das Recht, ein ziviles
Nuklearprogramm zu haben, vor allem für Energie und medizinische Zwecke. Ganz genau. Und sie
behaupten ja, dass das ihr Recht ist, oder, Peter? Aber es ist ja nicht so, dass der Vertrag von
Anfang an ein Spaziergang war. Die Verhandlungen haben zehn Jahre gedauert, und auch die
Überprüfungskonferenzen waren immer sehr schwierig. Wenn man die aktuelle Situation mit der
Geschichte des Vertrags vergleicht – wo, würdest du sagen, steht der Atomwaffensperrvertrag heute
als System, als globales Regime?
#Kuznick
Pascal, ich habe gerade ein Interview mit dem iranischen Sender Press TV abgeschlossen. Es war ein
schriftliches Interview, kein mündliches. Morgen oder in ein paar Tagen folgt dann noch etwas mit
ihnen. Aber dieses hier war schriftlich, und sie haben mir fünf große Fragen gestellt – über den
Atomwaffensperrvertrag, über Irans Rolle und Verantwortung, und über die Forderungen der USA,
dass Iran die Anreicherung vollständig aufgeben und sämtliches angereichertes Uran, auch das
hochangereicherte, außer Landes bringen soll. Weißt du, Iran steht dabei – sowohl moralisch als
auch rechtlich – eindeutig in einer viel stärkeren Position als die Vereinigten Staaten.
Aber Sie fragen, wo der Atomwaffensperrvertrag historisch steht – und ehrlich gesagt, er hängt nur
noch an einem seidenen Faden. Es gibt so viele Länder, die kurz davor sind, eigene Atomwaffen zu
entwickeln, oder zumindest glauben, dass sie ein Recht darauf haben und dass sie sie brauchen. Nur
um ein paar Beispiele zu nennen: Dreiundsiebzig Prozent der Menschen in Südkorea sagen,
Südkorea sollte eigene Atomwaffen besitzen. Vor Kurzem hat der polnische Präsident Duda erklärt,
Polen brauche eigene Atomwaffen. Selenskyj hat gesagt: Entweder lasst uns der NATO beitreten
oder gebt uns Atomwaffen. Und in Japan gibt es eine starke Strömung, die seit Jahren fordert, dass
auch Japan eigene Atomwaffen haben sollte.
Wir wissen, dass Japan über ein riesiges Plutoniumlager verfügt und sowohl wissenschaftlich als
auch technologisch in der Lage ist, sehr schnell Atomwaffen zu entwickeln. Man sagt manchmal,
Japan sei nur eine Schraubendrehung davon entfernt, eigene Atomwaffen zu besitzen. Wenn der
Iran tatsächlich damit beginnen würde, eine Atombombe zu testen oder zu entwickeln, dann würden
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Saudi-Arabien, die Türkei, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate sofort nachziehen –
wahrscheinlich auch noch andere Länder. Das System zur Kontrolle und Begrenzung der Verbreitung
von Atomwaffen ist im Moment also äußerst instabil. Und dann gibt es Länder wie Frankreich, die
anbieten, ihren nuklearen Schutzschirm auf den Rest Europas auszuweiten.
#Pascal
Hey, ganz kurze Unterbrechung: Ich wurde vor Kurzem von YouTube gesperrt. Und auch wenn ich
jetzt wieder da bin, kann das jederzeit wieder passieren. Deshalb: Bitte abonniert nicht nur hier,
sondern auch meinen Newsletter auf Substack. Die Adresse ist pascallottaz.substack.com. Den Link
findet ihr unten in der Beschreibung. Und jetzt geht’s weiter mit dem Video.
#Kuznick
Was wir in diesem Moment der Geschichte nicht sehen, ist, dass Menschen Diplomatie wertschätzen.
Wir sehen keine Verhandlungen. Wir sehen kein Suchen nach friedlichen Auswegen. In den letzten
Jahren ist Diplomatie fast schon zu einem Schimpfwort geworden. Das passierte unter Biden. Wissen
Sie, Biden hat, statt darüber nachzudenken, wie man Dinge diplomatisch lösen könnte, der Ukraine
ein hochentwickeltes Waffensystem nach dem anderen geliefert – obwohl er gesagt hatte, er wolle
nichts tun, was Russland dazu bringen könnte, Atomwaffen einzusetzen. Als er der Ukraine erlaubte,
die ATACMS-Raketen, die die USA geliefert hatten, für Angriffe tief im Inneren Russlands zu nutzen,
war das extrem gefährlich. Zwei Jahre zuvor hatte die CIA schon gesagt, sie halte es für fünfzig-
fünfzig, dass Russland Atomwaffen einsetzen könnte. Aber heute respektiert einfach niemand mehr
die roten Linien des anderen.
Menschen greifen wieder zu militärischen Mitteln, um diplomatische Probleme zu lösen. Und wir
bewegen uns als Planet und als Spezies gerade in die völlig falsche Richtung. Und es braucht gar
nicht viel, um das zu erkennen. Wissen Sie, eine der klügsten Widerlegungen der
Abschreckungstheorie, die ich je gehört habe, kam von niemand Geringerem als Fred Astaire.
Entschuldigung, was ist die Abschreckungstheorie? Was genau ist das? Die Abschreckungstheorie –
das sehen wir ja gerade. Am zwanzigsten August zweitausendvierundzwanzig wurden zwei
entscheidende Artikel veröffentlicht, beide am selben Tag. Einer in der New York Times, geschrieben
vom Chef-Sicherheitsexperten David Sanger. Darin hieß es, die USA bereiten sich darauf vor,
gleichzeitig einen dreifrontigen Atomkrieg gegen Russland, China und Nordkorea zu führen. Aber am
selben Tag erschien ein noch beunruhigenderer Artikel im Bulletin of the Atomic Scientists. Darin
stand, dass es zwei Schulen von Nuklearstrategen gibt.
Erstens gibt es die traditionelle Schule, die an die Abschreckungstheorie glaubt. Also daran, dass
man eine starke Fähigkeit zur Vergeltung mit Atomwaffen braucht – eine sogenannte
Zweitschlagfähigkeit – und genug, um den Gegner vollständig zu vernichten. Das soll sicherstellen,
dass niemand den anderen angreift, weil es abschreckend wirkt. Die zweite Schule dagegen glaubt,
dass ein Atomkrieg geführt und sogar gewonnen werden kann. Und sie sagt, mit moderner
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Technologie, mit künstlicher Intelligenz, neuer seismischer Technik und Cybertechnologie können die
Vereinigten Staaten heute