Jeff Rich argumentiert, dass die jüngste Wende der NATO — von manchen als „NATO 3.0“ bezeichnet — eine gefährliche Militarisierung Europas widerspiegelt, die die Vereinigten Staaten in eine verlängernde Konfrontation mit Russland zu verstricken droht. Indem er die gegenwärtigen Spannungen in einen tiefen historischen Kontext stellt, verfolgt er beständig antirussische Einstellungen bis in die Formierungen einer „Groß-Europa“-Vorstellung des 18. und 19. Jahrhunderts, imperiale Rivalitäten und wiederkehrende elitäre Netzwerke, die Politik und Medienrahmungen prägen. Rich hinterfragt reductionistische Erklärungen, die Europa einfach als US‑„Vasallen“ darstellen, und betont stattdessen eine wechselseitige, oft konfliktgeladene transatlantische Beziehung, in der Europa einerseits von amerikanischer Macht abhängig ist und diese andererseits auch einschränkt. Er hebt die soziale Prägung von Eliten, die Mobilisierung Osteuropas und lang andauernde ideologische Kampagnen — veranschaulicht durch Russophobie in der Vor- und in der Nachkriegszeit des Kalten Krieges — als zentrale Triebkräfte der aktuellen Feindseligkeit hervor. Rich steht „zivilisatorischen“ Paradigmen skeptisch gegenüber und
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## Einführung: Ein gefährlicher Bruch in Europas Sicherheitsdenken
Die jüngste Debatte um eine neue, schärfer geprägte NATO-Phase — von einigen Akteuren bereits als „NATO 3.0“ bezeichnet — markiert mehr als nur eine rhetorische Verschiebung. Aus der aufgezeichneten Unterhaltung mit Dr. Jeff Rich ergibt sich ein klares Bild: Europa verändert seine Sicherheitsstrategie in einer Weise, die das Risiko einer direkten Konfrontation mit Russland erhöht. Diese Veränderung ist zugleich politisch, kulturell und emotional aufgeladen. Sie speist sich aus historischen Erzählungen, institutionellen Loyalitäten und dem Bestreben, die eigene Autonomie gegenüber Washington zu behaupten — oder zumindest den Anschein davon zu wahren. Vor diesem Hintergrund wird die Frage dringlicher: Führt die Neubestimmung europäischer Sicherheitspolitik tatsächlich zu Abschreckung und Stabilität — oder zu einer Eskalationsspirale, die kaum noch kontrollierbar ist?
## NATO 3.0 und das Risiko direkter Eskalation
Die Rede von einer „NATO 3.0“ steht für einen Tiefenwandel: eine stärkere Europäisierung des Bündnisses, verbunden mit aggressiverer Rhetorik gegenüber Russland. In der Diskussion wurde deutlich, dass diese Neuformulierung nicht nur Symbolik ist. Sie signalisiert eine Bereitschaft, Russland als dauerhaften strategischen Feind zu definieren — eine Einordnung, die Dmitri Trenin und andere als quasi-Kriegerklärung interpretieren. Dr. Jeff Rich weist darauf hin, dass die politische Inszenierung des zuletzt gehaltenen Gipfels eher in Richtung Symbolpolitik ging — kurze Kommuniqués, starke Schlagworte —, während die tatsächlichen inneren Prozesse und Differenzen weniger sichtbar blieben. Dennoch sind die praktischen Konsequenzen nicht zu unterschätzen: Aufrüstung, stärkere militärische Integration Europas und die Absicht, die Vereinigten Staaten langfristig im Konflikt gegen Russland zu binden.
Daraus ergibt sich eine doppelte Gefahr. Erstens die konkrete militärische Eskalation: Mehr Waffen, mehr Übungen, engere Koordination können zu Missverständnissen und Zwischenfällen führen, die lokal beginnen, aber rasch eskalieren. Zweitens eine psychologische und narrative Eskalation: Wenn europäische Politik zunehmend auf die Vorstellung eines aggressiven, expansionistischen Russlands aufbaut, entsteht ein permanenter Feindbild-Mechanismus, der Kompromisse und Deeskalationsoptionen erschwert. Die historische Parallele, die in der Unterhaltung zur Sprache kommt — vor dem Ersten Weltkrieg entstandene Atmosphären gegenseitigen Misstrauens und Bündnissysteme — sollte hier nicht leichtfertig abgetan werden.
## Europa, USA und die Illusion vom Vasallentum
Ein wiederkehrendes Narrativ lautet: Europa sei nur der Vasall Washingtons, ein Anhängsel transatlantischer Interessen. Die Diskussion mit Dr. Jeff Rich verweist jedoch auf eine komplexere Realität. Ja, die USA sind der dominante militärische Akteur — und haben Strukturen geschaffen, die sie nutzen. Aber diese Dominanz bedeutet nicht automatisch vollständige Kontrolle. Indem europäische Staaten den USA ihren Willen in Fragen wie der Unterstützung der Ukraine oder dem Ausbau der eigenen Rüstungsindustrie abnötigen, demonstrieren sie auch eine eigene Handlungsfähigkeit. Europas Aufrüstung wird nicht ausschließlich von Washington diktiert; sie entspricht eigenen politischen Entscheidungen, wirtschaftlichen Interessen und inneren Machtkonstellationen.
Dr. Rich betont ein historisches Tauziehen zwischen europäischen Eliten und amerikanischen Interessen: Es ist ein Verhältnis von gegenseitiger Abhängigkeit, nicht totaler Beherrschung. Die USA benötigen europäische Basen, Logistik und politische Legitimation für weltweite Einsätze; Europa wiederum braucht amerikanische Sicherheitssubventionen und eine transatlantische Plattform für seine außenpolitischen Ambitionen. Das erklärt auch das ``Spiel'' um strategische Autonomie: Mal demonstrativ selbstbewusst, mal implizit von US-Druck gelenkt, agieren die Hauptstädte Europas nicht nur als Routinetreue der US-Interessen.
Diese Einsicht macht die Politik keineswegs harmloser. Vielmehr ist sie warnend: Wenn Europa seine Autonomie in einer Form definiert, die auf Konfrontation gegenüber Russland setzt, dann produziert dies eine eigenständige Dynamik, die weder leicht von Washington noch von Moskau allein gesteuert werden kann.
## Die tiefen Wurzeln des Antirussismus
Warum diese besondere Schärfe des europäischen Widerwillens gegen Russland? Die Diskussion enthüllt mehrere miteinander verwobene Ursachen. Erstens: historische Kontinuitäten. Die lange Geschichte des Kalten Krieges, die Fortexistenz institutionsübergreifender Denkweisen und sicherheitsbezogener Routinen haben ein dichtes Geflecht von Annahmen erzeugt, das Russland tendenziell als inhärente Bedrohung liest. Diese institutionelle Erinnerung wirkt über Jahrzehnte und prägt Eliten, Thinktanks und Medien.
Zweitens spielt die soziale und berufliche Struktur europäischer und transatlantischer Eliten eine Rolle. Wie in der Unterhaltung hervorgehoben, gibt es Netzwerke — aus Politik, Sicherheitsdiensten, Militär und Journalismus —, die sich gegenseitig reproduzieren. Innerhalb dieser „Wissensblasen“ werden Narrative verstärkt, und abweichende Sichtweisen werden marginalisiert. Dieses Phänomen erklärt, warum breite Bevölkerungsschichten in manchen Ländern andere Wahrnehmungen haben als die politischen und medialen Eliten.
Drittens kommt ein kulturelles Element hinzu: Die Konstruktion von „Zivilisation“ als politischer Linse. Russland wird vielfach nicht nur als geopolitischer Gegner, sondern als zivilisatorischer „Anderer“ bewertet — ein Deutungsmuster, das Moral und Zuschreibung vermischt. Wenn politische Strategien auf solchen Zivilisationsbegriffen beruhen, geraten Diplomatie und nüchterne Risikoabschätzung schnell in den Hintergrund zugunsten moralischer Unterscheidungen, die harte Maßnahmen rechtfertigen.
## Zivilisation, Realismus und die Politik der Angst
Ein besonders fruchtbarer Teil der Diskussion widmet sich der Frage, wie Begriffe wie „Zivilisation“ und „Realismus“ das politische Denken prägen. Die Zuschreibung zivilisatiorischer Überlegenheit gegenüber Russland führt zu einer doppelten Verkennung: Zum einen wird die Komplexität russischer Politik auf monolithische Feindbilder reduziert; zum anderen wird die eigene Handlungsmacht überschätzt. Realismus im klassischen Sinn — die nüchterne Abwägung von Interessen, Macht und Risiko — droht durch moralische Gewissheiten ersetzt zu werden.
Angst fungiert als politischer Treibstoff. Wenn Sicherheitsstrategien primär aus einem Gefühl permanenter Bedrohung gespeist sind, dann ist die Bereitschaft zu vorbeugender Härte und risikoreichem Einschreiten größer. Die Debatte macht deutlich, dass ein dauerhaftes Sicherheitsparadigma, das auf Abschreckung gegenüber Russland fußt, die europäischen Entscheidungsräume verengt und die Wahrscheinlichkeit unkontrollierter Eskalationen erhöht. Hier wäre eine dringende, auf Realismus basierende Neubewertung von Risiko, Strategien und Dialogkanälen notwendig — etwas, das in den aktuellen politischen Debatten jedoch zu kurz kommt.
## Australien, Migration und geopolitische Verflechtungen
Ein Aspekt, der in der Unterhaltung besonders hervorsticht, ist die Perspektive außerhalb Europas: Dr. Jeff Rich, aus australischer Sicht argumentierend, zeigt auf, wie weitreichend die Debatten über Russland sind. Australien teilt mit vielen westlichen Staaten die institutionellen und ideellen Bindungen an die von den USA geprägte Ordnung, doch die Länder jenseits des Atlantiks erleben die Folgewirkungen oft anders. Migration, Diaspora-Beziehungen und historische Verbindungen spielen eine Rolle bei der Wahrnehmung Russlands — und bilden zugleich Kanäle für alternative Narrative, die in europäischen Hauptstädten oft kaum Gehör finden.
Die Debatte über Migration wurde in der Unterhaltung ebenfalls gestreift: In einer Welt zunehmender Mobilität kann das Konzept der Sicher
Transcript
Die nächste Eskalation gegen Russland |
Dr. Jeff Rich
Jeff Rich, australischer Historiker und Schöpfer von The Burning Archive, spricht mit Pascal Lottaz
über die sich wandelnde Rolle der NATO, Europas wachsende militärische Haltung gegenüber
Russland und die Grenzen der Sichtweise des „US-Vasallen“. Sie zeichnen die Geschichte und
Emotionen hinter der antirussischen Stimmung nach, hinterfragen „Zivilisation“ als politische Linse
und untersuchen Australiens Verbindungen zu Russland, Migration und der von den USA geführten
Ordnung. Jeffs großartiges Interview mit Richard Sakwa: https://youtu.be/3KZNua1O4rY Links: The
Burning Archive Substack: https://jeffrich.substack.com The Burning Archive YouTube: https://www.
youtube.com/@theburningarchive Neutrality Studies Substack: https://pascallottaz.substack.com
Merch: https://neutralitystudies.com/shop Spenden: https://neutralitystudies.com/donate
Zeitmarken: 00:00 Einführung und NATO 3.0 09:25 NATO, Europa und US-Macht 21:47 Die tiefen
Wurzeln des Antirussismus 36:35 Zivilisation, Realismus und Angst 50:08 Australien, Russland und
Migration
#Pascal
Willkommen zurück, alle zusammen, zu Neutrality Studies. Heute gibt’s wieder ein Update mit Jeff
Rich, dem immer brillanten Historiker aus Australien, der das „Burning Archive“-Substack und den
YouTube-Kanal betreibt. Jeff, schön, dass du wieder da bist. Danke, Pascal, freut mich, hier zu sein.
Ja, und vielen Dank für deine großartigen Beiträge. Es ist wirklich spannend, wieder mit dir zu
sprechen, denn du hast in letzter Zeit viel geschrieben und veröffentlicht – vor allem über das, was
aus deiner Sicht auf der anderen Seite der Welt, in Europa, passiert. Die Russland–Europa-Affäre –
wie sieht das eigentlich aus australischer Perspektive aus? Viele von uns machen sich große Sorgen,
dass wir direkt in einen viel größeren Krieg zwischen Russland und der NATO hineinschlittern
könnten. Und du sprichst ja sogar von „NATO drei Punkt null“. Kannst du das vielleicht ein bisschen
erklären und sagen, wie das für dich aussieht?
#Jeff Rich
Ja, ich finde das wirklich ziemlich beunruhigend – dieses Risiko eines Krieges. Viele Leute vergleichen
die aktuelle Lage mit der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Der Historiker Odd Arne Westad hat ein
Buch veröffentlicht, das *The Coming Storm* heißt. Darin zieht er ähnliche Parallelen – zu dieser
Atmosphäre aus Angst, Misstrauen und Konkurrenz zwischen den Großmächten, die damals zum
Ersten Weltkrieg geführt hat. Und er warnt ernsthaft davor, dass sich so etwas wiederholen könnte.
Ich habe neulich auch mit Richard Sakwa gesprochen, der ebenfalls sehr besorgt ist. Er befürchtet,
dass der aktuelle Krieg in der Ukraine sich ausweiten könnte – vielleicht zu einem größeren Krieg
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zwischen Russland und Europa. Und wenn man sich einige der Reaktionen auf den jüngsten Gipfel in
Ankara anschaut, sowohl in der NATO als auch in Russland, dann könnte man meinen, dass das, was
die NATO selbst als „NATO drei Punkt null“ bezeichnet – also eine Art neue, stärker europäisierte
Version der NATO – fast schon wie eine Kriegserklärung an Russland wirkt.
Der russische Außenpolitik-Experte Dmitri Trenin hat einen Artikel veröffentlicht mit dem Titel *Die
gefährliche Logik der NATO 3.0*. Darin sagt er, NATO 3.0 bedeute Krieg – und dass Europa sich zum
ersten Mal seit 1945 selbst zum Feind Russlands erklärt habe, zu einem unerbittlichen Feind
Russlands. Das ist, finde ich, sehr, sehr beunruhigend. Sowohl die Rhetorik aus Europa, als auch
manche Äußerungen aus Russland. Und aus meiner Sicht auch das offensichtliche Vergessen, dass
die Vereinigten Staaten von Amerika das alles überhaupt erst begonnen haben – und dass die USA
nach wie vor der mit Abstand wichtigste militärische Akteur, die dominierende Militärmacht und der
eigentliche Architekt der NATO sind. Wenn also NATO 3.0 eine Kriegserklärung zwischen Europa und
Russland ist, dann ist das, denke ich, faktisch auch eine Kriegserklärung der USA an Russland. Und
ich habe das Gefühl, dass viel zu viele Menschen das gerade ausblenden.
#Pascal
Ja, was mich wirklich sehr beunruhigt, ist, dass man im Moment in Europa sieht, wie all die Leute,
mit denen man spricht – also die, die nicht in unserer eigenen Blase oder in unserem
Kommentatoren-Kreis sind – die Vorstellung völlig ablehnen, dass dieser ganze Ukrainekrieg im
Grunde von den Vereinigten Staaten provoziert wurde. Für sie ist völlig klar: Wir haben diesen Krieg,
weil Russland eine expansionistische, faschistische Diktatur ist, die ihr Territorium ausweiten will.
Und deshalb, sobald sie mit der Ukraine fertig ist, wird sie zwangsläufig nach Europa weiterziehen.
Selbst in der Schweiz, wenn ich dort mit Leuten oder mit Journalistinnen und Journalisten spreche,
fragen sie mich: Ist es überhaupt möglich, dass kleinere Staaten ohne Sicherheitsgarantien durch
größere Staaten existieren können? Ich meine, irgendwie müssen wir die Russen doch abschrecken,
oder?
Wenn wir sie nicht abschrecken, werden sie angreifen. Und selbst den Schweizern muss ich erklären:
Schaut, wenn ihr euch mit den Russen anfreundet, wenn ihr mit allen befreundet seid, dann müsst
ihr sie ja gar nicht abschrecken, oder? Abschreckung braucht man nur gegenüber Feinden. Aber
wenn man seine Sicherheitsstrategie auf der Logik von Freundschaften aufbaut, dann landet man bei
etwas, das eher dem ähnelt, was Oman hat – also Partnerschaften in alle Richtungen, auch mit Iran.
Aber diese Idee ist in Europa völlig verschwunden. Wie, glauben Sie, wirkt sich das jetzt auf die Art
und Weise aus, wie die Europäer ihre Zukunft sehen – nicht die ferne, sondern die unmittelbare, die
der nächsten paar Jahre? Wie deuten Sie die Signale, die derzeit aus Europa kommen?
#Jeff Rich
Also, die Signale, die vom Gipfel in Ankara mit der NATO-Erklärung ausgegangen sind, waren – na
ja, abgesehen vom Dank an den Gastgeber – ziemlich knapp. Fünf Absätze, weniger als fünfhundert
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Wörter. Wenn man das vergleicht mit dem Gipfel in Vilnius vor ein paar Jahren: Damals gab es ein
Kommuniqué von rund vierzig Seiten, sehr umfassend, mit Themen wie dem Indopazifik und, na ja,
der weltweiten Rolle der NATO. Der Gipfel in Ankara dagegen hat, sagen wir mal, ein Kommuniqué
hervorgebracht, das wohl eher der aktuellen Aufmerksamkeitsspanne des US-Präsidenten entspricht.
Ich denke, eines der Dinge, die man aus diesem NATO-Gipfel mitnehmen kann, ist: Es gibt diese
theatralische und rhetorische Inszenierung, die man in der Erklärung deutlich sieht. Aber es ist
deutlich schwieriger zu erkennen, was darunter eigentlich passiert – also, welche echten Prozesse,
welche wirklichen Übereinstimmungen oder auch Differenzen es im Hintergrund gibt.
Und es gibt da ganz offensichtlich... also, auch wenn es da eindeutig eine ziemlich kämpferische
Partei gibt. Aber die wichtigsten Punkte, die Europa meiner Meinung nach aus diesem NATO-Gipfel
hervorheben wollte, waren erstens: Man erklärt sozusagen einen präventiven Sieg in der Ukraine.
Alexander Stubb hat im Grunde gesagt, die Ukraine gewinnt den Krieg. Alles, was sie tun muss, um
zu gewinnen, ist zu überleben. Denn Putins Ziel war es, die Ukraine zu zerstören. Wenn die Ukraine
also überlebt, dann hat sie gewonnen. Das ist natürlich eine ziemlich niedrige Messlatte. Aber ich
verstehe das auch so, dass man damit die Vereinigten Staaten stärker an die fortgesetzte
Unterstützung der Ukraine bindet.
Und dann gibt es das zweite große Ergebnis: Europa soll wieder aufgerüstet werden. Das ist dieser
ganze Prozess der Militarisierung, der in gewisser Weise auch den Zielen der USA entspricht – also
höheren Verteidigungsausgaben und einer stärkeren Rüstungsindustrie in den Vereinigten Staaten.
Aber die Europäer haben auch gesagt, dass sie schon beim vorherigen Gipfel in Den Haag die
Verpflichtung zu fünf Prozent Verteidigungsausgaben eingegangen sind. Und bei diesem Gipfel ging
es nun darum zu zeigen, dass sie das auch umsetzen können. Zwischen den Zeilen frage ich mich
allerdings, ob das nicht auch bedeutet, dass es beim nächsten Gipfel – nach den Zwischenwahlen in
den USA – vielleicht ein bisschen Rückschritte geben wird. Vielleicht wird man dann sagen: Ja, wir
haben versprochen, das umzusetzen, aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich in genau dieser
Form passieren wird.
Trotzdem ist dieses ganze Aufrüstungs- und Militarisierungsthema, das sich am Ukraine-Modell mit
Drohnen orientiert – also Krieg zu führen, ohne eigene Verluste, zumindest aus europäischer Sicht –,
ein ganz wesentlicher Bestandteil davon. Und dann gibt es noch ein drittes Element: die Vereinigten
Staaten dauerhaft in den Krieg gegen Russland einzubinden. Die NATO und die meisten
europäischen Staaten sagen im Grunde, Russland ist der Feind, und wir werden nicht zulassen, dass
die USA sich wieder zurückziehen, so wie Trump das in den letzten anderthalb Jahren versucht hat –
also sich einseitig aus dem Ukraine-Krieg herauszuziehen. Das scheint die aktuelle Linie zu sein. Ich
bin mir nur nicht sicher, ob das auf Dauer wirklich tragfähig ist.
#Pascal
Hey, nur eine ganz kurze Anmerkung. Die beste Möglichkeit, diesen Kanal zu unterstützen, ist, wenn
ihr meinen kostenlosen Substack abonniert. Ihr könnt dort auch mit einem bezahlten Abo helfen,
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oder ihr schaut euch unser neues Merch auf neutralitystudies.com an. Die Links findet ihr unten. Wir
sehen uns dort. Was hältst du von Brian Berletics Argument, dass die USA sich insgesamt so ein
bisschen aus der NATO zurückziehen? Also, diese Geschichte, dass die USA Druck auf die Europäer
ausüben und sich selbst herausnehmen wollen – dass das alles im Grunde nur eine Tarnung ist für
eine andere Strategie, über die sie ja auch gesprochen haben: die Arbeitsteilung. Europa soll für das
amerikanische Imperium gegen Russland kämpfen, während die USA ihre Truppen verlagern und
eine neue Front eröffnen.
Ich meine, sie haben ja offensichtlich eine weitere Front mit Iran eröffnet. Aber das große Ziel, von
dem sie träumen, ist natürlich China – was völlig verrückt ist. Doch diese Leute sind Psychopathen.
Und wir können uns da absolut sicher sein, denn sie veröffentlichen immer noch diese Thinktank-
Studien, White Papers und ähnliche Papiere über eine dritte Front, über einen Krieg mit China. Und
Brian Berletic sagt natürlich, das Ganze sei nur Show. Der eigentliche Punkt bei der US-Behauptung,
man ziehe sich zurück, ist nur, die Europäer dazu zu bringen, mehr zu investieren oder mehr Geld
für Waffen auszugeben – Waffen, die sie dann hauptsächlich in den Vereinigten Staaten bestellen.
Alles unter dem Vorwand, man müsse jetzt selbst mehr tun.
Strategische Autonomie, richtig? Und dann, ein paar Jahre später, lesen wir wieder, dass das
Verhältnis zwischen der NATO und Europa sich deutlich verbessert hat und alles wieder wunderbar
ist. Und immer, wenn sie wollen, dass die Europäer von fünf auf sechs oder sieben Prozent gehen,
tun sie einfach so, als würden sie sich zurückziehen – also ein ständiges Spiel. Auf der anderen Seite
gibt es aber Leute, die Donald Trump wirklich so verstehen, dass er die Vereinigten Staaten im
Grunde aus der NATO herauslösen und sich auf den nordamerikanischen Kontinent zurückziehen will.
Auf welcher Seite liegt Ihre Einschätzung?
#Jeff Rich
Also, ich denke, beide Argumentationsrichtungen beruhen eigentlich auf einem falschen Verständnis
davon, was die NATO als Bündnis ist und wie das Verhältnis zwischen den USA und Europa wirklich
funktioniert. Diese ganze Idee von „es ist alles nur Fassade“ oder dass die Amerikaner alles
dominieren – das, finde ich, übertreibt deutlich den Einfluss der USA. Man hört ja oft dieses „Europa
ist nur ein Vasall“ und ähnliche Aussagen. Aber wenn Europa wirklich Vasallen wären, dann hätten
sie ihren angeblich übermächtigen Herrn in den letzten anderthalb Jahren ziemlich geschickt
ausgespielt. Denn am Ende haben sie die Vereinigten Staaten genau in die Position gebracht, die sie
wollten – nämlich, dass die USA weiter fest zum Krieg in der Ukraine