Dr. Daniel Bell argumentiert, dass westliche Zuschreibungen Chinas als bloß „autoritäres“ Regime eine eigenständige politische Tradition fehlinterpretieren, die sich am treffendsten als unvollkommene politische Meritokratie beschreiben lässt und in Jahrtausenden chinesischen Denkens wurzelt. Er hebt Chinas dreistufige Regierungsführung hervor: lokale Wahlen und Partizipation auf Basis kommunaler Beteiligung, experimentelle mittlere Führungsebenen mit Beförderungsmaßstäben (Wachstum, Armutsbekämpfung, Umwelt) und die Spitzenführung, die durch lange Karrieren in vielfältigen Ämtern hervorgebracht wird — idealerweise nach Kompetenz und Tugend ausgewählt und auf kollektiver Deliberation beruhend. Bell betont kulturelle Fehlinterpretationen — etwa dass „Harmonie“ verwaltete Vielfalt und nicht erzwungene Gleichschaltung bedeute — sowie Übersetzungsfehler, die westliche Wahrnehmungen verzerren. Die Kernlegitimation des Regimes, so führt er aus, gründet eher in der Sicherstellung materiellen Wohlstands und politischer Stabilität als in der Verbreitung einer Ideologie; Korruptionsbekämpfung, Ungleichheit und ökologische Herausforderungen prägen die politischen Prioritäten. Während er reale
Article
## Vorschau & Einführung
Die gängige Westperspektive, China sei entweder Demokratie oder Autokratie, übersieht ein grundlegendes politisches Experiment: ein groß angelegtes, historisch verwurzeltes System, das man als politische Meritokratie beschreiben kann. In der vorliegenden Gesprächsaufnahme mit Prof. Daniel Bell entfaltet sich die These, dass China weder ein einfacher „Autokrat“ noch ein gescheitertes Abbild westlicher Demokratien ist. Vielmehr handelt es sich um einen staatszentrierten Apparat, der auf der Suche nach Ordnung, materieller Verbesserung und Kontinuität liegt — und der sich dabei in einem Spannungsfeld zwischen Tradition, Modernisierung und pragmatischem Staatskalkül bewegt. Diese Analyse will die wichtigsten Einsichten aus dem Gespräch aufnehmen, sie kontextualisieren und die Implikationen eines Denkens jenseits der binären Demokratiedefinitionen ausloten.
## Zentrale westliche Missverständnisse über China
Ein zentrales Missverständnis, das im Gespräch wiederholt kritisiert wird, ist die einfache Dichotomie „Demokratie vs. Autokratie“. Im westlichen Diskurs werden sehr unterschiedliche Regimearten — von Familienherrschaften über Militärdiktaturen bis zu Chinas komplexem Parteistaat — mit demselben Etikett belegt. Diese Verallgemeinerung verhindert ein präzises Verständnis der inneren Logik chinesischer Politik. Prof. Bell macht deutlich, dass diese Verkürzung sowohl analytisch als auch politisch problematisch ist: Sie leistet den vielfältigen Mechanismen und historischen Begründungen, die das chinesische System prägen, keinen Abbruch, sondern verzerrt sie.
Ein weiteres sprachliches Missverständnis betrifft Begriffe wie „Harmonie“ oder „Propaganda“. Übersetzungen und Konnotationen führen in westlichen Ohren schnell zu negativen Bildern. „Harmonie“ etwa wird voreilig mit Konformität verwechselt, obwohl das konfuzianische Ideal eher „Vielfalt in Harmonie“ meint — eine Form des politischen Ausgleichs, die Pluralität nicht negiert, sondern kanalisiert. Ebenso greift die automatische Gleichsetzung institutioneller Kommunikationsarbeit mit „Propaganda“ zu kurz; eine präzisere Übersetzung wie „Öffentlichkeitsarbeit“ oder „Kommunikation“ würde weniger suggestiv wirken und den funktionalen Charakter solcher Institutionen besser treffen.
## Wie China regiert wird: Ein dreistufiges System
Die chinesische Staatsführung lässt sich nicht mit einem einheitlichen Mechanismus erklären; sie operiert auf unterschiedlichen Ebenen mit unterschiedlichen Auswahlverfahren. Prof. Bell skizziert ein dreistufiges Modell: lokale Ebenen, mittlere Ebene und Spitzenpolitik. Auf Dorf- oder Gemeindeebene existieren vielfach tatsächlich wahlähnliche Verfahren; dort ist die Nähe zur Bevölkerung groß und Persönliches, Korruption oder Kompetenz leicht erkennbar. Auf mittleren Ebenen wird experimentiert: Performance-Indikatoren wie Wirtschaftswachstum, Armutsbekämpfung, Umweltverträglichkeit oder Innovationsfähigkeit konkurrieren als Maßstäbe für Beförderung. Diese „Laboratorien der Politik“ erlauben Variation und Lernen in einem großen System.
An der Spitze schließlich dominieren langjährige Dienstbiographien: Führungskräfte durchlaufen Jahrzehnte an Verantwortungsstationen in reichen und armen Provinzen, in staatlichen Unternehmen und administrativen Funktionen. Das Ziel ist eine abgestufte Rekrutierung, die Erfahrung, Leistung und — idealerweise — moralische Eignung kombiniert. Diese vertikale Differenzierung erklärt, warum die einfache Erwartung, überall gleiche Wahlmechanismen anzuwenden, in einem Land dieser Größe wenig stichhaltig erscheint. Die chinesische Antwort lautet: unterschiedliche Instrumente für unterschiedliche Aufgaben und Ebenen.
## Führung an der Spitze: Das Politbüro & Xi Jinpings Rolle
Die Debatte um die Konzentration von Macht an der Spitze ist im Gespräch ein deutliches Thema. Theoretisch sieht das System kollektive Führung und konsultative Entscheidungsprozesse vor: ein Politbüro, ein Ständiger Ausschuss, ein Verfahren der inneren Selektion aus einer Vielzahl erfahrener Kader. In der Praxis hat sich die Macht jedoch zugunsten einer dominanteren Führungsfigur verändert, vor allem seit der Verfassungsänderung, die Amtszeiten flexibilisierte.
Prof. Bell betont zugleich, dass es unangemessen ist, die chinesische Führung als einfache „Ein-Mann-Diktatur“ zu bezeichnen. Auch wenn eine Person mehr Autorität akkumuliert, bleibt die Spitzenführung in gewisser Weise kollektiv organisiert — zumindest in der Form. Beratungen, interne Abstimmungsdynamiken und die Notwendigkeit, verschiedene Interessengruppen und Provinzen zu integrieren, begrenzen autokratische Alleingänge. Die Schwierigkeit für Außenstehende besteht darin, Transparenz über diese internen Prozesse zu bekommen; dennoch ist die strukturelle Einbettung von Macht im Parteiapparat ein entscheidender Unterschied zu klassischen Diktaturen.
## Die Politik hinter Chinas Wirtschaftswunder
Ein Kernmotiv der Legitimität in China ist die materielle Verbesserung der Bevölkerung. Im Gespräch wird deutlich, dass die Armutsbekämpfung und wirtschaftliche Entwicklung über Jahrzehnte als primäre Bewährungsprobe staatlicher Kompetenz galten. Diese Orientierung hat sowohl die Auswahlkriterien für lokale und regionale Führungen geprägt als auch die politischen Prioritäten insgesamt.
Gleichzeitig hat das Wachstumssystem Nebenwirkungen erzeugt — Umweltzerstörung, soziale Ungleichheiten, regionale Disparitäten. In den mittleren Ebenen des Systems laufen daher Experimente: Manche Regionen belohnen strengere Umweltstandards, andere fokussieren Armutsbekämpfung oder Technologieförderung. Diese Vielfalt an Anreizen ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines adaptiven Systems, das politisch Risiken eingeht, um Lernprozesse zu ermöglichen. Die Frage bleibt allerdings, wie flexibel und nachhaltig diese Lernprozesse angesichts zentraler Steuerungsinteressen tatsächlich sind.
## Ein zivilisatorischer Staat: Chinas fehlender „missionarischer Impuls“
Ein überraschender, aber zentraler Punkt in der Diskussion ist die Abwesenheit eines missionarischen Expansionsimpulses in der chinesischen politischen Tradition. Anders als viele westliche Staaten, die historisch sowohl religiöse als auch ideologische Mission zur Legitimation imperialer Politik nutzten, hat China traditionell keinen starken Drang gehabt, sein politisches Modell weltweit zu exportieren. Prof. Bell macht deutlich: Die Priorität lag immer auf innerer Ordnung, Harmonie und der Minimierung materiellen Leids innerhalb der eigenen Grenzen. Internationale Kooperation erscheint opportunistisch und pragmatisch — Partnerschaften mit anderen Großmächten zur Lösung globaler Probleme sind möglich, doch ein aggressiver Export von Institutionen oder Werten gehört nicht zur historischen DNA.
Das bedeutet nicht, dass China international völlig zurückhaltend ist; vielmehr wirkt das außenpolitische Verhalten oft zentriert auf Interessen, Stabilität und Kooperation statt auf ideologische Mission. Diese Perspektive verändert die Interpretation von Initiativen wie der Belt-and-Road-Initiative: weniger als weltweite Rekrutierung für ein politisches Modell, mehr als strategische Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik, eingebettet in eine staatszentrierte Logik.
## Die Herausforderung der Einheit & das Hören auf die öffentliche Meinung
Ein dauerhaftes Problem für einen riesigen, diverse Staat ist die Frage nach Einheit und Legitimität. Prof. Bell weist darauf hin, dass die chinesische Regierung ihre Legitimität zu einem erheblichen Teil über Wirkungsnachweise — Verbesserung des Lebensstandards, Stabilität, Ordnung — sichert. Doch Legitimität kann auch durch Resonanz mit der öffentlichen Meinung gestärkt werden. In diesem Spannungsfeld entstehen Steuerungsdilemmata: Wie viel Partizipation ist nötig, um Vertrauen und Anpassungsfähigkeit zu sichern, ohne die Entscheidungsfähigkeit und langfristige Planung zu untergraben?
Der Apparat reagiert auf diese Herausforderung durch
Transcript
Peking will die Welt nicht beherrschen
Warum besteht der Westen darauf, China durch die vereinfachende Brille „Demokratie vs. Autokratie
“ zu betrachten? Ist es möglich, dass Chinas politisches System keine gescheiterte Version unseres
eigenen ist, sondern etwas grundlegend anderes – eine einzigartige „politische Meritokratie“ mit
tiefen historischen und kulturellen Wurzeln? Um darüber und mehr zu sprechen, unterhalte ich mich
heute mit Dr. Daniel Bell, Professor und Lehrstuhlinhaber für Politische Theorie an der juristischen
Fakultät der Universität Hongkong. Professor Bell hat zahlreiche bedeutende Werke über China
verfasst, darunter „The China Model: Political Meritocracy and the Limits of Democracy“. Das
politische System Chinas und die weitverbreiteten Missverständnisse darüber im Westen stehen
heute im Mittelpunkt unseres Gesprächs. Basierend auf seinen jahrzehntelangen Erfahrungen als
Lehrender und Lebender in China beleuchten wir die differenzierte Realität des dreistufigen
politischen Systems, in dem auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Methoden zur Auswahl von
Führungskräften – von lokalen Wahlen bis hin zu meritokratischer Beförderung – angewandt werden.
Wir gehen außerdem auf tiefgreifende kulturelle Missverständnisse ein, etwa die wahre Bedeutung
von „Harmonie“ (Vielfalt) im Gegensatz zu „Gleichheit“, warum China keinen „missionarischen Impuls
“ hat, sein politisches Modell zu exportieren, und wie die zentrale Legitimität der Regierung darauf
beruht, dem Volk materielles Wohlergehen zu verschaffen. Links: Daniel Bells aktuelle Bücher:
https://www.amazon.com/stores/author/B000AQ2HHS/allbooks Neutrality Studies Substack:
https://pascallottaz.substack.com Goods Store: https://neutralitystudies-shop.fourthwall.com
Kapitelmarken: 00:00:00 Vorschau & Einführung 00:01:40 Zentrale westliche Missverständnisse über
China 00:07:49 Wie China regiert wird: Ein dreistufiges System 00:14:20 Führung an der Spitze: Das
Politbüro & Xi Jinpings Rolle 00:21:57 Die Politik hinter Chinas Wirtschaftswunder 00:29:20 Ein
zivilisatorischer Staat: Chinas fehlender „missionarischer Impuls“ 00:33:19 Die Herausforderung der
Einheit & das Hören auf die öffentliche Meinung 00:41:07 Warum „totalitär“ das falsche Wort für
China ist
#M3
Welche Sprache wir auch verwenden, China ist ein riesiger Staat, aber einer, der diesen
missionarischen Impuls nicht hat. Vielleicht ist das wieder eine christliche Tradition, oder vielleicht
haben in jüngerer Zeit Demokratien diese Ansicht, dass wir unsere Ideale in der ganzen Welt
verbreiten wollen. China hatte im Grunde nie diesen starken missionarischen Impuls. Zuerst wollen
wir Ordnung und Harmonie sichern und materielle Not in unserem großen Staat minimieren. Das
wird die zentrale Frage sein. Und dann könnten wir vielleicht darüber nachdenken, mit anderen
Ländern zusammenzuarbeiten, insbesondere mit großen, mächtigen Ländern, um die Probleme der
Welt anzugehen. Aber die Vorstellung, dass China seine politischen Ideale exportieren möchte, ist
der chinesischen politischen Tradition ziemlich fremd.
-- 1 of 17 --
#M2
Hallo zusammen. Hier ist Pascal von Neutrality Studies, und heute spreche ich mit Dr. Daniel Bell,
Professor und Lehrstuhlinhaber für politische Theorie an der juristischen Fakultät der Universität
Hongkong. Professor Bell hat viele bedeutende Werke über China verfasst, darunter „The China
Model“, „Political Meritocracy“ und „The Limits of Democracy“. Das politische System Chinas und
gängige Missverständnisse darüber im Westen sind die Themen, über die wir heute sprechen
möchten. Also, Dr. Bell, herzlich willkommen.
#M3
Danke. Ich freue mich auf unsere Diskussion.
#M2
Ich auch, denn ich wollte das chinesische politische System schon seit einiger Zeit diskutieren. Sie
haben mehrere Bücher darüber geschrieben, nicht nur eines, und Sie leben, wie Sie mir in unserem
vorherigen kurzen Gespräch erzählt haben, seit fast 30 Jahren größtenteils in China. Können Sie uns
vielleicht sagen, was die Hauptmissverständnisse über China sind, wenn wir es aus westlicher
Perspektive betrachten?
#M3
Nun, ich denke, ein Hauptmissverständnis besteht darin, dass wir – und mit „wir“ meine ich die
westlichen Gesellschaften – dazu neigen, die Welt in demokratische Regime und autoritäre oder
autokratische Regime zu unterteilen. Demokratien sind diejenigen, die ihre Führungskräfte nach dem
Prinzip „eine Person, eine Stimme“ wählen, und alle anderen gelten als autokratisch oder autoritär.
Dabei machen wir keinen grundlegenden Unterschied zwischen beispielsweise familiengeführten
Diktaturen wie in Nordkorea, Militärdiktaturen wie in Birma, familiengeführten Monarchien wie in
Saudi-Arabien oder dem, was in China geschieht. Ich denke jedoch, dass China ein grundsätzlich
anderes politisches System ist, sozusagen ein ganz anderes „politisches Tier“. Es handelt sich um ein
äußerst komplexes bürokratisches System, das – so unvollkommen es auch sein mag – dennoch
Mechanismen besitzt, die darauf abzielen, öffentliche Amtsträger mit überlegener Fähigkeit und
Tugend auszuwählen und zu fördern.
Deshalb verwende ich den Begriff „politische Meritokratie“ im chinesischen Kontext, der tief in der
chinesischen Geschichte verwurzelt ist, um das politische System zu charakterisieren. Aber es
beschreibt ein Ideal, und es gibt eine große Kluft zwischen dem Ideal und der Praxis, richtig?
Genauso wie wir—nun, ich komme aus Kanada, aber denken wir an die USA. Es ist eine Demokratie,
aber auch dort gibt es eine große Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit. In China ist es ähnlich. Ich
würde es also als eine höchst unvollkommene politische Meritokratie bezeichnen. Aber wir müssen
dennoch diese Art von Sprache verwenden, um China von anderen Systemen zu unterscheiden, in
-- 2 of 17 --
denen die Spitzenführer nicht durch Wahlen bestimmt werden. Das ist, denke ich, ein häufiges
Missverständnis.
Ein weiteres Beispiel ist, dass im Zusammenhang mit den dominanten Idealen der chinesischen
politischen Kultur das Wort „Harmonie“ oft verwendet wird. Zum Beispiel wurde bei der
Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2008 in Peking dieses Schriftzeichen, das üblicherweise mit
„Harmonie“ übersetzt wird, als zentrales Element der chinesischen Kultur präsentiert. Im Englischen
jedoch, insbesondere im politischen Kontext, hat „Harmonie“ oft einen etwas unheimlichen Beiklang,
weil wir dabei eher an Gleichförmigkeit oder Konformität denken. Tatsächlich geht das chinesische
Verständnis von Harmonie jedoch auf das konfuzianische Ideal zurück, bei dem klar zwischen dem,
was wir als „Vielfalt in Harmonie“ übersetzen können, und Gleichförmigkeit oder Konformität, was im
Chinesischen als „tong“ bezeichnet wird, unterschieden wird.
Es gibt da eines der berühmtesten Zitate aus den Analekten von Konfuzius, das besagt, dass
vorbildliche Menschen Vielfalt und Harmonie anstreben, statt Gleichheit oder Konformität, während
kleinliche Menschen, diese Xiaoren, das Gegenteil tun. Im Chinesischen denkt man bei Harmonie
sofort an Unterschiedlichkeit, Vielfalt und Pluralismus. Die Frage ist, wie wir diese Vielfalt und
Verschiedenheit so denken können, dass eine Art Versöhnung möglich wird – oder vielleicht sogar
etwas, das mehr ist als die Summe der Teile, als Ideal. Alle verwendeten Metaphern
veranschaulichen das. Zum Beispiel im Fall der Suppe sagt man: Wenn du nur Salz verwendest, dann
ist das tong, also Gleichheit. Aber wenn du Harmonie, also he, willst, dann brauchst du viele
verschiedene Zutaten, die auf schönere Weise miteinander vermischt werden.
Oder auch in der Musik – tatsächlich bedeutet Harmonie im Englischen, wenn man an Musik denkt,
dasselbe wie im Chinesischen: Wir denken an verschiedene Töne, die auf schöne Weise
zusammengefügt werden. Und in der Politik ist es im Text sehr explizit. Es bedeutet zum Beispiel,
dass der Herrscher im politischen Kontext die Ansichten verschiedener Berater anhören sollte, und
nur so kann man Fehler erkennen und Fortschritt ermöglichen. Das ist sehr, sehr klar, im Gegensatz
dazu, nur eine einzige Meinung zuzulassen. Einige der Probleme oder Missverständnisse entstehen
also durch Fehlübersetzungen dieser Ideale. Um darauf zurückzukommen: Als ich die Eröffnungsfeier
der Olympischen Spiele in Peking ansah, schaute ich NBC, diesen amerikanischen Fernsehsender,
und der Kommentator sagte: „Wow, schaut euch all diese Soldaten an, die im Gleichschritt
marschieren.“
Das ist Harmonie, oder? Offensichtlich ist das eher sarkastisch gemeint. Aber nein, das ist keine
Harmonie – das ist tong, das ist Gleichheit und Uniformität. Das ist das Gegenteil von diesem Ideal
der he. Das ist also ein Teil davon. Ich meine, manchmal gibt es Probleme mit Übersetzungen. Zum
Beispiel wurde shen chuan bu früher als „Ministerium für Propaganda“ übersetzt, was, wie du weißt,
auf Englisch absurd klingt. Es klingt so negativ, oder? Man denkt sofort an 1984 und George Orwell.
Inzwischen haben sie erkannt, dass das keine gute Idee ist. Jetzt wird es als „Abteilung für
Öffentlichkeitsarbeit“ übersetzt. Selbst „Öffentlichkeitsarbeit“ klingt nicht besonders gut.
-- 3 of 17 --
Wissen Sie, sollten wir wirklich der Meinung sein, dass die Regierung Öffentlichkeitsarbeit betreiben
sollte? Deshalb denke ich, dass, wenn diese Begriffe als etwas wie „öffentliche Beteiligung“ oder
„Kommunikation“ übersetzt würden, sie zumindest nicht sofort die falschen Assoziationen
hervorrufen würden. Einige der Missverständnisse entstehen also durch Fehlübersetzungen, aber
einige, um auf meinen ursprünglichen Punkt zurückzukommen, entstehen durch die Art und Weise,
wie wir politische Systeme nur in zwei Typen einteilen. Der eine ist die Demokratie, die politisch
legitim ist, und der andere ist das Autoritäre, das negativ und grundsätzlich illegitim ist. Ich denke
nicht, dass das eine hilfreiche Art ist, über das chinesische politische System nachzudenken.
#M2
Nein, es ist keine hilfreiche Sichtweise, die Welt in Gut und Böse, in Demokratien und Autokratien zu
unterteilen. Das ist eine sehr, sehr enge, vereinfachende und letztlich schädliche Art, die Welt zu
betrachten. Du hast auch darauf hingewiesen, dass wir innerhalb dieser unterschiedlichen
Regimetypen letztlich etwa 195 oder 200 Regime auf globaler Ebene haben. Und wenn wir das
weiter aufschlüsseln, gibt es innerhalb dieser Regime noch viel mehr Unterschiede. Das Interessante
an deinem Buch ist, dass du das chinesische politische System tatsächlich in mindestens drei
verschiedene Arten unterteilt hast, wie China gleichzeitig regiert wird, je nachdem, auf welcher
Ebene wir uns befinden. Könntest du das vielleicht erklären? Denn das ist wirklich faszinierend.
#M3
Ja, also wenn wir im Westen darüber nachdenken, wie politische Führungskräfte ausgewählt werden,
denken wir meistens, es gibt nur einen Mechanismus, nämlich Wahlen. Und das hängt weder von
der Größe des Landes ab, noch vom Niveau der öffentlichen Verwaltung. Egal, ob es sich um die
kleinste Gemeinde oder einen riesigen Staat handelt, man sollte das Prinzip „eine Person, eine
Stimme“ als Auswahlverfahren für Führungskräfte nutzen. Rückblickend, wenn man darüber
nachdenkt, fragt man sich: Warum eigentlich? Es erscheint so offensichtlich, dass zum Beispiel in
einer lokalen Gemeinschaft die Art und Weise, wie Führungskräfte ausgewählt werden—vielleicht
wissen die Menschen dort, wer die Führungspersönlichkeiten sind. Sie wissen, wer wahrscheinlich
korrupt ist. Sie wissen, wer fähig ist und wer ein netter Kerl ist. Und vielleicht macht es dann Sinn,
mehr, sagen wir, demokratische oder partizipative Mechanismen zur Auswahl von Führungskräften
zu nutzen.
Aber in einem riesigen Land wie China, wissen Sie, wo die politischen Spitzenführer zunächst einmal
Erfahrung auf unteren Regierungsebenen benötigen, um an der Spitze fundierte politische
Entscheidungen treffen zu können, müssen sie langfristige Entscheidungen treffen, die nicht nur die
aktuelle Bürgergeneration, sondern auch zukünftige Generationen bei Themen wie dem Klimawandel
betreffe