Basen fertig, Syrien noch nicht vorbei, Israel verzweifelt | Prof. Leila Hudson
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Im Zentrum dieses Austauschs verortet Professorin Leila Hudson die gegenwärtige Westasienregion als die größte geopolitische Transformation seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, angetrieben von Geografie, maritimen Engpässen und veränderten Großmachtrelationen. Hudson argumentiert, dass die Kontrolle über Wasserstraßen – insbesondere der Straße von Hormus – und Störungen im Erdöltransit die strategische Verwundbarkeit der USA offenlegen und eine Beschleunigung hin zu einer multipolareren regionalen Ordnung bewirken. Sie zieht Parallelen zur Suez‑Krise und sowjetischer Überdehnung und vertritt die Auffassung, dass US‑Politikversagen und die Entfernung erfahrener Diplomaten eine israelisch geführte Eskalation ermöglichten, die Iran dennoch mithilfe organisatorischer Tiefe, wechselseitiger Angriffe und regionaler Partnerschaften überstand. Die Golfstaaten, so schlägt sie vor, werden sich von einer exklusiven Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zurückziehen und vielfältige Ausrichtungen gegenüber Iran, China, Russland, Pakistan und Europa erproben. Syriens unsichere Entwicklung nach Assad und Persönlichkeiten wie Ahmad al‑Sharaa bleiben unvorhersehbare Faktoren, während
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Wir stehen an einem geopolitischen Knotenpunkt: Die jahrzehntelange amerikanische Vorherrschaft in Westasien wird nicht über Nacht zusammenbrechen, aber sie verliert sichtbar an Rückhalt und Legitimität — und das eröffnet Raum für neue Strategien, Allianzen und Risiken. Die Diskussion mit Prof. Leila Hudson macht deutlich, dass die gegenwärtigen Umwälzungen weniger ein singuläres Ereignis sind als das Produkt miteinander verwobener Faktoren: maritime Geografie, Ressourcenknappheit, imperiale Erschöpfung und regionale Akteure, die ihre Chancen nutzen. Dieser Artikel folgt den Themen der Unterhaltung, um zu zeigen, wie Wasserwege, Suez-Erinnerungen, israelisch‑iranische Dynamiken und Syriens Wandel zusammen das Bild einer sich neu ordnenden Region zeichnen.
## Naher Osten oder Westasien?
Die Frage nach der Terminologie ist mehr als semantisch: Sie reflektiert, wie man Räume historisch, politisch und methodisch begreift. Die Gesprächspartnerin plädiert für „Westasien“ als den angemesseneren Rahmen, weil dieser Begriff die imperialen Wurzeln des Ausdrucks „Naher Osten“ hinterfragt und zugleich erlaubt, Geographie, Diaspora und historische Verflechtungen zusammenzudenken. Die Umbenennung von Studiengängen und das Einordnen regionaler Forschung in globalere Kontexte sind symptomatisch einer akademischen und politischen Neuorientierung — nicht zuletzt, weil gegenwärtige Umbrüche nur verstanden werden können, wenn man Verbindungen über Sprach‑ und Staatsgrenzen hinweg verfolgt.
Das Gespräch macht zudem deutlich, dass eine rein nationenbasierte Geschichtsschreibung unzureichend ist. Vielmehr geht es darum, Muster über den Maschrek, Nordafrika und das iranische Zentrum hinweg zu identifizieren: Imperiale Kontinuitäten, Migration, Handelsrouten und transnationale Formen des Widerstands. Dieses breite, vergleichende Denken erlaubt eine analytische Flexibilität, die nötig ist, um die neue Konstellation in Westasien zu verstehen — eine Region, in der historische Relikte des Osmanischen Reiches, koloniale Grenzziehungen und moderne Staatsbildungen weiterwirken und sich neu arrangieren.
## Wasser, Engpässe und Hormus
Wasser ist mehr als ein Ressourcenthema; es ist ein strukturierender Faktor geopolitischer Macht. Die Straße von Hormus, Bab al‑Mandab, der Suezkanal und der Bosporus sind keine bloßen Punkte auf der Karte, sondern neuralgische Knoten der globalen Ökonomie. In der Diskussion wird herausgestellt, dass diese Engpässe Handelsströme, Energieexporte und damit Preisbildung auf den Weltmärkten unmittelbar beeinflussen. Wer die Kontrolle oder die Fähigkeit, den Durchlass zu stören, besitzt, hält Macht über weit entfernte Ökonomien.
Die jüngsten Ereignisse rund um Hormus illustrieren, wie verletzlich die weltwirtschaftliche Infrastruktur ist. Ein teilweiser oder vollständiger Ausfall dieser Routen produziert keine rein regionale Krise, sondern wirft Wellen bis zu den Verarbeitungs- und Konsumentenmärkten weltweit — bei Treibstoff, Düngemitteln und Chemikalien. Zugleich zeigt sich, dass maritimes Wissen und historische Kartographie strategische Bedeutung behalten; die Unterschätzung dieser Dimensionen hat schon immer strategische Fehler begünstigt.
## Imperium, Suez und regionaler Wandel
Historische Parallelen helfen, Gegenwart zu begreifen. Die Suezkrise von 1956 wird im Gespräch als ein treffendes Modell angeführt: Ein Moment, in dem imperialer Anspruch und regionale Selbstbehauptung kollidierten und schließlich die europäische Vorherrschaft in der Region infrage stellten. Dieses Ereignis verdeutlicht, wie geographische Nähe, nationale Mobilisierung und internationale Interesse zusammen einen Wendepunkt schaffen können. Es ist kein Automatismus, aber eine wiederkehrende Logik: Wenn ein externer Hegemon überdehnt ist und seine Instrumente an Wirksamkeit verlieren, entstehen Chancen für lokale oder regionale Herausforderer.
Im gegenwärtigen Fall bedeutet das: Die USA zeigen Anzeichen strategischer Erschöpfung — institutionell wie diplomatisch — und das hat konkrete Folgen für regionale Bündnisse. Stützpunkte, die lange als Schutzgarantie galten, erscheinen gleichzeitig als potenzielle Belastungen. Staaten am Golf suchen deshalb Alternativen, verteilen ihre Abhängigkeiten und testen neue Formen diplomatischer Balance. Das Ende der unangefochtenen Hegemonie führt nicht automatisch zu Chaos; vielmehr eröffnet es ein Feld für graduelle Neuordnungen, Verhandlungen und neue Machtbalancen.
## Israel, die USA und Iran
Die Beziehung zwischen Israel, den USA und Iran ist im Gespräch ein zentrales Spannungsfeld. Israel erscheint in diesem Kontext nicht nur als nationaler Akteur, sondern als Katalysator überregionaler Reaktionen. Die Rolle Washingtons ist dabei ambivalent: Obwohl Sicherheitsgarantien ausgesprochen wurden, hat die jüngste Entwicklung gezeigt, dass diese Garantien in ihrer Umsetzung begrenzt sind. Das schafft Raum für iranische Strategien, sich als regionaler Akteur zu konsolidieren — nicht unbedingt als direkter Ersatz für westliche Hegemonie, sondern als Knotenpunkt eines anderen Netzwerks von Einflussbeziehungen.
Iran verfolgt dabei keine bloß militärische Konfrontation, sondern eine Überlebensstrategie, die auf Regionalvernetzung, symbolischer Resilienz und Stärkung lokaler Allianzen basiert. Die Tatsache, dass es in kritischen Momenten standhält, wird als strategischer Sieg interpretiert; die Folge ist, dass andere Staaten die Kosten und Nutzen ihrer Orientierung gegenüber Washington neu abwägen. Israel wiederum operiert in einem Umfeld, in dem konventionelle Sicherheitslogiken zunehmend durch politische und wirtschaftliche Kalküle ergänzt werden — und das verändert die Spielregeln.
## Syrien, Assad und Iran im Vergleich
Syrien bleibt ein Schlüsselproblem: Der Krieg hat Staatsapparat, Gesellschaft und regionale Allianzen zerrissen, aber auch neue Formen lokaler Herrschaft hervorgebracht. Im Gespräch wird betont, dass eine simple Gleichsetzung von Assad und Iran die Komplexität übersieht. Während Iran als langfristiger regionaler Akteur agiert, ist Syriens interne Ordnung in einem Zustand andauernder Neujustierung. Assad mag formal die Kontrolle über zentrale Institutionen behalten, doch die Legitimität seines Regimes, die Ökonomie und die gesellschaftliche Struktur sind tiefgreifend verändert.
Die Aussicht auf „Syrien nach Assad“ rückt in den Mittelpunkt: Wer füllt die Lücke, welche lokalen Eliten gewinnen an Gewicht, und wie gestalten regionale Mächte ihren Einfluss? Ahmad al‑Sharaa wird im Gespräch als Figur genannt, die Aspekte einer internen Neuordnung repräsentiert — als Beispiel dafür, wie lokale Führungspersönlichkeiten Teil eines weit breiteren Prozesses sind, der nicht allein durch externe Mächte gesteuert wird. In dieser Phase sind hybride Ordnungen, informelle Netzwerke und internationale Abwägungen gleichermaßen maßgeblich.
## *Lines of Flight, Assemblages of Home*
Der letzte Themenstrang verlagert die Perspektive von Makropolitik zu den Menschen — insbesondere zu syrischen Frauen, die durch den Krieg vertrieben wurden. Die Forschung, die in dem Buchprojekt thematisiert wird, zeigt: Displacement ist nicht nur Verlust, sondern ein Prozess der Neuanordnung von Heim, Identität und sozialer Verflechtung. „Lines of Flight“ als Metapher fasst, wie Fluchtlinien neue Lebensräume und Versammlungen von Heimat hervorbringen. Diese Assemblagen bestehen aus Erinnerungen, materiellen Resten, Netzwerken von Verwandschaft und Solidarität sowie der kreativen Anpassung an neue Umgebungen.
Diese Perspektive ist politisch bedeutsam: Wer die Region verstehen will, muss die Erfahrungen derjenigen einbeziehen, die am meisten unter den Umwälzungen leiden. Flucht und Umsiedlung formen nicht nur individuelle Biographien, sie verändern Arbeitsmärkte, politische Einstellungen und lokale Machtkonstellationen. Feministische und anthropologische Zugänge leisten hier einen unverzichtbaren Beitrag, weil sie die Bruchlinien sichtbar machen, an denen sich kü
Transcript
Basen fertig, Syrien noch nicht vorbei,
Israel verzweifelt | Prof. Leila Hudson
Wir erleben die größte Veränderung in Westasien seit dem Fall des Osmanischen Reiches.
Professorin Leila Hudson, Anthropologin und Historikerin an der University of Arizona, spricht über
die Region, Wasserwege, die Straße von Hormus, den Niedergang der USA, Israels Rolle, Irans
Überlebensstrategie und die Zukunft der Golfstaaten. Sie untersucht außerdem Syrien nach Assad,
die Führung von Ahmad al-Sharaa, regionale Neutralität und ihr Buch über syrische Frauen, die
durch den Krieg vertrieben wurden. Links: *Lines of Flight, Assemblages of Home: Syrian Women
Displaced:* https://press.syr.edu/supressbooks/8621/lines-of-flight-assemblages-of-home-syrian-
women-displaced/ *Neutrality Studies Substack:* https://pascallottaz.substack.com *Merch:*
https://neutralitystudies.com/shop *Spenden:* https://neutralitystudies.com/donate Zeitmarken: 00:
00:00 Einführung 00:01:10 Naher Osten oder Westasien? 00:03:23 Wie man die Region untersucht
00:07:10 Wasser, Engpässe und Hormus 00:10:29 US-Politik und strategisches Scheitern 00:16:14
Imperium, Suez und regionaler Wandel 00:18:30 Golfstaaten und multipolare Ordnung 00:25:35
Israel, die USA und Iran 00:32:16 Irans Widerstandsstrategie 00:37:29 Syrien, Assad und Iran im
Vergleich 00:45:22 Ahmad al-Sharaa und Syriens Zukunft 01:01:50 *Lines of Flight, Assemblages of
Home*
#Pascal
Willkommen zurück bei „Neutrality Studies“. Heute spreche ich mit Professorin Leila Hudson,
Anthropologin und Historikerin, außerdem Vorsitzende unserer Fakultät an der Universität von
Arizona. Leila, herzlich willkommen.
#Leila Hudson
Vielen Dank. Ich möchte gleich zu Beginn klarstellen, dass alles, was ich heute hier sage,
ausschließlich meine persönliche, fachliche und wissenschaftliche Meinung ist – und in keiner Weise
die Position der University of Arizona, also meines Arbeitgebers, widerspiegelt.
#Pascal
Ja, natürlich. Alles, was wir in diesen Podcasts sagen, sind immer unsere eigenen Meinungen. Aber
es ist gut, dass du das noch einmal klarstellst. Du bist ja auch Wissenschaftler, und zwar mit
Schwerpunkt Westasien – genau darüber wollen wir heute sprechen. Du beschäftigst dich ja schon
seit vielen Jahren beruflich mit dem, was in der Region passiert, die manche immer noch Naher
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Osten nennen. Viele von uns verwenden inzwischen aber andere Begriffe. Kannst du mir vielleicht
zuerst ein bisschen was zur Terminologie sagen? Welchen Ausdruck bevorzugst du – Naher Osten
oder Westasien? Und zweitens: Wie schätzt du die aktuelle Entwicklung in der gesamten Region ein?
#Leila Hudson
Natürlich, wir wurden in den imperialen Konventionen des Nahen Ostens ausgebildet, und das ist
nach wie vor das, was unsere Studierenden und auch die Öffentlichkeit hier in den Vereinigten
Staaten am besten wiedererkennen. Aber Ihr Hinweis ist völlig berechtigt: In einem größeren und
weniger relativistischen Zusammenhang zu denken, ist sehr passend. Vor allem, weil der Moment
des Wandels, in dem wir uns gerade befinden, eng mit Geografie zu tun hat. Es ist ein Moment, in
dem das Imperium und der politische Status quo der letzten Jahrzehnte auf ganz deutliche Weise
sichtbar werden – durch den Konflikt um die Straße von Hormus und durch die geografischen
Faktoren, die so oft nur als Nebensache menschlicher Ereignisse betrachtet werden. Ihr Punkt ist
also wirklich gut getroffen.
Ich finde, „Westasien“ ist ein sehr passender Begriff, um das Thema anzugehen. Interessanterweise
wurde an der Universität von Arizona – aus meiner Sicht aus völlig falschen Gründen – die
langjährige Fakultät für Nahost- und Nordafrikastudien, in der ich meine ganze Karriere verbracht
habe, kürzlich in eine Fakultät für Globale Studien eingegliedert. Und zwar, wie gesagt, aus den
falschen Gründen – aus finanziellen Gründen, aus Spargründen und so weiter. Trotzdem kommt
diese Umbenennung zu einem passenden Zeitpunkt. Denn wenn wir über Migration sprechen, über
Diaspora oder auch über die Auswirkungen regionaler Geografie, dann ist es hilfreich, das Ganze in
einem planetaren oder globalen Rahmen zu betrachten. So können wir Bewegungen, Entwicklungen
und Veränderungen aus einer etwas distanzierteren, aber sehr aufschlussreichen Perspektive sehen.
#Pascal
Also, ich meine, die Art der Darstellung ist wirklich, wirklich wichtig – besonders in der Wissenschaft,
oder? Ich meine, wie man ein Thema angeht, bestimmt zu einem großen Teil, was man überhaupt
herausfinden kann. Wie bist du an das Thema Westasien herangegangen?
#Leila Hudson
Nun, ich bringe da auch ein familiäres Erbe mit. Ich bin halb Palästinenserin und halb – mangels
eines besseren Ausdrucks – Amerikanerin von Geburt. Meine Familie ist weit verstreut, über den
Libanon und Palästina hinweg. In den neunziger Jahren habe ich während meiner Dissertation in
eine syrische Familie eingeheiratet. Und als Anthropologin, auch mit einem sprachwissenschaftlichen
Blick, habe ich meine gesamte Laufbahn – und die Ausbildung meiner Studierenden – über
Nordafrika hinweg verbracht. Von Mauretanien bis zum Maschrek, bis nach Westasien. Ich habe dort
auch Studierende ausgebildet. Das Fachgebiet der Nahoststudien befasst sich ja mit Iran, mit der
Türkei und mit der arabischsprachigen Welt. Und ich habe das immer als eine hilfreiche, weite
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Perspektive empfunden – nicht unbedingt begrenzt durch Sprache, Kultur oder gar durch
Nationalstaat und Nationalismus. Es geht vielmehr darum, Muster und Dynamiken in der gesamten
Region zu erkennen, statt sich – wie wir Historikerinnen und Historiker das oft tun – nur auf eine
einzelne nationale Geschichte zu konzentrieren.
#Pascal
Ja, also, diese nationalen Geschichtserzählungen sind gerade im Fall von Westasien besonders
problematisch. Denn viele der heutigen Staaten sind im Grunde ein Erbe des Kolonialismus, des
Imperialismus. Viele dieser Länder, so wie sie heute existieren, gab es vor hundertfünfzig Jahren gar
nicht. Das Osmanische Reich war damals sehr bedeutend und so weiter. Aber es gibt auch dieses
Thema, das du schon angesprochen hast: Man kann Westasien eigentlich nicht wirklich von
Nordafrika trennen. Wenn man die Geschichte des Libanon von der Geschichte Algeriens loslöst,
verpasst man einen ganz entscheidenden Punkt. Wie kann man das alles überhaupt
zusammenbringen? Denn wir sind ja auch irgendwie daran gewöhnt, die Kontinente getrennt
voneinander zu betrachten, oder?
#Leila Hudson
Ja. Also, man kann das Ganze natürlich aus einer sehr klassischen, anglo-amerikanischen
Perspektive betrachten – von der sogenannten Nahost- und Nordafrika-Region bis hin zum weiteren
Mittleren Osten. Und im Laufe meiner Karriere habe ich mich dem Thema immer wieder
unterschiedlich genähert. Mal stand für mich die arabischsprachige Welt im Mittelpunkt, mit all ihren
vielen verschiedenen Dialekten. Ein anderes Mal habe ich den Blick auf die Regionen gerichtet, die
weitgehend, aber natürlich nicht ausschließlich, vom Islam geprägt sind. Je nach Fragestellung kann
man das also ganz unterschiedlich rahmen – über Kultur, Religion, Sprache, Geografie oder auch
über die Dynamiken von Imperien, von heutigen und früheren Nationalstaaten. Aber wir müssen
auch die nichtstaatlichen Akteure und Formen des Widerstands betrachten, die sich, wie man sieht,
über die gesamte Region hinweg bewegen und vernetzen. All das gehört, denke ich, mit dazu.
#Pascal
Hey, nur eine ganz kurze Anmerkung. Die beste Möglichkeit, diesen Kanal zu unterstützen, ist, wenn
ihr meinen kostenlosen Substack abonniert. Ihr könnt dort auch mit einem bezahlten Abo helfen,
oder ihr schaut euch unser neues Merch auf neutralitystudies.com an. Die Links findet ihr unten. Wir
sehen uns dort. Wie wichtig ist für dich das Thema Wasser, die Ozeane? Denn eines ist ja klar: Das
Mittelmeer verbindet viele dieser Orte – wenn nicht sogar alle – und auch der Pazifik spielt eine
Rolle. Ich war echt überrascht, als ich gemerkt habe, dass das Reich von Oman sich bis nach
Madagaskar erstreckte. Das ist so... Moment, ja, bis nach Madagaskar. Ja, bis nach Madagaskar.
#Leila Hudson
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Nein, nein. Also, auf jeden Fall nach Ostafrika.
#Pascal
Entschuldigung, nach Tansania, nach Tansania. Nach Sansibar, also nach Ostafrika. Ja, sorry,
Sansibar, nicht Madagaskar – nach Sansibar. Aber das war riesig. Und das ist natürlich eine maritime
Verbindung, nicht so sehr über Land.
#Leila Hudson
Nicht so sehr eine Landverbindung. Also, wenn ich meine Einführungsvorlesung für amerikanische
Studierende halte, die, aus vielerlei falschen Gründen, muss man sagen, oft ziemlich ahnungslos
sind, was Geografie, Weltgeschichte und solche Dinge angeht, dann beginne ich tatsächlich mit
einem Thema: Wasser. In all seinen Formen. Als Quelle des Lebens, als Grundlage der
Landwirtschaft. Und als die Basis, auf der die Zivilisationen des Nahen Ostens offenbar einen
Vorsprung hatten – weit vor vielen anderen Regionen der Welt –, gerade wegen des allgemeinen
Mangels an Wasser.
Und dann, innerhalb dieses Rahmens, geht es darum, wie wichtig Flusssysteme für die Bewässerung
sind, aber auch für Handel und Transport – und ebenso die Küsten- und maritimen Systeme. Das ist
eine sehr hilfreiche Perspektive, um nicht unbedingt beim Land zu beginnen, und auch nicht
unbedingt bei den Menschen – obwohl die Menschen natürlich sehr schnell ins Bild kommen –,
sondern um die Geografie von Wasser und Klima als ein verbindendes, transportierendes und
kulturell prägendes System zu betrachten. Ganz genau. Ich unterrichte seit vielen Jahren meinen
Einführungskurs über die Kulturen des Nahen Ostens. Und als Teil der geografischen Grundlagen –
das mache ich jedes Mal – gibt es ein kleines Quiz über die maritimen Engpässe der Welt.
Und ich arbeite mit Studierenden, die – wie gesagt – meist Erstsemester in den USA sind, aber auch
viele internationale Erstsemester, darunter viele aus dem Nahen Osten. Sie sind oft noch ganz
unbedarft, was die Geografie betrifft, die ja so strategisch und prägend ist. Deshalb haben wir eine
ganze Vorlesung, die mit der Straße von Hormus beginnt, dem Bab al-Mandab, dem Suezkanal und
besonders auch der Bosporusstraße. In dieser Vorlesung geht es darum, den Studierenden zu
zeigen, wie eng diese historischen Wasserwege mit der heutigen Weltwirtschaft verbunden sind, die
auf Erdöl und anderen Kohlenwasserstoffen basiert.
#Pascal
Ich nehme an, der aktuelle US-Präsident hat nie an Ihrer Vorlesung teilgenommen, oder? Nein, nein.
Also, was halten Sie davon? Ich meine, eines der wirklich verblüffenden Ergebnisse dieser letzten
drei Kriegsmonate, also seit dem achtundzwanzigsten Februar zweitausendsechsundzwanzig, ist
doch, dass einem jetzt endgültig klar geworden ist: Die Straße von Hormus ist nicht einfach nur so
ein kleiner Ort, den man im Notfall umfahren kann. Wenn sie geschlossen ist, dann gibt es eben
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keine einfache Ausweichroute. Und die Tatsache, dass Donald Trump tatsächlich dieses
Memorandum of Understanding unterschrieben hat – das im Grunde genommen ein Dokument der
Kapitulation ist, so wie es formuliert wurde – zeigt doch, wie verzweifelt die USA inzwischen sind,
diese Handelsroute wieder zu öffnen. Können Sie dazu etwas sagen?
#Leila Hudson
Natürlich. Und eines der wenigen kleinen Trostpflaster in diesem letzten Semester war, dass ich
meinen vielen Studierenden immer wieder sagen konnte: Ihr seid jetzt in der Lage zu verstehen, wie
entscheidend die maritime Geografie in der heutigen Zeit ist – gerade für die erdölbasierte
Weltwirtschaft. Damit gehört ihr zu den am besten informierten Amerikanerinnen und Amerikanern
auf diesem speziellen Gebiet. Und obwohl ihr allgemeines Wissen oft eher begrenzt war, hat es mich
gefreut, sie mit diesem Kernwissen hinauszuschicken – zu ihren Freundinnen und Freunden, ihren
Familien, ihren sozialen Kreisen. Sie hatten im Januar und Februar schon ein Verständnis für die
Zusammenhänge, das den Rest der amerikanischen Gesellschaft später überraschen würde. Nämlich
dann, als k