Marcel Helfenstein vertritt die Auffassung, dass die Schweizer Neutralität als konkretes Schutzinstrument humanitärer Hilfe fungiert und nicht nur ein politisches Etikett ist. Ausgehend von über einem Jahrzehnt an Einsätzen — vom Tsunami 2004 über Libyen, Israel–Palästina bis zum Donbass — zeigt er auf, wie die Schweizer Neutralität schnellen Zugang, bürokratische Erleichterungen und relative Sicherheit an Kontrollpunkten ermöglichte, wodurch lebensrettende Logistik und Projekte wie grenzüberschreitende Lieferungen von Wasseraufbereitung in der Ostukraine realisierbar wurden. Helfenstein betont, dass Neutralität Vertrauen bei lokalen Behörden und Zivilpersonen auf beiden Seiten schafft und so erlaubt, gefährdete Bevölkerungsgruppen zu erreichen, denen sonst Hilfe verwehrt bliebe. Er warnt, dass die zunehmende operative Annäherung der Schweiz an die NATO und parteiische Positionen (z. B. Sanktionen) die externe Wahrnehmung der Neutralität untergraben, die humanitäre Glaubwürdigkeit schwächen und die Risiken für Schweizer Einsatzkräfte vor Ort erhöhen könnten. Letztlich argumentiert er, dass die Bewahrung einer unverkennbaren, praxisorientierten Neutralität die Fähigkeit der Schweiz
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## Neutralität als Lebensretter: Warum die Diskussion mehr ist als Staatsräson
Das Gespräch mit Marcel Helfenstein rückt Neutralität aus dem abstrakten Vokabular der Außenpolitik in das grelle Licht praktischer Existenz: Neutralität ist nicht nur ein völkerrechtlicher Status, sondern ein operationales Instrument, das unmittelbaren Einfluss auf Leben und Tod hat. Aus Helfensteins Erfahrung als langjähriger Katastrophenhelfer wird deutlich, dass Neutralität als Schutzschild Zugang schafft, administrative Wege öffnet und eine Sicherheitszone für Helfer und Zivilbevölkerung bieten kann. Wenn dieses Gut verloren geht oder nur noch halbherzig verteidigt wird, verliert ein Staat nicht nur Prestige, sondern reale Fähigkeiten, humanitäre Hilfe in umkämpfte Regionen zu bringen.
Neutralität erscheint auf den ersten Blick als geopolitische Positionierung ohne direkte Verbindung zum Rettungseinsatz vor Ort. Doch die Erzählungen aus Indonesien, dem Nahen Osten, Libyen und der Ostukraine zeigen: Entscheidungen in den Hauptstadtbüros wirken unmittelbar auf die Fähigkeit, Hilfsgüter zu liefern, Evakuierungen durchzuführen und Trinkwasserversorgung sicherzustellen. Die Kernfrage, die sich stellt, ist daher nicht nur, ob ein Land international als neutral gilt, sondern wie diese Wahrnehmung in Konfliktzonen konkret den Unterschied zwischen Zugang und Ausschluss macht — und damit zwischen Leben und Tod.
## Hintergrund der Schweizer Katastrophenhilfe: Milizsystem, Logistik und Zeitdruck
Die Schweizer Katastrophenhilfe operiert oft auf Milizbasis: Fachleute aus verschiedenen Berufen stellen sich für kurzfristige Einsätze zur Verfügung und müssen binnen Stunden zum Abflug bereitstehen. Helfenstein schildert den Logistikteil dieser Struktur als Schlüsselkompetenz. Während Ärzte und Bauexperten sichtbar an der Front stehen, ist es die Logistik, die entscheidet, ob diese Teams überhaupt arbeiten können. Ohne eine funktionierende Versorgungskette, ohne Transport und die nötigen Dokumente bleiben auch die besten Fachleute wirkungslos.
Diese Milizstruktur bringt enorme Flexibilität, verlangt aber zugleich persönliche Opfer: Berufstätige müssen rasch aus ihren Alltagspflichten gerissen werden. Entscheidend in der Praxis ist die Fähigkeit, vorausschauend zu planen — von der Sicherstellung eigener Versorgung bis zur Entsorgung medizinischer Abfälle. In schnellen Krisensituationen ist jede Verzögerung tödlich; jede politische Erschwernis, etwa durch ausbleibende Genehmigungen, multipliziert den Druck auf Teams. Hier zeigt sich, wie administrative und diplomatische Rahmenbedingungen die Effektivität humanitärer Einsätze unmittelbar beeinflussen.
## Neutralität als praktischer Zugang und Schutz in Kriegsgebieten
Neutralität funktioniert in der Praxis als Schlüssel für Verhandlungen mit lokalen Behörden und bewaffneten Gruppen. Helfensteins Berichte aus Libyen, dem Irak und dem Donbass illustrieren, wie ein neutraler Pass und offizielle Papiere von einer neutralen Regierung oft die einzige Eintrittskarte zu kontrollierten Gebieten sind. Regierungen und Milizen reagieren unterschiedlich auf ausländische Hilfsangebote; doch wenn ein Land als unbefangen gilt, öffnen sich Türen schneller, Checkpoints werden eher passiert, und administrative Hürden fallen weg.
Dabei geht es nicht nur um Effizienz, sondern um Sicherheit. Helferinnen und Helfer ohne den Schutz einer neutralen Identität riskieren, Opfer gezielter Angriffe oder willkürlicher Gewalt zu werden. Neutralität kann in diesen Situationen als „weiche Rüstung“ wirken: Sie signalisiert Unabhängigkeit von militärischen Allianzen und reduziert die Wahrscheinlichkeit, als verlängerter Arm einer kriegführenden Partei betrachtet zu werden. Verliert ein Staat diese Wahrnehmung — etwa durch politische Positionierungen oder militärische Kooperationen —, sinkt die Vertrauensbasis vor Ort drastisch und mit ihr die Fähigkeit, humanitäre Korridore zu sichern.
## Ukraine 2015: Schweizer Hilfe jenseits der Frontlinie
Das Praxisbeispiel der Trinkwasserversorgung im Donbass 2015 zeigt, wie Neutralität konkret Leben rettet. Unter der Ägide von Didier Burkhalter initiierte Projekte, die Wasseraufbereitung sowohl auf der Kiew-nahen als auch der Donbass-nahen Seite zu unterstützen. Helfenstein beschreibt die Operationen als logistischen Kraftakt: Hilfsgüter mussten durch mehrere Checkpoints, an Kontrollstellen vorbei und in ein Fragmentierungsfeld zwischen regulären Truppen und Freiwilligenbataillonen gebracht werden.
Entscheidend war hier nicht politisches Wohlwollen, sondern Glaubwürdigkeit. Schweizer Dokumente und der Pass erleichterten die Durchfahrt durch gesperrte Zonen. Dort, wo andere Akteure abgewiesen worden wären, konnten Schweizer Teams Anlagen wieder in Betrieb setzen, die für die Trinkwasserversorgung von Dutzenden von Gemeinden essenziell waren. Dass es sich dabei ausschließlich um Hilfe für Zivilisten handelte, unterstreicht den humanitären Kern solcher Einsätze: Es ging nie darum, Kriegsparteien zu stärken, sondern die Folgen bewaffneter Konflikte für die unschuldig Leidenden zu mindern.
## Die Komplexität des Donbass-Konflikts vor Ort: Perspektiven verstehen statt polarisieren
Vor Ort zerfasert die klare Rhetorik nationaler Narrative. Helfenstein schildert, wie Menschen auf der sogenannten pro-russischen Seite sich zugleich als Ukrainer fühlen und bitter enttäuscht waren von Kiewer Politik: Rentenzahlungen blieben aus, staatliche Dienste brachen zusammen, und sprachliche Identität wurde zur Zündschnur. Solche sozialen und wirtschaftlichen Brüchen nähren lokale Ressentiments und machen neutral vermittelte Hilfe so relevant.
Humanitäre Praxis verlangt daher mehr als bloße Logistik: Sie braucht Sprachkenntnis, kulturelles Verständnis und die Bereitschaft, die Perspektiven der Betroffenen zu hören, ohne sie ideologisch zu bewerten. Dieses „Verstehen statt Verurteilen“ schützt nicht nur vor Fehleinschätzungen; es baut auch Vertrauen auf, das für langfristige Stabilisierung unabdingbar ist. Die Einseitigkeit internationaler Berichterstattung und politischer Positionen kann diese Brücke zerstören und damit die Lebenslinien der Zivilbevölkerung kappen.
## Trinkwasserversorgung als Beispiel neutraler, lebensrettender Projekte
Wasser ist hier ein anschauliches Beispiel für die politische Neutralität humanitärer Hilfe: Trinkwassersysteme kennen keine Frontlinien. Wenn Pumpstationen ausfallen, elektrischer Strom ausbleibt oder Ersatzteile fehlen, leiden Menschen auf beiden Seiten. Die Reparatur einer Wasseraufbereitungsanlage nutzt folglich allen — und doch kann allein die Frage, wer die Hilfe initiiert, darüber entscheiden, ob diese Maßnahme möglich ist.
Solche Projekte sind politisch sensibel, weil sie Infrastruktur betreffen, die strategisch wirken kann. Dennoch sind sie aus humanitärer Sicht unersetzlich: Der Zugang zu sauberem Wasser reduziert Krankheiten, verringert Fluchtbewegungen und stabilisiert Gemeinden. Die Fähigkeit eines Landes, als neutraler Partner bei solchen Projekten aufzutreten, multipliziert seinen humanitären Effekt. Gleichzeitig zeigt es: Praktische Hilfe kann zur Deeskalation beitragen, wenn sie als unparteiischer Beitrag zur Lebenssicherung verstanden wird.
## NATO, Fremdwahrnehmung und die Zukunft der Schweizer Neutralität
Die aktuelle politische Entwicklung in vielen westlichen Ländern hat die Debatte um Neutralität neu entfacht. Helfenstein warnt davor, dass militärische Kooperationen und politische Solidaritätsbekundungen mit westlichen Alliierten die Wahrnehmung der Schweiz im globalen Süden verändern könnten. Außenpolitische Statements und noch harmlos erscheinende Übungen mit NATO-Staaten haben das Potenzial, das Bild einer unabhängigen, unparteiischen Schweiz zu erodieren.
Wichtig ist: Neutralität ist nicht nur eine Selbstzuschreibung, sondern entsteht im Urteil anderer. Wird die Schweiz von Konfliktparteien als Teil eines Blocks gesehen, verliert sie den Zugriff auf die Rolle des Vermittlers und
Transcript
Die Schweiz Verrät Ihre Neutralität – Und
Bezahlt Dafür Mit Menschenleben | Marcel
Helfenstein
Was bedeutet Neutralität wirklich, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen? Marcel Helfenstein,
ehemaliger Schweizer Katastrophenhelfer, berichtet aus erster Hand von Einsätzen in Kriegs- und
Krisengebieten – vom Nahen Osten bis in die Ukraine. Er zeigt, warum Neutralität kein abstraktes
Politwort ist, sondern ein Schutzschild, das Zugang schafft, Vertrauen ermöglicht und Leben retten
kann. Doch was passiert, wenn die Schweiz nicht mehr als neutral wahrgenommen wird? Helfenstein
warnt eindringlich vor NATO-Annäherung, politischer Einseitigkeit und dem Verlust einer
einzigartigen humanitären Rolle. Ein Gespräch über Krieg, Hilfe, Glaubwürdigkeit und die Zukunft der
Schweizer Neutralität. Unterstützen Sie uns: Abonnieren Sie unseren Newsletter: https://pascallottaz.
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/donate Timestamps 00:00 – Hintergrund in der Schweizer Katastrophenhilfe 06:42 – Warum
Schweizer Neutralität für humanitäre Einsätze wichtig ist 09:39 – Neutralität als praktischer Zugang
und Schutz in Kriegsgebieten 10:18 – Ukraine 2015: Schweizer Hilfe über die Frontlinie hinweg 18:05
– Die Komplexität des Donbass-Konflikts vor Ort 24:03 – Trinkwasserversorgung als neutrales
humanitäres Projekt 28:41 – NATO, Fremdwahrnehmung und die Zukunft der Schweizer Neutralität
34:28 – Schlussplädoyer: Neutralität als Werkzeug, um Leben zu retten und Konflikte zu deeskalieren
#Pascal
Willkommen zurück auf Neutrality Studies, heute wieder mal auf Deutsch, denn ich rede mit meinem
Schweizer Landsmann Marcel Helfenstein, einem ehemaligen Katastrophenhelfer. Lieber Marcel,
willkommen! Willkommen, danke dir mal für die Einladung. Freut mich, dass du zugesagt hast.
Könntest du uns vielleicht zu Beginn kurz erzählen, was denn die Katastrophenhilfe ist? Und du hast
vor Kurzem einen Artikel verfasst, warum Schweizer Neutralität wichtig ist, auch für diese
Katastrophenhilfe. Und das wollen wir heute besprechen. Aber fangen wir doch mit dir an und wie
du in der Katastrophenhilfe gearbeitet hast, was das ist und wie das so vor sich geht. Genau.
#Guest
Also ich war beim Bund, bei der Schweizer Regierung. Die humanitäre Hilfe, das ist der Arm der
Entwicklungshilfe, eigentlich von der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit, DEZA. Und die ist
angegliedert beim EDA, also beim Departement für Auswärtiges. Also von der offiziellen Schweiz
eigentlich der Arm der humanitären Hilfe, also bei Katastrophen oder Kriegsereignissen, wo es sofort
Hilfe braucht, und eben als Unterschied nicht diese Entwicklungszusammenarbeit, wo man
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langfristige Projekte, Aufbauarbeit leisten kann. Die Soforthilfe ist eigentlich eben die humanitäre
Hilfe in Katastrophen- und Kriegssituationen, den betroffenen Menschen zu helfen, das Überleben zu
sichern und Menschenleben zu retten.
Das habe ich lange gemacht, ja, zehn Jahre oder sogar mehr. War auch Mitglied der Rettungskette
Schweiz bei den Erdbeben, war aber nie im Einsatz. Welche Erdbeben? Eben, ich war nie im Einsatz,
aber ja, das war Algerien, das war das erste, habe ich aber verpasst aus beruflichen Gründen. Also
das muss ich auch sagen, das System, wie vieles in der Schweiz, ist auf Milizbasis. Wir alle haben
unseren Job in der Schweiz. Es ist organisiert mit Fachgruppen. Es gibt die Fachgruppe Medizin, da
sind die Ärzte dabei, oder die Fachgruppe Bau, die Bauingenieure, Fachleute. Und ich war in der
Fachgruppe Logistik für die Hilfsgüterlogistik und die Koordination von der Eigenlogistik, also dass
die Ärzte die Medikamente und die Güter dann hatten, um Menschenleben zu retten, genau.
#Pascal
Genau, in der Schweiz ist sehr viel auf Milizbasis organisiert. Das bedeutet, du hast einen festen
Beruf, in dem du arbeitest, ganz normal. Und wenn dann Not am Mann ist oder Not an der Frau und
etwas getan werden muss, dann rückst du ein und gehst dort in der Katastrophenhilfe arbeiten. Und
die Schweiz entsendet dann Leute, je nachdem, wo gerade etwas passiert und geholfen werden
muss. Und das alles ist dann unter der Schirmherrschaft unseres Außenministeriums, des
sogenannten EDA.
#Guest
Genau. Also es ist so, wenn ein Anruf kommt, dann muss man eigentlich innerhalb von zwölf
Stunden bereit sein, wegzufliegen. Es geht dann sehr schnell. Das sind sogenannte Sofort-Einsatz-
Teams. Und eben, da wird man angerufen, und dann kann man sagen: Nein, das geht jetzt
momentan nicht. Und dann gehen die Leute in Bern die Liste durch und rufen die Nächsten an. Und
so wird eigentlich immer wieder ein neues Team zusammengestellt aus der Not, wer gerade Zeit hat,
weil es ist dann wirklich eben der Zeitfaktor. Mein erster Einsatz war also im Januar 2005, nach dem
Tsunami im Dezember 2004, also in Fernost, Indonesien. Das hat es sehr stark getroffen, war nicht
so in den Schlagzeilen, weil nicht so viele westliche Touristen dort betroffen waren, oder anders als
in Thailand. Aber ja, das war zum Beispiel in der Stadt Banda Aceh am Westzipfel von Sumatra, mit
knapp über 100.000 Leuten, 70 % Zerstörung. Und genau da ist dann wirklich der Zeitfaktor: Da
muss man wirklich sehr schnell vor Ort sein, um Menschenleben retten zu können. Das ist sehr
wichtig, ja.
#Pascal
Und du warst dort zusammen mit anderen dabei und bist dann zum ersten Mal in diesen Einsatz
gekommen. Und wie läuft das dann ab? Also, ihr habt dann alle eure Spezialgebiete. Was ist dein
Spezialgebiet, und wo und wie kannst du in solchen Umgebungen dann Leute retten?
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#Guest
Also genau, mein Spezialgebiet ist die Logistik. Also ich bin gelernter Speditionskaufmann, habe
jahrelang in diesem Beruf gearbeitet, habe dann Weiterbildungen gemacht, war Abteilungsleiter und
so. Und dann eben in die Katastrophenhilfe gekommen, weil mich das interessiert hat. Das ist eine
neue Herausforderung, das ist natürlich sehr komplex, und der Zeitfaktor – oder es muss noch
schneller gehen als in der normalen Spedition. Und eben der Druck: Es hängen Menschenleben
daran, wie man arbeitet, wie gut und schnell man arbeitet. Und das war eines der Beweggründe.
Und ja, genau, eben das ist dann so: Man geht mit einem Team dorthin, und der Logistiker ist
eigentlich schon von – also ich möchte mich jetzt nicht über Ärzte oder so stellen, aber wenn der
Logistiker nicht schon im Voraus arbeitet, dann kann der Mediziner oder der Baufachmann vor Ort
nichts machen, weil er hat nichts außer seine zwei Hände.
Also die Hilfsgüterlogistik und auch die eigene Versorgung, die Logistik für die eigene Versorgung,
dass wir selber etwas zu trinken und zu essen und ein Zelt zum Übernachten haben, ist dann eben
eminent wichtig. Und da muss man sehr genau, schnell, präzise vorausdenken und auch eben
Zusammenhänge erkennen, damit man die potenziellen Stolpersteine im Voraus erkennt und schon
im Voraus lösen kann. Und dieses Zusammenhänge-Erkennen kommt mir wahrscheinlich ein
bisschen zugute jetzt, auch in anderen Themen, vielleicht eben auch in politischen Dimensionen,
wenn es zum Beispiel um Neutralitätsfragen geht.
#Pascal
Ja, reden wir jetzt darüber. Also du bist in dem Fall eben nicht der Arzt, der dann am Boden der
Tatsachen operiert, sondern du bist der, der schaut, dass der Arzt das Skalpell hat. Du bist der, der
schaut, dass der Strom vor Ort ist, das Zelt vor Ort ist. Also all diese Sachen, die nötig sind, damit
überhaupt erst gearbeitet werden kann. Inwiefern ist denn jetzt eigentlich die Schweizer Neutralität
dafür wichtig? Weil es gibt ja auch andere Länder, die Katastrophenschutz üben und machen und
anbieten und dann dort Einsätze leisten. Inwiefern bringst du dann die Schweizer Neutralität in
dieses Thema hinein?
#Guest
Genau, also eben, wie ich gesagt habe, es gibt Katastrophengebiete und eigentlich Kriegsgebiete,
wobei Kriegsgebiete auch Katastrophengebiete sind. Aber ein gewisser Zynismus ist nach 15 Jahren
oder 15 Einsätzen in 10 Jahren ein bisschen angeboren. Aber die Neutralität kommt dann in
Kriegsgebieten vor allem ins Spiel. Das war der erste Einsatz in Indonesien. Ich war dann viel im
Nahen Osten, weil es dort natürlich oft brennt. Israel ist in Südlibanon einmarschiert, das war damals
schon nicht zum ersten Mal, 2005 oder 2006, mussten wir Schweizer Bürger evakuieren über den
Libanon, also Libanon–Zypern. Und dann war ich 2009 in Israel-Palästina, wo Israel auch immer
noch oder immer wieder in Gaza einmarschiert und bombardiert hatte. Da war ich vor Ort. Ich war in
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Libyen, als dort der NATO-Angriffskrieg gegen Gaddafi stattgefunden hat, war ich im Osten, in
Benghasi.
Das war eigentlich eben gegen die Neutralität. Das war damals politisch so von der Außenministerin
ein bisschen gepusht. Und im Irak war ich zweimal nach diesen IS-Desastern in Syrien, Irak, in
diesem Kuchen dort. Und dort eben spürt man dann halt, die Neutralität ist eben etwas sehr
Praktisch‑Orientiertes, sehr etwas Hilfreiches. Es ermöglicht sehr viel, also es ermöglicht sehr viel,
und es gibt auch Schutz. Also es ermöglicht Zugang, es ermöglicht schnellen Zugang. Und das bietet
Schutz, damit man überhaupt vor Ort sein kann und Hilfe leisten kann. Das ist eines der
Zweischneidigen. Im positiven Sinn, die Neutralität habe ich so erlebt. Da kann ich gerne noch
ausholen.
#Pascal
Ja, solltest du. Es ist ja sehr spannend. Wir stellen uns dann manchmal vor, die Neutralität ist
einfach nur so ein Politikraum, der einem Land erlaubt, Geschäfte mit jeder Seite zu machen. Aber
du, der dort vor Ort war... Dir hat in dem Fall diese Schweizer Neutralität mehrfach geholfen,
Zugang zu bekommen und deine Arbeit erledigen zu können. Kannst du uns das ein bisschen
beschreiben? Hast du Beispiele, in welchen Fällen du wirklich sagen musstest: Zum Glück ist die
Schweiz neutral, und ich bin Teil davon und kann jetzt etwas tun?
#Guest
Genau, also es ist einerseits eben, wenn ich als Fachmann vor Ort arbeiten muss, mit den Ministerien
zusammenarbeiten muss, dann hat man einfach schnell Zugang, weil die Regierungen damals
zumindest wirklich noch gemerkt oder gewusst haben, die Schweiz ist neutral. Und dann hat man
einfach schneller Zugang zu den Leuten, zu den Ministerien und bekommt auch schneller Zugang,
dann die Dokumente oder die Zulassungen, um überhaupt die Hilfsgüter dann importieren, einfliegen
zu können. Das ist der eine, der Zeitfaktor. Dann gibt es eben auch die Sicherheit. Zum Beispiel in
der Ukraine war ich eben auch 2015. Didier Burkhalter war ja OSZE-Vorsitzender 2014, und er hatte
dann ein, finde ich auch, persönlich super Projekt aufgegleist mit Trinkwasserversorgung.
Die Frontlinie war damals – also es war ja damals noch offiziell Bürgerkrieg, auch schon im Donbass
– und dann haben wir Hilfsgüter geliefert für die Trinkwasseraufbereitung, die auf beiden Seiten der
Frontlinie, oder die Frontlinie war ein bisschen so verzackt und verzahnt, dass, wenn man die
Trinkwasseraufbereitungsanlagen wieder in Gang stellen konnte, dann eigentlich beide Seiten
profitiert haben, die auf der Kiew-Seite oder auf der Donbass-Seite. Und diese Hilfsgüter musste ich
auch begleiten, über Dnipropetrowsk bis Pokrowsk, das, was jetzt gerade in den letzten Wochen von
den Russen eingenommen worden ist. Und dort eben musste ich immer wieder Checkpoints, Armee-
Checkpoints, überschreiten, durchfahren, kontrolliert.
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Und ja, es ist dann eben so, also wenn man einen Schweizer Pass hat und die Dokumente von der
Schweizer Regierung vorweisen kann, abgestempelt, zum Beispiel von der Kiewer Regierung, aber
auch zum Beispiel in Libyen oder im Irak war es genau gleich, dann ist man schon ein bisschen
sicherer, weil eben zum Beispiel in der Ukraine damals 2015 noch nicht alles reguläre Armee war.
Das waren dann noch die freiwilligen Bataillone dort vor Ort. Die waren sehr aggressiv gegen
jegliche vermeintliche Unterstützung der Gegner, der vermeintlichen Russen-Unterstützer damals
schon. Und wenn man dann eben vorweisen konnte, am g