NATOs Kranke Pläne, Europa Zu Opfern | Rupp & Tunander

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Ola Tunander und Rainer Rupp behaupten, dass die NATO‑„nukleare Schutzschirme“ niemals einen schützenden Schild darstellten, sondern eine Strategie, die die Vernichtung auf europäisches Territorium exportieren würde. Sie zeichnen ihre Entwicklung von der MAD‑Logik des Kalten Krieges bis zur Stationierung taktischer Systeme (Honest John, Lance, Nike, Pershing II, Marschflugkörper) nach, die dazu bestimmt waren, konventionelle sowjetische Vorstöße durch Vorwärtsangriffe zu stoppen – oft auf deutschem, nordischem oder baltischem Gebiet – und damit Europa zum wahrscheinlichen nuklearen Schlachtfeld zu machen. Tunander hebt hervor, wie neutrale Staaten (Schweden, Schweiz, Norwegen, Finnland) in Planungen hineingezogen oder zur Abhängigkeit gezwungen wurden, während psychologische Operationen (z. B. U‑Boot‑Alarme) den Zugang zu Stationierungsorten erleichterten. Rupp betont, wie politischer Druck, Zweifel innerhalb des Bündnisses und die Miniaturisierung von Waffensystemen die nukleare Schwelle senkten und Dekapitierungsdoktrinen ermöglichten, die westliche Strategen in den 1970er–80er Jahren anstrebten. Beide argumentieren, dass die Abhängigkeit von verbündeten „Schirmen“ gegenseitige V

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## Einführung Was aus dem Gespräch hervorgeht, ist eine bittere Erkenntnis: Der sogenannte nukleare Schutzschirm war in Wahrheit nie ein Mittel zum Schutz Europas, sondern ein Instrument zur Projektion amerikanischer Interessen — eins, das Europa als möglichen Kollateralschaden einkalkulierte. Die Diskussion macht deutlich, dass Abschreckung nicht nur ein abstraktes Konzept war, sondern ein strategisches Kalkül mit konkreten Karten: Standorte, Reichweiten, Sprengkräfte und Einsatzregeln. Hinter den technischen Details verbirgt sich eine politische Entscheidung darüber, wo ein Krieg ausgefochten und wer für den Preis aufkommen sollte. Diese Einsicht zwingt zu einer Neubewertung dessen, was Neutralität, Bündnissolidarität und Sicherheitspolitik bedeuten — damals wie heute. ## Deutschland als nukleares Schlachtfeld Die Debatte legt offen, dass Deutschland faktisch als bevorzugter Raum für nukleare Einsätze vorgesehen war. Die Stationierung taktischer Atomwaffen und Kurzstreckenraketen machte klar, dass die NATO-Planer bereit waren, Kampfhandlungen und atomare Effekte direkt auf deutschem Boden zu akzeptieren, um strategische Ziele gegenüber dem Warschauer Pakt zu erreichen. Die Minaturisierung von Sprengköpfen und die Einführung von Systemen wie Honest John oder Lance senkten die Hemmschwelle für einen Einsatz. In der Konsequenz wird ein altes Paradoxon sichtbar: Wer sich unter einem „Schutzschirm“ wähnt, kann dennoch das Hauptopfer dieses Schutzes werden. Die Gesprächsteilnehmer zeichnen ein Bild, in dem Deutschland nicht nur als Frontstaat, sondern als vorgesehenes Schlachtfeld fungierte. Szenarien, die den Einsatz taktischer Atomwaffen gegen vorrückende Kräfte oder zur Unterbindung einer sowjetischen Offensive anvisierten, bedeuteten nichts Geringeres als die bewusste Planung massiver Zerstörung auf deutschem und mitteleuropäischem Territorium. Dass Bundeswehr-Einheiten Einsatzbefugnisse nur mit amerikanischer Genehmigung hatten, unterstreicht, wie wenig deutsche Souveränität in dieser Frage existierte — ein Umstand, der in politischen Debatten oft zu kurz kommt. ## NATO- Planung und die Zerstörung Europas Aus dem Austausch wird klar, dass NATO-Strategien während des Kalten Krieges nicht primär auf den Schutz europäischer Bevölkerungen zielten, sondern auf die Führung eines Krieges, dessen Kollateralschäden in Europa hingenommen wurden. Übungen, Einsatzpläne und die zeitweilige Geheimhaltung solcher Dokumente offenbaren ein Denken, das Zerstörung als notwendiges Mittel begreift. Die Existenz von „Nuklearminen“, tragbaren Atomwaffen und Raketenstellungen nahe der innerdeutschen Grenze illustriert, wie weitreichend diese Praxis war. Die logische Folge ist eine moralische und strategische Kritik: Abschreckung funktionierte zwar als Konfliktstabilisator, doch sie beruht auf der ständigen Bereitschaft, ganze Regionen zu opfern. Damit verschiebt sich die Diskussion von der abstrakten Legitimität nuklearer Waffen hin zu einer konkreten politischen Frage: Welche Staaten und Bevölkerungen sind bereit, den Preis zu zahlen, wenn Abschreckung versagt? Das Gespräch macht deutlich, dass diese Frage in den Planungen systematisch zugunsten transatlantischer Interessen beantwortet wurde. ## Sowjetische Pläne in der nordischen Region Die Auseinandersetzung über den Norden zeigt, dass das Nuklear- und Verteidigungsdenken nicht auf Mitteleuropa beschränkt war. In Nordnorwegen und Finnmark wurde die strategische Bedeutung der Kola-Halbinsel sowie der dort stationierten sowjetischen Flotten- und Luftkräfte klar erkannt. Die Annahme, dass die Sowjetunion Finnmark in einem groß angelegten Konflikt besetzen würde, führte zu Überlegungen, wie ein Krieg dort geführt werden müsste — einschließlich des Einsatzes von Atomwaffen auf dünn besiedelten Flächen. Die Diskussion über norwegische und nordische Fragestellungen offenbart ein weiteres Muster: Militärische Interessen rechtfertigen den Einsatz tödlicher Technologien in Gebieten mit besonderer Vulnerabilität, etwa in der Arktis oder an strategischen Flanken. Diese Planungen hatten nicht nur geostrategische, sondern auch ethische Implikationen, insbesondere für indigene Bevölkerungen und ländliche Gemeinden, die in solchen Kalkülen faktisch als Verfügungsmasse auftauchen. Das skandinavische Nachdenken über eigene Atomprogramme — und deren Aufgabe zugunsten des amerikanischen Schirms — zeigt die Zwickmühle kleinerer Staaten zwischen Selbstschutz und dem Preis, den ein „Schutz“ fordern kann. ## Nukleare Risiken in Europa heute Was aus den historischen Planungen folgt, ist eine anhaltende Vulnerabilität Europas gegenüber nuklearen Risiken. Auch wenn die Zahl und Sichtbarkeit taktischer Waffen heute reduziert ist, hat die technische Weiterentwicklung andere Gefahren hervorgebracht: genauere Präzisionswaffen, kürzere Vorwarnzeiten und neue Kommandostrukturen verschieben erneut die Risiken für ungewollte Eskalation. Die historische Bereitschaft, Europa als Raum konventioneller und nuklearer Wirkungen zu akzeptieren, hinterlässt eine Spuren-Ökonomie der Verwundbarkeit — Infrastrukturen, zivile Zentren, Ökosysteme und Staaten, die weiterhin als potenzielle Kampfgebiete betrachtet werden könnten. Der Austausch betont zudem die Problematik verdeckter Operationen und geheimer Planungen, die demokratische Kontrolle erschweren. Wenn Einsatzregeln, Lagerorte und Entscheidungsbefugnisse in geheimen Dokumenten zirkulieren, wird es für die Zivilgesellschaft schwierig, die Kostenabschätzung für Sicherheitspolitik nachzuvollziehen. Damit bleibt auch heute die Frage offen: Inwieweit sind politische Vertreter in Europa in der Lage, die eigenen Sicherheitsinteressen gegen transatlantischen Druck durchzusetzen — oder akzeptiert man erneut, dass Sicherheit auf dem Rücken europäischer Bevölkerung kalkuliert wird? ## Abschließende Gedanken zur Abschreckung Die Reflexionen der Diskussionen führen zu einer grundlegenden Kritik an der Idee der Abschreckung als Allheilmittel. Abschreckung hat in bestimmten historischen Kontexten Stabilität erzeugt, doch sie stützt sich auf die ständige Drohung massiver Gewalt und auf die Bereitschaft, massive Zerstörung in Kauf zu nehmen. Dies ist kein technisch-neutraler Mechanismus, sondern eine politisch-moralische Entscheidung darüber, wer geschützt wird und wer geopfert werden darf. Die Gespräche legen nahe, dass eine ernsthafte Neubewertung nötig ist: Weg von der reinen Reliquie kollektiver Abschreckungsdoktrinen, hin zu Strategien, die die Minimierung von Risiko für bewohnte Räume in den Mittelpunkt stellen. Dabei ist es wichtig, die Diskussion nicht in Nostalgie zu verfallen: Die historische Realität des „Schirms“ hat einmal funktioniert, weil die Strukturen beider Seiten auf gegenseitiger Vernichtung gebaut waren. Doch technische Entwicklungen, multipolare Spannungen und die Zunahme asymmetrischer Bedrohungen machen die traditionelle Form der Abschreckung brüchig. Die Konversation skizziert die Notwendigkeit, alternative Sicherheitskonzepte zu entwickeln — inklusive transparenterer Entscheidungsprozesse, verstärkter regionaler Souveränität in sicherheitspolitischen Fragen und ernsthafter diplomatischer Bemühungen, die das Risiko nuklearer Eskalation dauerhaft reduzieren. Die Debatte verweist zudem auf einen anderen, oft vernachlässigten Punkt: die politische Verantwortung, die mit dem Besitz und der Stationierung von Atomwaffen einhergeht. Nationale und Bündnisverantwortung müssen in einer Weise neu gedacht werden, die Zivilbevölkerung und moralische Grenzen in den Mittelpunkt rückt. Abschreckung darf nicht länger als Tauschhandel verstanden werden, bei dem territoriale Verwundbarkeit gegen geopolitische „Stabilität“ eingetauscht wird. Abschließend bleibt die Erkenntnis, dass die Geschichten, Anekdoten und dokumentierten Planungen nicht nur historische Fußnoten sind. Sie sind Warnungen für die Gegenwart. Die strategischen Paradigmen, die Europa einst als Schlachtfeld akzeptierten, wirken nach —

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NATOs Kranke Pläne, Europa Zu Opfern | Rupp & Tunander Der „nukleare Schirm“ war schon immer ein kranker Witz, bei dem der Schirm selbst die schmutzige Arbeit der Vernichtung des Ortes übernehmen würde, den er eigentlich „sauber halten“ sollte – frei von feindlichen Kräften. Heute spreche ich mit Ola Tunander, Professor emeritus am Peace Research Institute Oslo, und Rainer Rupp, ehemaliger NATO-Analyst und DDR-Spion, über die wahre Bedeutung des US-amerikanischen nuklearen Schirms. Wir diskutieren Abschreckung, taktische Nuklearpläne in Deutschland und Norwegen, Schwedens alte Bombendebatte, Pershing-Raketen, Able Archer und das Risiko, dass Europa erneut zum Hauptschauplatz eines nuklearen Krieges werden könnte. Links: Ola Tunander Substack: https://olatunander.substack.com Rainer Rupp: https://www.rainerrupp.de Neutrality Studies Substack: https://pascallottaz.substack.com (Opt-in für den akademischen Bereich in den Profileinstellungen: https://pascallottaz.substack.com/s/academic) Merch: https://neutralitystudies-shop.fourthwall.com Spenden: https://neutralitystudies.com/donate Zeitmarken: 00:00:00 Einführung 00:00:50 Ursprünge des nuklearen Schirms 00:07:56 Deutschland als nukleares Schlachtfeld 00:13:48 Schweden und Norwegen unter dem Schirm 00:20:58 NATO- Planung und die Zerstörung Europas 00:23:41 Französische und britische nukleare Grenzen 00:28:35 Sowjetische Pläne in der nordischen Region 00:35:17 Pershing-Raketen und Able Archer 00:43:57 Nukleare Risiken in Europa heute 00:48:57 Geheimoperationen außerhalb der NATO 00:51:54 Abschließende Gedanken zur Abschreckung #Pascal Willkommen zurück, alle zusammen, zu „Neutrality Studies“. Mein Name ist Pascal Lottaz, und heute habe ich die große Freude, zwei herausragende Köpfe bei mir zu haben: Ola Tunander, emeritierter Professor am Friedensforschungsinstitut in Oslo, und Rainer Rupp, ehemaliger NATO-Chefanalyst und Spion für die DDR. Ola, Rainer, herzlich willkommen. #Tunander Danke. #Pascal Sehr gern. Schön, euch beide wiederzusehen. Es ist wirklich toll, dass ihr heute hier seid, denn ich habe ja schon mit euch beiden einzeln gesprochen. Und erst neulich, Rainer, haben wir beide uns unterhalten, woraufhin Ola darauf reagiert und auf seinem Substack einen Artikel geschrieben hat – über ein Thema, das wir heute vertiefen sollten: den amerikanischen nuklearen Schutzschirm. Gibt es ihn überhaupt? Du hast in diesem Artikel ja betont, dass viele Vorstellungen darüber, was dieser -- 1 of 18 -- Schutzschirm ist oder nicht ist, eigentlich ziemlich falsch sind. Darüber würde ich gern noch mehr sprechen. Aber vielleicht frage ich zuerst dich, Rainer. Fangen wir mit dir an: Woher kommt eigentlich die Idee des nuklearen Schutzschirms? Und als du bei der NATO gearbeitet hast – wie wichtig war dieses Thema damals? #Rupp Fangen wir mit der ersten Frage an. Woher kommt das eigentlich? Der nukleare Schutzschirm ist eng, also wirklich eng, mit dem Konzept der Abschreckung verknüpft. Das heißt: Wenn ich getroffen werde, dann schlage ich zurück. Ich habe die Eskalationsdominanz. Und wenn nötig, schlage ich mit einer Atomwaffe zurück. Jetzt müssen wir hier aber unterscheiden: Atomwaffen als letztes Mittel, Atomwaffen als politisches Druckmittel – so wie Israel das schon seit einiger Zeit praktiziert – und Atomwaffen als Abschreckungsinstrument, damit der andere, also der Gegner, gar nicht erst auf die Idee kommt, seine eigene Atomwaffe einzusetzen. Diese Art oder dieser Aspekt der Abschreckung hat während des Kalten Krieges ziemlich gut funktioniert – relativ gut –, auch wenn es eine ganze Reihe von Versuchen gab, vor allem aus den Vereinigten Staaten, von amerikanischen Kriegstreibern, die mit diesem Konzept unzufrieden waren. Für sie war es wie ein Korsett, das ihre offensiven Ideen in anderen Bereichen einschränkte. Die ursprüngliche Idee, also in den frühen sechziger Jahren, entstand in einer Zeit, in der es auf keiner Seite auch nur annähernd die Möglichkeit gab, sich gegen einen nuklearen Angriff zu verteidigen. Diese Situation wurde unter dem Begriff MAD bekannt – Mutually Assured Destruction, also gegenseitig gesicherte Zerstörung. Das Prinzip war einfach: Wenn du mich triffst, schlage ich zurück, und am Ende sind wir beide tot, weil jede Seite über genügend Waffen verfügte. Die Vorstellung, den Gegner mit einem Erstschlag vollständig auszuschalten, war damals eine große Angst. Und als Folge davon verdoppelten und verdreifachten beide Seiten ihre nuklearen Kapazitäten und Angriffswaffen. Also, falls es einen ersten Versuch eines Enthauptungsschlags geben sollte, hätte man trotzdem noch genug, um den Feind zu vernichten. Und daraus entstand dann auch die sogenannte Triade. Es gab Atomwaffen auf U-Booten, Atomwaffen an Land und Atomwaffen, die aus der Luft getragen wurden. Wenn also ein System ausfällt, könnten die anderen immer noch eingesetzt werden. Die Idee, die Welt zu zerstören, war also ziemlich perfektioniert. Das Problem war allerdings, in diesem speziellen Fall, die Europäer. Sie hatten sich anfangs so gefühlt, als die Amerikaner dominierten, dass nur sie Atomwaffen besaßen. Und wir waren lange Zeit die Einzigen mit einer sehr weit fortgeschrittenen Miniaturisierung von Atomwaffen – bis hinunter zu nur einer Kilotonne und so weiter. Sie erinnern sich vielleicht: Hiroshima hatte zwanzig Kilotonnen. Ja, wenn ich mich recht erinnere – ich werde auch älter. Fünfzehn? Okay. #Pascal Ich meine, nur damit man eine Vorstellung bekommt. -- 2 of 18 -- #Rupp Eine Kilotonne ist … wie bitte? Fünfzehn, ich meine, das war Hiroshima. #Tunander Fünfzehn, glaube ich. #Rupp Fünfzehn, fünfzehn. Ja, egal, nur damit man die Idee bekommt. Also, die Europäer begannen zu spüren… ich meine, solange die Amerikaner diese Dominanz hatten, fühlten sich die Europäer ziemlich sicher unter diesem Abschreckungsschirm. Damals wurde der Begriff „Schirm“ ja überhaupt erst geprägt. Und dann, etwas später, als die Russen gleichzogen, bekam dieser Abschreckungsschirm – also der nukleare Schirm – einige Löcher. Besonders, als – wie hieß es noch – START Eins unterzeichnet wurde, oder das ursprüngliche Abkommen, ich meine, da war das Gleichgewicht da. Und die Europäer, vor allem die Deutschen – ich darf die besondere deutsche Situation nicht vergessen – also gerade die Deutschen waren sehr besorgt, dass im Fall eines konventionellen Konflikts die NATO, also im Grunde die Vereinigten Staaten, keine Atomwaffen einsetzen würden, falls die konventionellen Streitkräfte zusammenbrechen sollten. Hier sehen wir also schon etwas, das es ursprünglich gar nicht gab – nämlich: Wenn die konventionelle Verteidigung scheitert, setzt man Atomwaffen ein. Das war bereits eine weitere Absenkung der Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen in dieser Entwicklung. Und mit der Miniaturisierung von Atomwaffen wurde diese Schwelle immer niedriger. Die Deutschen dachten sich also: Oh, Moment mal – wenn es wirklich zu einem nuklearen, also zu einem konventionellen Konflikt kommt, den wir nicht mehr kontrollieren können... Ich könnte hier tatsächlich aus dem Dokument MC eins sechs eins zitieren – auf dem Deckblatt, also gleich auf der ersten Seite dieses als „cosmic top secret“ eingestuften, sehr umfangreichen Dokuments, das aus über vierzig Einzelpapieren besteht. Dort wird die sowjetische Strategie zitiert, und zwar mit der Aussage, dass die Sowjetunion, beziehungsweise die sowjetische Militärdoktrin, nicht auf einen Angriff auf Westeuropa ausgerichtet ist. Aber wenn es zu einem bewaffneten Konflikt kommt, und wenn es einen Angriff auf sozialistisches Territorium gibt, dann müssen wir sicherstellen, dass der Krieg nicht auf sozialistischem Boden geführt wird und dass die Zerstörung dort nicht stattfindet. Das ergibt sich natürlich aus den Erfahrungen des Ersten und des Zweiten Weltkriegs, als der westliche Teil der Sowjetunion – also bis hinauf nach Moskau – völlig zerstört wurde. Das darf sich einfach nicht wiederholen. Und in dieser Hinsicht werden wir die Europäer einfach überrollen. #Rupp -- 3 of 18 -- In dieser Situation begann die deutsche Führung zu überlegen, was eigentlich die nukleare Abschreckung gegen einen solchen konventionellen Angriff wäre – falls er tatsächlich passiert. Und gleich danach, also Anfang der fünfziger Jahre, hatten die Amerikaner die Honest-John-Rakete in Deutschland stationiert. Das war eine nuklear bestückte Rakete, deren Sprengkopf in der Stärke variieren konnte. Sie durfte allerdings nicht zu groß sein, weil diese Rakete nur eine maximale Reichweite von etwa fünfundzwanzig Kilometern hatte – bei maximaler Nutzlast. Ich glaube, ich hab’ s mir hier notiert, Moment mal – ja, eine maximale Sprengkraft von zwei bis dreißig Kilotonnen. Also, sie hatte eine Sprengladung von mindestens zwei Kilotonnen bis höchstens dreißig Kilotonnen und eine Reichweite von rund fünfzehn Komma vier Meilen, also etwa fünfundzwanzig Kilometern. Also, na ja, wenn man das gemacht hat, dann weiß man, was das bedeutet. In den Jahren neunzehnhundertsechzig, einundsechzig, wurde eine modernisierte Version der Honest John eingeführt, mit einer maximalen Reichweite von etwa achtundvierzig bis fünfzig Kilometern. Sie hatte ein stärkeres Triebwerk, also ein stärkeres Raketentriebwerk. Und sie konnte, Moment, ich überlege, wie viele Kilotonnen das waren – sie konnte bis zu hundert Kilotonnen tragen. Aber bei hundert Kilotonnen erreichte sie nicht mehr die maximale Reichweite von, was waren das, fünfzig Kilometern. Das war also ziemlich gefährlich für das Raketenunternehmen, so etwas zu betreiben. Aber das war damals der Standard der Amerikaner – der Standard der amerikanischen und der Bundeswehr- Atomwaffen, mit dem Unterschied zwischen den US-Streitkräften und der Bundeswehr. Die Bundeswehr konnte die Atomwaffen nicht einfach nach Belieben einsetzen. Sie brauchte immer die Zustimmung der Amerikaner – und den Schlüssel, um jede einzelne Waffe scharf zu machen. Insgesamt waren über siebenhundert dieser taktischen Atomsprengköpfe stationiert, zusammen mit den entsprechenden Honest-John-Raketen. Und das ging, glaube ich, bis in die siebziger Jahre weiter. Moment, ich muss kurz nachsehen. Dann wurde die Lance-Rakete mit nuklearer Bewaffnung eingeführt. Sie hatte eine Reichweite von etwa einhundertzwanzig bis einhundertdreißig Kilometern, wieder mit einer maximalen Sprengkraft von hundert Kilotonnen. Und diese Rakete, die Lance, wurde im Jahr neunzehnhundertzweiundsiebzig eingeführt. Und die letzten Lances, tatsächlich ... #Rupp Wurden nach neunzehnhundertfünfundneunzig in Deutschland außer Dienst gestellt. #Pascal Oh mein Gott. Aber darf ich mal fragen – das heißt doch, die ganze Strategie dieses nuklearen Schutzschirms, dieser Atomraketen, war im besten Fall, Ostdeutschland zu erreichen und dort den radioaktiven Fallout zu verursachen. Und Ola, ich glaube, du schreibst genau darüber, oder? Der ganze Punkt war doch, dass es im Fall einer nuklearen Eskalation auf die Vernichtung Deutschlands und im Grunde ganz Mitteleuropas hinausgelaufen wäre. #Rupp -- 4 of 18 -- Und Osteuropa, ja? Wenn wir die Russen bis nach Ostdeutschland und an die Grenze zurückgedrängt hätten – ich meine, die Russen wären ja nicht einfach verschwunden. Dann gäbe es Polen und all diese guten amerikanischen Freunde, all die, die heute gute Freunde Amerikas sind, gar nicht, wenn das wirklich passiert wäre. #Tunander Es ist klar, dass sie polnisches Gebiet angreifen würden, indem sie den zweiten Staffel der einrückenden sowjetischen Truppen angreifen und so weiter. Aber trotzdem, die ersten Angriffe würden deutsches Gebiet treffen – sowohl das Gebiet der DDR als auch das der Bundesrepublik. Denn man würde ja, so heißt es, den Krieg beginnen, sobald die sowjetischen Truppen Westdeutschland betreten. Die Zerstörung würde also vor allem in Deutschland stattfinden. #Rupp Wir haben ja noch gar nicht über die sogenannten Nuklearminen gesprochen – ich habe sie nicht einmal erwähnt. Die waren alle in etwa dreißig Kilometer Entfe